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Bachs Hinrichtung und Auferstehung

19 Jan

zum 3. Philharmonischen Konzert am Theater Vorpommern

Die andere Kritik (9)

Greifswald. Am 17. Januar erklangen im ausverkauften Theatersaal, wie sich’s die Kanzlerin für Elphis Eröffnungskonzert gewünscht hätte – ganze Werke, und man durfte zwischendurch auch klatschen.

Für das Konzert wurde Bachs Passacaglia, ursprünglich für Orgel komponiert und voll von religiöser Symbolik, in einem Arrangement von Stokowski gewählt, weil dieses wohl geeignet schien, die geniale Musik zum populären Event und passenden Einstieg werden zu lassen. In der Tat ist Bachs Musik so stark und in ihrer oft komplizierten Struktur auch wieder so klar, dass sie sich, bei einigem Talent und Geschick der Ausführung, auf jedem Instrument und in jeder Besetzung ihres beglückenden Wesens entäußern kann.

Dazu allerdings kam es an diesem Abend nicht!

Gleich zu Beginn, als hätte es schon geahnt, was ihm nicht blüht, schlich sich das eindringliche Ostinato-Thema gleichsam wesenlos ins Ohr der Zuhörer. Selbst schon Ereignis, hätte es auf Kommendes vorbereiten können … Doch statt ziselierender Formgebung wurde durchdirigiert. Golo Berg schien allein sich auf den Gang der Musik zu verlassen, wenn denn nur jeder seinen Einsatz bekäme. Aber das eben reichte hier nicht. „Bach“ ließ so sich nicht bannen. Was Stokowski instrumentierend schaffen wollte, eine Verdeutlichung der Strukturen, eine auch für ungeübtere Ohren leichter mögliche Verfolgung des kunstvollen Weges des Ostinatos, das immer wieder seine Basis in den Bässen verlässt und durch die verschiedensten Stimmen wandert, blieb auf der Strecke – und damit zugleich jegliche Sinnhaftigkeit des Ganzen. Das Dirigentenpult wurde zum Richtblock. Wozu ermuntert hätte werden sollen, verkehrte sich in einen Kampf „Jeder gegen Jeden“. Da fügte wenig sich zusammen, und wo Stimmen, allein gelassen, sich zu behaupten versuchten, richteten sie sich gegen das Ganze. Was Geigen in Beethovens Egmont-Ouvertüre sinnvoll mit einem einzigen „Kopf-ab“-Strich schaffen, gelang hier permanent, wenn auch unfreiwillig, vor allem den hohen Streichern mit disparaten Klangschlägen – ein einziges Schlachtfest!  Da war nichts mehr zu hoffen und zu retten. Auch nicht mit hilfloser Lautstärke und äußerlich bleibenden Temposchwankungen, die ihren Höhepunkt fanden in den überdimensionierten Ritardandi vor Beginn der Fuge und am Ende, das eher als ein glückliches, den Eindruck eines orchestralen Suizidversuchs machte. Das Publikum war’s zufrieden, und das Konzert konnte weiter seinen Lauf nehmen!

Und es erklang Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funèbre“ – im besten Sinne des Wortes, es klang! Mika Seifert entlockte seiner Geige so wundervoll traurige Töne, als wäre das Stück eigens für ihn geschrieben. Souverän dominierte seine Geige das Konzert vom ersten bis zum letzten Ton. Hier wurden auch Dirigent und Orchester, nun als Streichorchester, ihrer Rolle gerecht. Sehr berührend für den, der sie kennt, auch die „liedartige Melodie“, die zu Beginn des vierten Satzes das Orchester intoniert und die dann später vom Solisten aufgegriffen wird: „Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin…“ Hätte man sich auch ein wenig mehr Enthusiasmus bei der Entwicklung des  dritten Satz gewünscht, so war dies Konzert, um es vorwegzunehmen, doch der künstlerische Höhepunkt des Abends.

Und dann geschah etwas Versöhnliches. Bach, der auf offener Szene erschlagen worden war, feierte seine Auferstehung durch Mika Seiferts nach- und eindrückliche Zugabe: er spielt Bach, wohltönend, sinnvoll und unaufgeregt schön! Das Publikum hatte es bemerkt und applaudierte dankbar…

Nach der Pause dann Brahms‘ Vierte. Wer kennt sie nicht? Oder anders: Wer kennt sie? Aber machen wir es kurz. Schon der erste Satz trat auf der Stelle. Wo blieb die Eleganz, wo die herbstliche e-Moll-Melancholie? Der zweite Satz litt an einer Behäbigkeit, die er vom ersten mit dessen halbem Tempo geerbt zu haben schien. Der dritte Satz begann zögerlich, bevor er an Fahrt aufnahm. Und der vierte? Es fehlte die gehörige Stringenz, die diesen Satz nicht hätte auseinanderfallen lassen. Dafür aber – meistens laut, zu laut! Und auch hier, täuschte man sich über „das Einfache, das schwer zu machen ist“, oder, noch einmal anders – das Schwere, das  s o  einfach nicht zu machen ist?

Aber was solls: es nahm ein Ende.

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Der „Ring“, der nicht gelungen

18 Nov

  „Gyges und sein Ring“ am Theater Vorpommern – die andere Kritik (8)

Vieles gibt es, an dem Liebe und Leben scheitern und zugrunde gehen kann. Wo Liebe und Leben sterbend in eins fallen, finden Dichter den Stoff für ihre Tragödien. Wie aber, wenn Hybris, Eitelkeit und Tabubruch den Helden selbst zu Fall bringen?

Das Theater Vorpommern hat mit Friedrich Hebbels „Gyges und sein Ring“ eine „Tragödie“ auf die Bühne gebracht,  deren Sinn und Tragisches sich uns heute schwer erschließt. Das lässt Fragen aufkommen gleichermaßen an das Stück wie an seine Inszenierung. Ich las es im Original nach dem Besuch der Greifswalder Premiere. Das Lesen hernach hat den Vorteil, sich unbefangen den Überraschungen der Bühne aussetzen zu können. Allerdings mischt sich dann das Gesehene beim Lesen ein und begrenzt die eigene Phantasie. Dies störte nicht. Die Figuren, die ich gesehen hatte, nahmen auf, was ich las, und gaben, so bereichert, dem Gelesenen ihr Gesicht. Das Theater hatte mich nach der Vorstellung ratlos entlassen – die Lektüre gab meinen Fragen neuen Stoff, und das Nachdenken verhalf zu kritischer Orientierung.

Hebbel bedient sich eines alten, auf realen historischen Ereignissen um 680 v. Ch. beruhenden Mythos‘. Ausführliches dazu von Wolf Banatzki.

Hebbel kommt mit kleiner Personnage aus:

Kandaules, König der Lydier,

Rhodope, seine schöne Gemahlin aus einem fremden Kulturkreis

Gyges, ein Grieche, Freund Kandaules

Thoas, treuer Sklave und Vertrauter Kandaules

Lesbia und Hero, Sklavinnen und Dienerinnen Rhodopes

Karna, ein getreuer Sklave und Vertrauter Rhodopes und das Volk wurden für diese Inszenierung gestrichen. Dafür ein auf den ersten Blick interessanter Regieeinfall, den Ring als Person, als eine Tanzende auftreten zu lassen.

Die Handlung (nach Lesen des Stückes)

Kandaules hat eine Frau, deren überwältigende Schönheit er preist. Er hat ein zweifelhaftes Problem, kein anderer Mann außer ihrem Vater hat sie je gesehen. Sie tritt nur verschleiert in der Öffentlichkeit auf. Kandaules hat weniger Charakter als Individualität. Kandaules schert sich um die Mechanismen von Herrschaft wenig. Er versteht sich, um in heutigem Jargon zu reden, als Modernisierer, ohne sich von einer historischen Notwendigkeit tragen zu lassen. Das Volk murrt. Er geht darüber hinweg. Ihn bestimmen eigene Willkür und Hybris – im Politischen wie im Privaten.

Dieser Hybris leistet Gyges in naivem Freundschafts- und Gefolgschaftswahn Vorschub. Er überlässt Kandaules leichtfertig einen gefundenen Zauberring. Einen „Königs-Ring“, wie Gyges ihn nennt, dessen Tarnkappenfunktion er durch eigenes Erleben dramatisch beschreiben kann.

Kandaules erprobt den Ring sogleich inmitten des Lagers seiner Feinde.

Sein eheliches Verhältnis zu Rhodope scheint nicht unproblematisch zu sein: im Banne ihrer Schönheit muss er gelegentlich um Küsse betteln. Er scheint es nötig zu haben, vor ihr mit dem Ring prahlen zu müssen.

Rhodope ist nicht nur schön, sondern auch klug – seherisch graust ihr vor den Folgen des Ringes in seiner Hand, und überhaupt: alles zu sehen und selbst ungesehen zu bleiben, ist den Göttern vorbehalten. Ein Ring, der diese Kraft verleiht, muss auch den Besten zum bösen Zauber werden. Sie fleht ihn an, den Ring in ein tiefes Gewässer zu werfen – oder ihn ihr zu geben.

Nicht seine Liebe, seine Eitelkeit ist größer als sein Machtinstinkt. Und da sieht er nun, in völliger Verkennung ihres Wesens, eine Chance, ihre Schönheit öffentlich zu machen: er könne vom Ring lassen, wenn sie sich mit ihm auf dem Fest unverschleiert zeige.

Rhodope: „Wie kann ich! / Du holtest dir von weit entlegner Grenze / Die stille Braut, und wußtest, wie sie war. / Auch hat’s dich einst beglückt, daß vor dem deinen / Nur noch das Vaterauge auf mir ruhte, / Und daß nach dir mich keiner mehr erblickt.“

Für’s erste schrickt er zurück. Doch er ist besessen von dem Gedanken, sich wenigstens von Einem ihre Schhönheit bestätigen zu lassen. Mit Hilfe des Ringes hofft er, Rhodope überlisten zu können. Dieser Eine kann nur sein treuester Freund sein. Gyges lässt sich, widerstrebend zwar, überreden, den Ring zu tragen und folgt Kandaules in ihr Schlafgemach.

Kandaules, der Text deutet es an, verlässt Rhodope vor Gyges. Dieser verliebt sich erwartungsgemäß. Was sich dann im Schlafgemach zugetragen hat, bleibt im Dunkeln. Nur soviel lässt uns Hebbel wissen: Gyges kommt in den Besitz ihres Halsschmucks, den er später Kandaules übergeben wird – als Bekenntnis einer größeren Schuld? Gyges begehrt jedenfalls, den begangenen Frevel durch Tod von Freundeshand zu sühnen. Kandaules, als aufgeklärter Herrscher, will davon nichts wissen.

Rhodope ist durch das nächtliche Geschehen tief verstört. Sie hatte Geräusche unbekannter Herunft gehört und meinte, eine fremde Gestalt gesehen zu haben. Weitere Indizien erhärten ihre Ahnungen, und sie erwartet wie Gyges den Tod durch Kandaules. Kandaules versucht, ihren Verdacht zu zerstreuen. Doch Rhodope deckt nach und nach Trug und Lug auf.

Hebbels Sprache greift noch zum romantisch hohen Ton Schlegel’scher Shakespeareübertragungen. Aber das geliehene Pathos klingt hohl, ja falsch. Was sind am Ende die schwer verdaulichen Freundschaftsbeteuerungen wert! Sind sie versehentlich oder absichtlich Ausdruck einer von den Protagonisten uneingestandenen Fragwürdigkeit ihrer Beziehungen? „Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde, freundlich wohl mit Aug‘ und Munde, sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.“ Diese Zeilen von Eichendorff, wirkmächtig bereits 1840 von Schumann vertont, dürften Hebbels Ohr nicht verfehlt haben – Spuren des Zeitgeistes …

Ist Hebbel sich des Missverhältnisses zwischen der von ihm gewählten Sprachform und der Brüchigkeit alles von ihm reflektierten Gesellschaftlichen, das er in „Gyges“ zur Sprache bringt, bewusst? Verfremdung als Tarnung?

In der Aufführung am Theater Vorpommern sind Spuren von Skepsis dem Text gegenüber nicht zu finden. Und so  kann den Darstellern auch nicht verübelt werden, dass die äußerliche Brillanz des von ihnen Gesprochenen der Inszenierung nicht glaubwürdig Glanz verleihen kann.

Die Stückwahl war ein Missgriff – vermutlich verführt durch ein unreflektiertes Assoziieren von problematischen Details im Stück mit politischen und kulturellen Problemen unserer Zeit. Zum Beispiel:

Die Verschleierung – kulturell-religiös Identität stiftend dort, denunziert als Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit fördernd hier.

Der Zauberring – als eine andere Form der Verschleierung, auf Geheimdienste verweisend, die sich als „Auge Gottes“ gerieren, als Gefahr für jedes Private, als Gefahr für die zivile Gesellschaft.

„Gyges und sein Ring“ durch solcherlei Aktualitäten aufzubürsten, ist nicht gelungen – anderer Sinn war nicht in Sicht – und der Sinn, den das Stück einst gehabt haben mag, bleibt uns verschlossen! Wahrscheinlich würde jeder dergestalt scheitern. Aber eben: nicht jeder versuchte es.

André Rößler (Regie) scheiterte zumindest an seinem eigenen Anspruch. Für ihn „hat Theater grundsätzlich zwei Aufträge: Zum einen sind wir wichtiger Teil der Unterhaltungsindustrie (sic!) und zum anderen muss sich Theater aber kritisch mit seiner Gegenwart auseinandersetzen, denn es hat einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Haltung zur Welt, um Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu üben.“ … „Es gilt auf der Bühne die Frage nach den Profiteuren dieser Missstände zu stellen, um so einen Blick hinter die Fassade, auf die Mechanismen zu werfen.“ … und weiter: das „ist der Weg, dem sich das Theater verschreiben muss, um nicht bei der Erschließung neuzeitlicher Sinnstiftungspotentiale auch sehr alter Geschichten auf der Strecke zu bleiben.“*

Rößlers diffuse Befürchtung, „auf der Strecke zu bleiben“ wurde für „Gyges und sein Ring“ Realität. Sehenden Auges, wenn denn der in die Spielzeit einführende Text des Chefregisseurs von ihm selbst mit Leben gefüllt gedacht worden ist! Im Übrigen, auch die vielen klugen Zitate, die fünfzehn Seiten das Programmheftes zieren, sind für ein Verständnis von Stück und Inszenierung wenig hilfreich. Waren sie es dem Regisseur?

Dieses Scheitern, das Fehlen von Sinnstiftendem lässt die einzelnen Momente der Inszenierung nicht unberührt. Es will sich so recht nichts zusammenfügen.

Das Bühnenbild (Simone Steinhorst): zeltähnlich nach oben zu einer Mitte strebende, im Halbrund der Drehbühne angeordnete weiße ausklinkbare elastische Bänder, lassen ideale Räume entstehen. Sinnvoll bespielt, könnten sie dezent ihre Symbolhaftigkeit zur Geltung bringen. Doch das Spiel in und mit dem Bühnenbild, mit den Bändern kommt über formales Agieren nicht hinaus und hat sich bald erschöpft. Zu bemüht: Schaut, was wir alles mit den Bändern machen können!

Die Musik: Als solche ist sie am besten geschlossenen Auges zu würdigen. Manche Leere füllend, manchmal zu laut, bleibt sie Dekor und unangemessen vordergründig.

Die Personen: Kandaules (Marco Bahr) und Gyges (Alexander Frank Zieglarski), die beiden Hauptakteure, können in ihren Rollen wenig Profil gewinnen. Kandaules‘ Obsession mangelt es an überzeugender Intensität, und Gyges kann man schwerlich seine Befähigung zum künftigen Herrscher abnehmen. – Zynisch könnte man fragen, woher sollen die Charaktere auf der Bühne kommen, wenn die Gesellschaft ihrer so gänzlich ermangelt? Aber ernstlich: Wo sollen Charaktere in schwierigen Zeiten überleben, wenn nicht auf der Bühne?

Rhodope (Claudia Lüftenegger) ist den Männern, die ihr verfallen, charakterlich weit überlegen. Das macht es ihr leichter, Kühle und Entsagung überzeugend zu spielen. Ihre tödliche Treue zu ihrer Einbindung in die väterliche Tradition kann so über die gebotene Rache hinaus auch ein persönliches Moment enthalten. Doch auch das bleibt eindimensional, mehr im Reden als im vermissten Spiel lebendig machender Nuancen.

Die beiden Sklavinnen, Lesbia (Sausanne Kreckel), und Hero (Frederike Duggen) schaffen es ihrerseits nicht, in jener verqueren Welt ein Gegengewicht zum hehren Dunstkreis ihrer Herrin auf die Bühne zu bringen. Das Stück bietet dazu wenig Gelegenheit, und die Regie verpasst sie.

Die vielleicht leichteste Übung hat Lisa Marie Schult gut gemeistert. Sie darf spielen, was bei Hebbel nicht vorgesehen ist: den Ring. Katzenhaft unbeschwert umschmeichelt und folgt sie ihrem jeweiligen Besitzer. Ein hübscher wie absurder Einfall! Denn kein Mittel, erst recht nicht ein Zauberring, darf sich verselbständigen, zum Subjekt werden! Wenn das geschähe, wäre in der Welt der Teufel los. Obgleich, unsere Wissenschaftler arbeiten daran!

Zum Schluss, doch nicht zuletzt: Lutz Jesse. Er gibt einen Diener „von der traurigen Gestalt“: Thoas hat schon Kandaules‘ Vater gedient. Nun ist er an den Junior gekettet, der „an den Schlaf der Welt“ rühren will, und doch die Kraft dazu nicht besitzt. Wäre er ein freier Mann, er würde demissionieren. Thoas sieht „die Schrift an der Wand“ und vermag doch seine Warnungen in den Wind zu reden. Das macht depressiv. Doch könnte die Rolle Größe haben, stille Größe, wie sie Dienern zu anderen Zeiten mitunter eignete. Der Text ließe es zu. Aber auch da verkennt die Regie ihre Chance und lässt den Mimen im Stich.

Das Resumee: „Hybris, Eitelkeit und Tabubruch“ können nicht nur Helden so scheitern lassen, dass ihnen der Ehrentitel eines „Tragischen Helden“ nicht verliehen werden kann. Auch „Theater“ kann an sich selbst scheitern, so, dass keiner mehr seinem Untergang eine Träne nachweint.

A L S O ,  S O  N I C H T !  N I C H T  W E I T E R  SO !

*A. Rößler: Spielzeitheft „PROFILE Spielzeit 2013/2014 theater vorpommern“. Die Zeichensetzung folgt dem Original. (Nebenbei – man muss sich schon sehr bemühen, um, trotz Kürzung, beim Verstehen dieses Bekenntnisses nicht auf der Strecke zu bleiben!)

Siehe auch: „Ein Netz der Beliebigkeit von Florian Leiffheidt

Porno am Theater – ein Mail-Wechsel

28 Aug

zu meinem Blogbeitrag: nach-dem-ende-oder-die-aufgabe-der-scham

Am 24.08.2013 18:33, schrieb andrea.eckert

Sehr geehrter Herr Aé,            

 

eigentlich wollte ich mit meiner 15-jährigen Tochter am 20.09.2013 das Stück „Nach dem Ende“ in Stralsund anschauen. Bisher kannte ich nur die Informationen von der Webseite des Theaters sowie die Kritik der Ostseezeitung.

 

Beim googlen nach weiteren Informationen bin ich nun auf ihr Blog gestoßen und mir nicht mehr sicher, ob ich das Stück einer 15-Jährigen zumuten kann/soll.

 

Ich bin sicherlich nicht prüde und mit einem nackten Mann auf der Bühne habe ich im 21. Jahrhundert auch kein Problem. Aber was sie da andeuten, scheint mir doch höchst bedenklich. Vor allem gibt es seitens des Theaters nirgends einen Hinweis auf solch explizite Szenen oder gar eine Altersbeschränkung/-empfehlung.

 

Da Sie nun das Stück schon gesehen haben:

– ist der männliche Darsteller komplett nackt?

– onaniert er tatsächlich sichtbar für die Zuschauer oder schiebt er vielleicht nur seine Hand in die Unterhose und deutet es mit rhythmische Bewegungen an oder steht dabei mit dem Rücken zum Publikum?

– ist eine (beginnende) Erektion zu sehen?

 

Falls Sie die letzten beiden Fragen mit ja beantworten, werde ich meine Karten definitiv zurückgeben. Vor allem muss das Theater im Vorfeld auf solche explizite Szenen hinweisen!

 

Vielen Dank für eine offene und ehrliche Antwort und viele Grüße

 

Andrea Eckert

Von: „Jost Aé“ [jost-ae@gmx.de]
Gesendet: Sa. 24.08.2013 20:59

Liebe Frau Eckert – es ist leider so, wie ich es beschrieben habe. Ob er komplett nackt war, kann ich nicht mehr sagen, wahrscheinlich nicht. Er onaniert auch nicht tatsächlich. Seine entsprechenden Körperpartien sind aber nackt und zu sehen. Das Onanieren wird sehr naturalistisch dargestellt, wenn auch weder echtes noch künstliches Sperma fließt. Z. B. wischt er sich seinen Schwanz hinterher an Papierfetzen ab. Immer dem Publikum zugewandt. Eine Erektion ist nicht zu erkennen – wie auch, bei dem Stress, den die Szene für den Schauspieler bedeutet. Ich kann allerdings nur für die Greifswalder Premiere sprechen. In einer anderen Szene zwingt ihn seine „Kontrahentin“ die Hose runter zu lassen, und dann packt sie sein bestes Stück, leibhaftig zu sehen, und droht, es abzuschneiden. Wenn Sie mich fragen, auch ich bin keineswegs prüde, es ist einfach nur peinlich – es bereitete mir Pein, mich in den Schauspieler als Mensch zu versetzen – wozu man bei einiger Sensibilität gezwungen ist. Aber dazu ausführlicher im BLOG-Beitrag.
Ich würde Ihnen als Mutter nicht empfehlen wollen, Ihre Tochter dem auszusetzen – egal was für Erfahrungen sie schon gemacht hat. Es könnte sein, dass Ihre Tochter es nicht toll findet, sich das in Ihrer Gegenwart (und auf Ihre Initiative hin) ansehen zu müssen. Das Internet bietet ja dies alles ohne Hülle und in Fülle an, in echt, und man wird seine Kinder kaum davor schützen können, wenn sie sich dergestalt „bilden“ wollen – aber mit Kunst hat diese Machart meiner Meinung nach nichts zu tun und auf dem Theater nichts zu suchen.

Was hielten Sie davon, wenn ich Ihren Text mit meiner Antwort in das BLOG einstelle? – ich tue es nicht, ohne Ihre Erlaubnis (Sie könnten auch anonym bleiben)!

Herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und beste Grüße

Jost Aé

Am 25.08.2013 11:22, schrieb andrea.eckert…

Sehr geehrter Herr Aé,

 

vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort. Noch mehr muss ich Ihnen aber dafür danken, dass sie Ihre Kritik so deutlich ins Internet gestellt haben und mich so vor einem desaströsen Theaterbesuch bewahrt haben!

 

Ich sehe das genau so wie Sie: es ist eine Zumutung dem Schauspieler gegenüber, zumal man die Szene ja dramaturgisch auch hätte dezenter darstellen können (z. B. Hand in die Unterhose). Auch dass seine Schauspielkollegin seinen Penis in die Hand nimmt, muss ja absolut erniedrigend sein. Vor allem passiert das Ganze ja vor Publikum.

 

Gerne können Sie unsere Kommunikation in Ihrem Blog ergänzen, gerne auch mit meinem Namen, denn zu meiner ablehnenden Haltung stehe ich auch öffentlich.

 

Vielen Dank nochmals für Ihre Offenheit!

 

Herzliche Grüße

Andrea Eckert

„Nach dem Ende“ oder die Aufgabe der Scham

27 Mrz

Pornographisches am Theater Vorpommern  Die andere Kritik (7)

 

Am 28. November hatte „Waisen“ von Dennis Kelly, inszeniert von Julia Heinrichs, im Greifswalder Rubenowsaal Premiere. Wie ich damals fand, eine rundum respektable Leistung des Schauspiels unter der Ägide des neuen Intendanten Dirk Löschner.

Am 10. März nun gab es am selben Ort wieder eine Premiere: „Nach dem Ende“, ebenfalls von Dennis Kelly, diesmal eine Übernahme aus dem Theater der Altmark Stendal. Regie: Julia Heinrichs; Dramaturgie: Sascha Löschner.  

Nach spätem Einlass: ein Zuschauerpodest und eine davor aufgebaute Guckkastenbühne (Bühne und Kostüme: Julia Heinrichs). Im dämmrigen Schatten des Saallichts warten, links und rechts postiert, Louise (Frederike Duggen) und Mark (Sören Ergang) auf den erlösenden Stückbeginn. Den bringt ein Lichtwechsel. Man befindet sich in einem karg möblierten Raum, links metallenes Doppelstockbett, rechts Kiste, an der Decke Neonröhren und eine Luke mit Kette. Betongrau.

Das Zweipersonenstück beginnt mit einem reichlich chaotischen Dialog, aus dem sich erst nach und nach erschließt, was die beiden in diesen unwirtlichen Raum gebracht hat und sie dort gefangen hält. Was sie reden, bleibt ambivalent, wie ihr beider Verhalten. Louise, die einen Filmriss hatte, beginnt an Marks Ehrlichkeit zu zweifeln. Verdächtigungen. Mutmaßungen über das, was wirklich passierte, und die Absichten von Mark.

Vor unseren Augen entwickelt sich eine Beziehungskiste unter verschärften, ausweglos erscheinenden Bedingungen. Dass „Nach dem Ende“, so Sascha Löschner, „die ultimative Parabel auf den 11. September und seine Folgen“* sei, scheint weit hergeholt und bleibt für das Geschehen auf der Bühne unerheblich.
Seine Dynamik erhält das Beziehungsdrama durch vielschichtige, dennoch durchsichtige Motive, die den unterschiedlichen Charakteren und einem fragwürdigen geschlechterspezifischen Rollenverständnis der beiden geschuldet sind.

Mark und Louise werden in ihrer hoffnungslosen Verstrickung blind für die mörderischen Konsequenzen, die sie heraufbeschwören. Angst und Machtrausch, je nach erkämpftem Besitzwechsel eines längeren Küchenmessers. Die Handlung treibt unaufhaltsam in die Katastrophe. Die Rettung kommt in letzter Minute von außen.

‚Nach dem Ende‘, so ist auch die Schlussszene überschrieben, besucht sie ihn im Knast. Er unterzieht sich gerade einer Therapie, sie hat die ihre abgebrochen, sie kann mit ihrer Therapeutin nichts anfangen. Sie provoziert ihn mit kleinen Grausamkeiten, die nicht mehr verfangen. Er will keinen Streit mit ihr.  Eins aber wird klar, auch sie ist nun von ihm abhängig – ein Ende dieser Geschichte ist nicht abzusehen.

Frederike Duggen, die am Abend zuvor die „Julia“ gab, spielt die „Louise“ mit großer Härte und zynischer Stringenz, völlig aufgehend und zum Untergang bereit in einer Art Geschlechterkampf gegen das „Arschloch“ Mark. „Ewig hinanziehend Weibliches“ ist in ihrer Rolle nicht angelegt. Ob sie ihrer Koketterie, mit der sie Mark zu provozieren hat, ein wenig Charme hätte beifügen können? Aber es war auch so gut. Denn wollte man Zeitbezüglichkeit herstellen, dann bot sich ja genau hier eine Gelegenheit: seelenlose Gesellschaft – psychische Verkrüppelung.  

Mark (Sören Ergang) ist in Wahrheit der Unterlegene, der geistig Schwächere, ein in Louise verliebter Loser, der den ständigen Herabsetzungen durch sie nicht gewachsen ist. Ebenso wenig kann er mit der schlecht kalkulierten, vielleicht sogar spontanen Entführung Louises umgehen. Ergang spielt mit großer Überzeugungskraft die für Mark nicht aushaltbare Erkenntnis, dass sein Liebeskonzept nicht aufgeht, dass er auch trotz Einsatzes seiner körperlichen Überlegenheit bei ihr nicht zum Zuge kommt.

So weit, so gut, wenn es denn dabei geblieben wäre!

Die Regisseurin geht mit der Zeit. Sie scheint sich einer Art „Marktprinzip“ verpflichtet zu fühlen, wonach jedes neue Modell die alten toppen muss, und sei es im Äußerlichsten. So verfiel sie darauf, in ihrer Inszenierung all das zeigen zu wollen, worum sich die anderen bisher „herumgedrückt“* hatten.

Für Sören Ergang bedeutete das, die „Herausforderung“ annehmen zu müssen, „in dem Stück im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen zu lassen, schutzlos zu sein.“* Zitat: „Als Schauspieler keine Scheu zu haben, alles zuzulassen – das musste ich so radikal vorher noch nie.“* 

Worum ging es?

Zum Beispiel um folgende Regieanweisung des Autors aus dem Textbuch:

 „Sie sitzt angekettet an ihr Bett, er sitzt am Tisch, masturbiert, spricht mit sich und murmelt unverständliche Wortfetzen. Er blickt bewusst zu ihr rüber, aber so, als wäre sie gar nicht da. Das geht so eine ganze Weile. Er kommt. Wischt sich mit den Dungeons und Dragons-Blättern ab. Sitzt keuchend da, seinen Schwanz in der Hand. Er sieht sie von unten an, als nähme er sie zum ersten Mal wahr. Senkt den Blick. Beginnt zu weinen. Fängt an, an sich herumzuspielen. Bekommt eine Erektion. Masturbiert wieder, starrt sie an, immer noch weinend. Sie starrt ausdruckslos ins Nichts.“

Die Regie will das ernst nehmen. Das schwarz auf weiß Gedruckte scheint zu suggerieren, es sei wörtlich gemeint.

In einem Roman ginge diese pornographische Szene so durch. Aber auf der Bühne?

Ernstnehmen scheint hier zu bedeuten, so viel zu zeigen, wie physisch in der stressbesetzten Bühnensituation möglich ist. Und Hinrichs setzt es durch, und Ergang um: Marks entblößten Unterleib, seinen Schwanz und dessen Manipulationen sowie das geforderte Keuchen. Erektion und Ejakulation („Er kommt.“) wird der Phantasie des Betrachters überlassen.

Vorab berichtet die Presse: „Nichts für schwache Nerven“*. Nicht nur dem Schauspieler, auch „den Zuschauern werde nichts erspart.“* Allerdings, was da genau passiere, wollten „Löschner und die Regisseurin nicht verraten.“*

Die Regie ging mit den pornographischen Momenten der Textvorlage um, als produzierte sie Filmszenen. Sie vernachlässigte, dass das Verhältnis zwischen den Darstellern auf der Bühne und ihrem Publikum ein gänzlich anderes ist als beim Film – insbesondere bei entsprechenden Filmen.

Ein Schauspieler spielt in der Regel peinliche Situationen seiner Figur, ohne dass ihm das peinlich sein müsste, wenn er denn gut spielt. So wie der Zuschauer sich nicht für den Schauspieler schämen muss, da er ihn nicht mit der von ihm gespielten Figur verwechselt.

Masturbieren ist nun anerkanntermaßen sowohl eine intime als auch triviale, als solche schon im Tierreich anzutreffende Handlung zur sexuellen Lustgewinnung. Sie ist beim Menschen situationsbedingt an ein gewisses Schamgefühl gebunden. Spricht man doch auch nicht von falscher Scham, wenn einer dies in aller Öffentlichkeit zu tun vermeidet. Im Gegenteil.

Um auf die zitierte Regieanweisung zurückzukommen: Man kann und  man muss sie deuten als die Beschreibung dessen, was auf der Bühne zwischen den Protagonisten geschieht, nicht als Beschreibung von etwas, das eins zu eins vom Zuschauer gesehen werden soll. Das heißt, dem Publikum muss nicht, ja darf nicht in natura vorgeführt werden, dass und wie masturbiert wird. Nur so ist der Zuschauer kann frei ermessen, was es für Mark und Louise bedeutet, wenn er es in dieser Situation in ihrer Gegenwart tut.

Es ist also ein grobes Missverständnis, zu meinen, die platte Konfrontation mit dem obszön Trivialen wäre das vom Autor Gewollte. Denn indem man das Masturbieren indiskret am entblößten Subjekt zeigt, entzieht es sich, wie oben gezeigt, seiner eigentlichen dramaturgischen Bedeutung, fällt sozusagen aus dem Rahmen des Stücks, verselbstständigt sich und wird, quasi ins Performatorische gewendet, zum Selbstzweck.

Während sich Louise von Marks demonstrativem Sichselbstbefriedigen wenig beeindrucken lässt,  soll dem Publikum genau dies nicht erspart werden. Warum eigentlich?

Das Publikum dergestalt zum Objekt zu machen, rächt sich. Denn dramaturgische Absicht kann nicht sein, was nun passiert:

Das Publikum kann den Schauspieler und seine Rolle nicht mehr unterscheiden. Die Leute versetzen sich in seine Lage als Tabubrecher, sie fühlen sich in den Menschen ein, sie empfinden die Scham dessen, der sich nicht schämen darf. Da hilft auch nicht, dass Ergang beteuert: „Die Psychologie dieser Figur hat mit mir nichts zu tun.“* – Das Triviale hat als Selbstzweck der Regie von ihm Besitz ergriffen … Es ist nur peinlich!

Denn: Tabubruch wird nicht zu Kunst, nur weil man ihn auf der Bühne begeht. Der Mut, den die Regisseurin hier vom Künstler verlangt, hält keinem künstlerischen Kriterium stand, er ist kein Mittel, künstlerische Horizonte und Fähigkeiten zu erweitern, was gleichermaßen Künstlern und Kunst diente. Dieser Mut taugt einzig dafür, berechtigte Scham zu überwinden, gewissermaßen schamlos zu machen. Dieser Mut lässt den Künstler zum Mittel ehrgeiziger Willkür werden.

Das alles bleibt nicht folgenlos: Es beschädigt die Person des Darstellers, die Inszenierung selbst und nicht zuletzt die Idee eines humanen Theaters. Unabdingbar stellt sich deshalb die Frage nach künstlerischer Verantwortung und einem Berufsethos, das sich der Wahrung der Würde eines jeden einzelnen Menschen verpflichtet fühlt!

*Zitat aus Greifswalder OZ/Lokal vom 9./10 März 2013

 

Romeo und Julia am Theater Vorpommern

15 Mrz
SHAKESPEARE ODER BRASCH ODER WAS – Die andere Kritik (6)

Am 2. März gab es am Theater Vorpommern in Greifswald eine Premiere. Auf dem Spielplan stand:

 William Shakespeare/Thomas Brasch
Romeo und Julia –
Liebe Macht Tod

Was durften die Besucher auf diese Ankündigung hin erwarten? Die älteren kennen ihren Shakespeare mehr oder weniger, die Jüngeren eher nicht. Aber wer kennt Thomas Brasch? Ließ sich das Theater durch diesen Umstand dazu verleiten, Etikettenschwindel zu betreiben? Grundlage der Inszenierung war doch immerhin nicht Shakespeare, sondern Thomas Braschs

 LIEBE  MACHT TOD
oder
Das Spiel von Romeo und Julia
nach William Shakespeare

Das ist dem Programmheft nicht zu entnehmen. So bleibt im Trüben, was das Publikum berechtigt ist zu erfahren. Auch sonst ist auf den 26 Seiten nichts Erhellendes über das Zustandekommen, über Ideen oder Absichten dieser Inszenierung zu erfahren. Leider!

Wer Brasch gelesen hat, kann feststellen: Shakespeare wird von Brasch auf hohem Niveau auf für ihn Unverzichtbares reduziert und mit neuen Elementen angereichert. Seine Adaption wurde so zu einem eigenwilligen und eigenständigen Stück. Die Regie/Dramaturgie (André Rößler/Sascha Löschner) dünnt nun wiederum Brasch erheblich aus und nimmt ihm dabei genau das, was seine Originalität ausmacht. Die Wahl fiel vermutlich auf Brasch, weil dessen Übersetzung der Regie  geeigneter erschien, sexistische und sexualisierende Sequenzen deutlicher herauszuarbeiten, da sie nicht versuche „Shakespeare zu glätten“ (Roßner/OZ) und sie „die derbe Sprache … des Elisabethanischen Zeitalters“ wiedergebe. Diese dann ins Pubertär-Ordinäre zu transponieren, bleibt anscheinend schon obligatorischem Onanier- und Kopulationsgebaren vorbehalten.

Ob diese Tendenz nun wirklich für eine Kritik an „der heutigen Zeit des Turbokapitalismus“ (OZ) taugt, die im Übrigen als Fehlanzeige verbucht werden kann, oder ob es eher auf eine Banalisierung von Theater selbst zurückweist, das einem kaputten Zeitgeist erliegt, statt ihm zu widerstehen, mag der Zuschauer selbst entscheiden.

Worum es sich nun aktuell bei Shakespeare/Brasch handelt, die eigentliche Handlung, wird durch Streichungen, Umstellungen, Zusammenfassung von Rollen und Simplifizierungen von Ort und Zeit sinnvoll nicht mehr nachvollziehbar.

Dazu trägt bei, dass die vom Regisseur bemühte „Zeichenhaftigkeit“ (OZ) des Theaters, die angeblich so „viel mehr bewirken“ kann als „eine historisierende Aufführung“, sichtlich überstrapaziert wird. Wo Sinn fehlt, kann auch ironisch Gemeintes nicht weiterhelfen. Wird bei  Brasch noch Gift genommen, erstochen und erschlagen, um ins Jenseits zu befördern, wird dies nun durch Laser-Schwertimitationen, ein zu kompakt geratenes Rasiermesser, eine schallgedämpfte Pistole oder schlicht durch einen am Herzen zu zerdrückenden Luftballon erledigt. Eine Videowand sendet hintergründige sich bewegende Bilder und designte Lichteffekte zu vordergründiger Handlung, und bei Jugendlichen beliebte Metal-Sounds untermalen Prügel- und Fechtszenen. Und…  jeweils in Grün oder Rot gehaltene Kostüme werden bemüht, die verfeindeten Familien besser kenntlich zu machen. Und…

Überhaupt, die Kostümierung (Simone Steinhorst)! Sie ist wenig geeignet, den Darstellern hilfreich zu sein bei der Erarbeitung eines ernst zu nehmenden Charakters ihrer Figuren. Liebe, die von Belang sein will, kommt ohne Charakter, ohne innere Schönheit, ohne das Wunder der gefühlten Einmaligkeit zweier sich Liebender und die daraus erwachsende Kraft, auch den Tod auf sich zu nehmen, nicht aus. Das will gespielt sein. Aber dieses Spielen gelingt nicht. Ist das Talent der jungen Schauspieler überfordert, oder ist es die Regie?

Romeos (Felix Meusel) und Julias (Frederike Duggen) Agieren bleibt zu beliebig, gerade dann, wenn sie von Liebe sprechen. Gleichmütig lässt Rößler sie oft choreographisch, wie auch die anderen Figuren, zu ihren Szenen aufmarschieren. Romeo, mit mickriger Gitarre ausstaffiert und jämmerlichem Singsang, soll er ironisch punkten? Und wenn die beiden sich nah kommen, vermitteln sie die Distanziertheit einer Stellprobenatmosphäre. Coolness muss zwar nicht enden, wo die Intimsphäre beginnt, wohl aber hat sie im Bezirk liebender Intimität nichts zu suchen. Und so bleibt das Paar blass, bis es im Tod erbleicht.

Was für das Liebespaar den sofortigen Tod bedeuten würde – holzschnittartiges Karikieren, findet desto lebhaftere Anwendung beim übrigen Personal.

Paris (Ronny Winter), bei Brasch „ein Edelmann von Adel, Mann mit Geld und Gütern“, verkommt zu einer Witzfigur, zu einem selbstverliebten Geck mit psychopathischen Zügen.

Julias Mutter Lady Capulet (Gabriele Völsch a.G.) muss die Schlampe geben, die andeutungsweise was mit Tybalt (Alexander Frank Zieglarski) hat, der stets ungestüm und im Kostüm eines jungen Rübezahl auftreten darf.

Julias Amme (Monika Gruber a. G.) hat so gar nichts Mütterliches und geriert sich als geile Maulheldin, dass man fragen muss, warum Julia an ihr hängt und ihr vertraut.

Die Eltern Romeos, die Lady wurde gleich ganz gestrichen, spielen faktisch keine Rolle.

Blass auch Vater Montague (Jan Bernhardt). Er absolviert unaufwendig seine Auftritte in einem an Waldwirtschaft erinnernden Gutsverwalterlook.

Benvolio (Sören Ergang) und Mercutio (Dennis Junge), die hier mit gestrichenem Gesinde verschmelzen, bekommen keine Chance, anders denn als zweifelhafte Freunde und Raufbolde in Erinnerung zu bleiben.

Zalando (Marco Bahr) ist der Geniestreich dieser Inszenierung! Die Rolle wurde erfunden, um für den Zusammenhalt dieser Inszenierung notwendig ausgewählte Funktionen von gestrichenem Personal   zu erfüllen (Bruder Laurence, Prinz etc.).

Bahr tut, wie immer, sein Bestes und gibt ein schillerndes Faktotum, das seine unmaßgebliche Wichtigkeit beherzt über die Rampe zu bringen sucht, die Zuschauer quirlig durchs Programm führt und sie kurzzeitig die Ungereimtheiten seiner mit platten Zeitbezüglichkeiten angereicherten Figur vergessen lässt. – Recht glücklich scheint er in dieser Rolle nicht zu werden, bleibt Zalando am Ende doch auch nur eine Karikatur – man weiß nur nicht, wovon.

Scheinbar unbeeindruckt von alledem: Markus Voigt als Capulet. Souverän und glaubwürdig umschifft er die Untiefen und Klippen dieser Inszenierung. Man nimmt ihm alles ab: seinen ehelichen Überdruss, sein Wissen um das Treiben seiner Frau und die Intrigen der Amme, seine Liebe zu Julia, die sein einzig Glück und Trost ist, sein autoritäres Auftreten und sein Pochen auf bedingungslosen Gehorsam, die Ausblendung der Verzweiflung, in die er seine Tochter stürzt und letztlich auch seinen Schmerz über ihren Tod und seine Reue.

Markus Voigt gelingt die Verkörperung eines zutiefst widersprüchlichen Charakters durch ein großes Talent und ein reichhaltiges Arsenal an schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten, das ihm zur Verfügung steht – Handwerk eben!

Es hieß, man habe eine Inszenierung vor allem für die Jugend machen wollen! Mir scheint, dieser Anspruch war zu hoch, oder besser, er war falsch. Shakespeare light, Brasch light? Brecht entgegnete einmal auf die Forderung nach Volkstümlichkeit, also gewissermaßen nach einem Brecht light, das Volk sei nicht tümlich! Kann man es netter ausdrücken?

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Was bleibt nun auf die eingangs gestellte Frage zu antworten? Statt Shakespeare oder Brasch – Shakespeareverschnitt… Nur manchmal scheint durch die Kakophonie des Banalen ein Text auf, der erahnen lässt, was weithin nicht stattfindet: Kunst!

„Wichtig erscheint mir, nicht auf eine dumme Art modern zu sein, das Stück soll in seiner Zeit belassen werden.“ Thomas Brasch

PS: Nach der Premiere besuchte ich auch die Vorstellung am 9. März, um meinen Eindruck gegebenenfalls zu revidieren.

 

trauriger kalter kaffee

13 Dez

Ich wollte eigentlich nichts über „kein Kulturerlebnis“ schreiben, denn ich hatte erlebt, wie Edward Albees „Ballade vom traurigen Café“ in der Greifswalder Premiere erstarb. Ich gestehe, ich kannte das Stück nicht. Und ich kenne es auch heute noch nicht; ein unmissverständliches imperatives Missbehagen sagte mir: Das kann’s nicht sein! So verdrängte ich, was ich mit Pein erlebt hatte.

Herrn L.’s Anmerkungen (siehe unten!), die ich meinen Lesern empfehle, brachten mich dazu, mich, wenn auch nur fragmentarisch, zu erinnern:

… zum Schluss war da eine, man sagte mir hinterher, siebenminütige Schlägerei; zeitgemäß brutal zelebriert bis zum endlichen Totschlag – so hoffte ich jedenfalls, denn es sollte enden! In der Arena zwei ebenbürtige Schläger: Frau und Mann – psychisch. Gleichstellungsbeauftragte hätten da nichts zu meckern gehabt … wenn es das schon im Alten Rom gegeben hätte… nicht auszudenken!

… zum Schluss – aber es war denn doch noch nicht Schluss. Erstaunlicherweise – schlechtes Theater! – hatte man überlebt. Nach einer so bestialischen Prügelei hätte man alles dürfen, nur nicht überleben!

Und so gab es noch einen Auftritt in alter, „neurenovierter“ Tristesse, und alle durften noch einmal ihre ausnahmslos hoffnungslosen, verkorksten, perversen usw. Charaktere über die Bühne schleppen. Blieb nur die Frage, wer hatte sie dazu gemacht? Da das Stück sinnigerweise von der Regie in den Osten der neuen Republik kurz nach 89 verlagert worden war, drängte sich zudem die Frage auf: waren die schon immer so, oder was hat da wen wohin gewendet? Beide als solche berechtigten Fragen lassen sich ernsthaft weder einzeln noch im Komplex beantworten, da ihre Voraussetzungen unsinnig sind. Das trifft den Kern der Inszenierung.

Nicht jeder Skandal deutet auf noch nicht vom Publikum verstandene Qualität/Kunst!

Greifswald hat bekanntermaßen nicht das dümmste Publikum, und das hat schon einiges, darunter auch Skandale von Rang erlebt .

Ein Rückblick:

Adolf Dresen schrieb in „Siegfrieds Vergessen“: 1964 war ich an einem kleinen, damals aber interessanten Theater im Norden der DDR, in Greifswald…“ Daran war er nicht unschuldig. Er inszenierte „Hamlet“, gedacht von der Partei als Würdigung zu Shakespear’s vierhundertstem Geburtstag. Die Aufführung war nach Auffassungsvermögen der Genossen in der Kreisleitung ein Skandal; Wolfgang Heinz erkannte Dresens Genie und holte ihn ans Deutsche Theater nach Berlin.

Ähnlich erging es Gorkis „Nachtalsyl“, inszeniert von Herbert König 1984, nur landete König nicht am DT sondern im Westen. Noch heute sehe ich das Bühnenbild, offen bis zur Brandmauer der Hinterbühne, sehe Renate Krößner mit einem einstmals weißem antiken Kinderwagen und erinnere mich an das überragende Spiel aller Schauspieler, denen König neue und erstaunliche Seiten ihres Talents abringen konnte.

Und noch ein Shakespeare erregte Ärgernis bei den Genossen und Teilen des Publikums: „Was ihr wollt“ (Regie: Martin Meltke, Premiere 1988) – war aber dennoch großes Theater, das während der Rekonstruktionsphase im heutigen, unsäglich benannten „Kaisersaal“ stattfand. Und es war politisch, und das hatte man bemerkt: WAS IHR WOLLT! – WAS WOLLT IHR? – WAS; IHR WOLLT? usw. provozierte auf Spruchbändern!

Und davor noch, immer nah am Skandal, Peter Konwitschny 1981 mit „Gräfin Mariza“ – letzter Akt als Schauspiel inszeniert, und 1982 „Schluck und Jau“ von Gerhart Hauptmann…

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Ich wünschte dem Theater Vorpommern ab und zu solche, kreativen Talenten geschuldete, Skandale! Bedarf es dazu erst einer zu künstlerisch politischen Drahtseilakten animierenden hinreichend dümmlichen Administration, die Kunst zwar reglementieren, aber nicht einsparen darf? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei – aber wie dann? 

Zum Zweiten wünschte ich unserem Theater, dass das Balladendrama bald dem Vergessen anheimfällt! Das Publikum verzeiht gern, wenn es nur erst wieder mit begeisternden Bühnenereignissen beglückt wird.

„Peterchens Mondfahrt“ für die Kleinen war doch schon mal ganz hübsch! Oder?

 Und nun:

Herr L. über ein Kulturerlebnis

Ich wollte mich überzeugen, schlichtweg überzeugen, ob das, was die Leute, die man ja verallgemeinernd als das Publikum bezeichnet, sagen, wirklich zutreffend sein könnte. Ich versuchte, ohne jegliche Erwartungshaltung oder gar hohe Ansprüche in die Welt einer Inszenierung einzutauchen, die in den letzten Wochen geradezu den Status des Stadtgespräches erlangt hatte….

Theater Vorpommern – oder wie man Geschäftsführer entsorgt(e)!

31 Mai

Ein Geheimpapier?

Wie geheim sollten kompetente Kommunalpolitiker für das öffentliche Wohl agieren?

„…mögen Geheimpapiere mit dem Titel „Zusatz zur Niederschricht der außerordentlichen Gesellschafterversammlung der Theater Vorpommern GmbH vom 30.04.2010 -keine Versendung an die Gesellschaft“ veröffentlicht werden und deren Inhalt dem interessierten Publikum auch gern erläutert werden. So kann dann auch ein neuer Intendant neu an’s Werk gehen, ohne dass da noch „Altlasten“ und „Stolpersteine“ im Weg liegen.“ S. Meyer

Ich kann dem Wunsch nach Veröffentlichung gern nachkommen. Erläutern wird es kaum jemand wollen ( s. a.  Bürgerschaftspräsident HST), aber seinen Teil mag dennoch jeder sich denken!

Zusatz zur Niederschrift … vom 30.04.2010-2

Abschrift zur besseren Lesbarkeit: 

„Zusatz zur Niederschrift der außerordentlichen Gesellschafterversammlung der Theater Vorpommern GmbH vom 30.04.2010

–        keine Versendung an die Gesellschaft

Dienstrechtliche Maßnahmen

Herr Albrecht informierte die Mitglieder der Gesellschafterversammlung, dass Herr Dr. Ickrath um einvernehmliche Auflösung seines Dienstvertrages telefonisch gebeten habe unter der Bedingungung, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen* eingestellt werden.

Er möchte 1/3 seiner vertraglich vereinbarten Gesamtbezüge als Abfindung. Er akzeptiert die Zahlung der Abfindung in Raten, um die derzeitige Liquidität im Unternehmen zu schonen.

Herr Dr. Steffens bemerkte, dass für den Fall der Anklageerhebung der Grund einer außerordentlichen Kündigung gegeben ist.

 Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald stimmt einer Abberufung und Auflösung des Vertrages mit Herrn Dr. Ickrath nur zu, wenn auch der zweite Geschäftsführer, Prof. Nekovar abberufen und ggf. gekündigt wird.

Im Rahmen der Diskussion wurde hierzu folgende Verfahrensweise festgelegt:

  1. Es ist auf Kosten der Gesellschaft ein Rechtsanwalt mit Erfahrungen im Arbeitsrecht sowie Abberufung/Kündigungen Geschäftsführer zwecks weiterer rechtlicher Begleitung der jeweiligen Abmahnungen sowie Abberufungen und Kündigungen der Geschäftsführer zu suchen. Dazu wird ein Angebot über den Bühnenverein, Herrn Benclowitz, von der UHGW erbeten. Herr Westphal wird einen RA benennen, der sich auf Abberufungen/ Kündigungen von Geschäftsführern spezialisiert hat.
  2. Nach Auswahl ist der Rechtsanwalt entsprechend zu beauftragen, die weiteren Vorgänge der Abmahnungen gegenüber den Geschäftsführern bei weiterem Bedarf zu bearbeiten. Zudem sind Verhandlungen zur einvernehmlichen Auflösung des Dienstvertrages mit Herrn Dr. Ickrath zu führen. Hierzu wird bemerkt, dass seitens der Staatsanwaltschaft voraussichtlich erst Ende Mai 2010 die Prüfung der Unterlagen beendet werden soll, und erst dann eine Entscheidung zu einer Anklageerhebung getroffen werden wird.
  3. Ebenso ist die Abberufung und ggf. Anpassung des Dienstvertrages (evtl. Bezahlung als Operndirektor) mit Prof. Nekovar vorzubereiten und zu verhandeln.
  4. Als Interimsgeschäftsführer wurde Hans-Walter Westphal vorgeschlagen. Seitens den Greifswalder Gesellschaftsvertretern wurde zugesichert, deren Oberbürgermeister zu informieren und anschließend eine Aussage dahingehend zu treffen, ob Herr Westphal vom Gesellschafter Greifswald mitgetragen würde. Frau Kassner stimmt dem Vorschlag zu.  

Seitens Herrn Dr. Steffens wurde darauf aufmerksam gemacht, dass gemäß Gesellschaftervertrag § 10 Absatz 2 in Verbindung mit § 16 Absatz 1 zur Abberufung der Geschäftsführungen Empfehlungen bzw. gerichtliche und außergerichtliche Vertretungen durch den Aufsichtsrat festgeschrieben sind. Er empfiehlt diesbezüglich einen satzungsdurchbrechenden Gesellschafterbeschluss zu fassen.

Eine Abstimmung zum weiteren Vorgehen im Rahmen der angestrebten Fusion wurde aus Zeitgründen nicht mehr beraten.

Stralsund, den 17.05.2010

Dr. Alexander Badrow

Vorsitzender der Gesellschaftsversammlung“

* Nachsatz: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurden Im Herbst 2010 ohne „Anklageerhebung eingestellt.

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