Die Wahrheit ist verhangen

10 Jun

Zur Bedrohung durch Russland

 

Anlässlich des aktuellenWeißbuch-Entwurfs der Bundesregierung:   http://www.welt.de/politik/deutschland/article155952158/Das-sind-die-groessten-Risiken-fuer-Deutschlands-Sicherheit.html

Siehe auch: „Das Oberkommando der Wehrmacht weist seit Anfang des Jahres immer wieder die Auswärtige Führung des Reiches auf die wachsende Bedrohung für die Territorien des Reichs seitens der Russischen Armee hin und betont dabei, dass der Grund für die strategische Konzentration und den Einsatz von Truppen nur aggressive Pläne Russlands sein können“. zitiert aus:

http://www.fit4russland.com/kriege/1704-deutschland-sieht-russland-wieder-als-bedrohung

(zu singen auf die Melodie: „Der Mond ist aufgegangen)

 

Die Wahrheit ist verhangen

Seit Sowjetland vergangen

Herrscht wieder kalter Krieg

Die Mächtigen der Erde

Woll’n dass sie ihre werde

Sie hoffen auf den letzten Sieg

 

Der Wahnsinn nimmt kein Ende

Sie waschen ihre Hände

In Unschuld Tag und Nacht

Die Russen sind die Bösen

Wie eh‘ – kann man das lösen

Die Wehrmacht hat es vorgemacht

 

Nahm’s auch ein schlimmes Ende

Sie greifen ganz behende

Nach Waffen jeder Art

Um endgültig zu siegen

Müssen sie wieder kriegen

Und rüsten für die Höllenfahrt

 

Ach legt euch nicht ihr Brüder

In Gottes Namen nieder

Und auch ihr Schwestern nicht

Denn was sie heute machen

Bringt Welt zum letzten Krachen

Wir selbst sind unser Jüngst‘ Gericht

 

Ein Schaf in altem Wolfspelz?

10 Nov

 Biermann im Bundestag

„Glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen Krieg?‘ Oh nein! Auf gar keinen Fall! Denn da mordet, so weit ich seh‘, Mann, nur Putin, der KGB-Mann! Wer spielt da den blutigen Ball denn? Nur Putin und seine Kanaillen!“

Als Biermann dies – mehr schlecht als recht gereimt – und anderes unlängst bei Deutschlandradio Kultur meinte sagen zu müssen, dacht ich traurig und böse, ach Wolf, Du „uralter Sack“, ich hörte Deinen letzten, historischen Auftritt in Köln am Rhein heimlich des Nachts am Kofferradio, nahm das Konzert auf und versteckte die Kassette so gut, dass ich sie nie wiederfand. Und war beeindruckt, wie Du die alten Politbürosäcke verhöhntest, und sprachlos staunte ich über Deinen Mut, nicht wissend, dass Du keine Rückfahrkarte hattest im Gepäck. Doch jetzt, wo ich Deine Zeilen an Jewtuschenko höre, gefriert mir das Blut in den Adern, und ich schäme mich fremd für Dich, den verbitterten Plänkelsänger!

Kurz darauf dann kam die Meldung: Biermann singt im Bundestag! … Was hat denn den Lammert geritten, einen so hemmungslosen Putin- und Linkenhasser im Hohen Hause zu hoffieren! Nach außen politisch doch ausgesprochen ungeschickt. Und nach innen? Sollte ein Parlamentspräsident nicht auch halbwegs überparteilich agieren? Nun, Lammert meinte wohl, was der Gauck kann, müsse auch er  können wollen – jetzt, wo Deutschland die Gefahr droht, auf internationalem Parkett handlungsunfähig zu werden.

Es wird einen Skandal geben – so oder so!

Und so kommt zur feierlichen Stunde Biermann mit seiner Gitarre, kommt und greift in die Saiten, präludiert zart und lyrisch, zu lang für ein Präludium, bricht dann entschlossen ab sein schönes Spiel und wendet sich nach Links … und das Verhängnis nimmt seinen Lauf … Reich-Ranickis Verdikt über einen Romanschreiber „Er hätte es bleiben lassen sollen!“ rumort verzweifelt in meinem Hirn: Aber Biermann lässt nichts bleiben und nichts aus. Und dann, als Höhepunkt seiner Abrechnung, meint er,  dieser seiner Drachenbrutrestetruppe noch einen letzten Schlag versetzen zu müssen: ‚Nein, sie seien nicht links, nicht links und auch nicht rechts! Sie seien reaktionär‘! Welch Schmähung! Und welch grandiose Verkennung der Realität – in diesem Moment ist nur einer reaktionär – und das ist er! Er selbst. Das Hohe Haus aber hat seinen Spaß und lacht und applaudiert …

Und dann singt Biermann doch noch.

Und er singt:

Du, laß dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
– sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.

Du, laß dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
daß wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, laß dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid.

Und wie Du da so singst, kann ich eine Frage nicht verdrängen: Für wen eigentlich singst Du dort im Bundestag, wenn da mehr sein soll als nicht nur ein zum Ritual verkommenes Lied, das uns erinnern mag an die besseren schlechten Zeiten? Für die, die damals im Knast saßen? Für die, die bürgerliche Freiheiten vermissten und sich selbst ermutigend Deine Zeilen auf den Lippen trugen?

Und wen willst Du noch ermutigen? Du, der Du mit Deinen einstigen Idealen längst auch Dein Publikum verloren hast und nun als ein Wiedergänger kalter Zeiten herumgereicht wirst?

DAS gönne ich Dir – NICHT; hätt‘ Dir und uns was Bess’res gewünscht …!

Der „Ring“, der nicht gelungen

18 Nov

  „Gyges und sein Ring“ am Theater Vorpommern – die andere Kritik (8)

Vieles gibt es, an dem Liebe und Leben scheitern und zugrunde gehen kann. Wo Liebe und Leben sterbend in eins fallen, finden Dichter den Stoff für ihre Tragödien. Wie aber, wenn Hybris, Eitelkeit und Tabubruch den Helden selbst zu Fall bringen?

Das Theater Vorpommern hat mit Friedrich Hebbels „Gyges und sein Ring“ eine „Tragödie“ auf die Bühne gebracht,  deren Sinn und Tragisches sich uns heute schwer erschließt. Das lässt Fragen aufkommen gleichermaßen an das Stück wie an seine Inszenierung. Ich las es im Original nach dem Besuch der Greifswalder Premiere. Das Lesen hernach hat den Vorteil, sich unbefangen den Überraschungen der Bühne aussetzen zu können. Allerdings mischt sich dann das Gesehene beim Lesen ein und begrenzt die eigene Phantasie. Dies störte nicht. Die Figuren, die ich gesehen hatte, nahmen auf, was ich las, und gaben, so bereichert, dem Gelesenen ihr Gesicht. Das Theater hatte mich nach der Vorstellung ratlos entlassen – die Lektüre gab meinen Fragen neuen Stoff, und das Nachdenken verhalf zu kritischer Orientierung.

Hebbel bedient sich eines alten, auf realen historischen Ereignissen um 680 v. Ch. beruhenden Mythos‘. Ausführliches dazu von Wolf Banatzki.

Hebbel kommt mit kleiner Personnage aus:

Kandaules, König der Lydier,

Rhodope, seine schöne Gemahlin aus einem fremden Kulturkreis

Gyges, ein Grieche, Freund Kandaules

Thoas, treuer Sklave und Vertrauter Kandaules

Lesbia und Hero, Sklavinnen und Dienerinnen Rhodopes

Karna, ein getreuer Sklave und Vertrauter Rhodopes und das Volk wurden für diese Inszenierung gestrichen. Dafür ein auf den ersten Blick interessanter Regieeinfall, den Ring als Person, als eine Tanzende auftreten zu lassen.

Die Handlung (nach Lesen des Stückes)

Kandaules hat eine Frau, deren überwältigende Schönheit er preist. Er hat ein zweifelhaftes Problem, kein anderer Mann außer ihrem Vater hat sie je gesehen. Sie tritt nur verschleiert in der Öffentlichkeit auf. Kandaules hat weniger Charakter als Individualität. Kandaules schert sich um die Mechanismen von Herrschaft wenig. Er versteht sich, um in heutigem Jargon zu reden, als Modernisierer, ohne sich von einer historischen Notwendigkeit tragen zu lassen. Das Volk murrt. Er geht darüber hinweg. Ihn bestimmen eigene Willkür und Hybris – im Politischen wie im Privaten.

Dieser Hybris leistet Gyges in naivem Freundschafts- und Gefolgschaftswahn Vorschub. Er überlässt Kandaules leichtfertig einen gefundenen Zauberring. Einen „Königs-Ring“, wie Gyges ihn nennt, dessen Tarnkappenfunktion er durch eigenes Erleben dramatisch beschreiben kann.

Kandaules erprobt den Ring sogleich inmitten des Lagers seiner Feinde.

Sein eheliches Verhältnis zu Rhodope scheint nicht unproblematisch zu sein: im Banne ihrer Schönheit muss er gelegentlich um Küsse betteln. Er scheint es nötig zu haben, vor ihr mit dem Ring prahlen zu müssen.

Rhodope ist nicht nur schön, sondern auch klug – seherisch graust ihr vor den Folgen des Ringes in seiner Hand, und überhaupt: alles zu sehen und selbst ungesehen zu bleiben, ist den Göttern vorbehalten. Ein Ring, der diese Kraft verleiht, muss auch den Besten zum bösen Zauber werden. Sie fleht ihn an, den Ring in ein tiefes Gewässer zu werfen – oder ihn ihr zu geben.

Nicht seine Liebe, seine Eitelkeit ist größer als sein Machtinstinkt. Und da sieht er nun, in völliger Verkennung ihres Wesens, eine Chance, ihre Schönheit öffentlich zu machen: er könne vom Ring lassen, wenn sie sich mit ihm auf dem Fest unverschleiert zeige.

Rhodope: „Wie kann ich! / Du holtest dir von weit entlegner Grenze / Die stille Braut, und wußtest, wie sie war. / Auch hat’s dich einst beglückt, daß vor dem deinen / Nur noch das Vaterauge auf mir ruhte, / Und daß nach dir mich keiner mehr erblickt.“

Für’s erste schrickt er zurück. Doch er ist besessen von dem Gedanken, sich wenigstens von Einem ihre Schhönheit bestätigen zu lassen. Mit Hilfe des Ringes hofft er, Rhodope überlisten zu können. Dieser Eine kann nur sein treuester Freund sein. Gyges lässt sich, widerstrebend zwar, überreden, den Ring zu tragen und folgt Kandaules in ihr Schlafgemach.

Kandaules, der Text deutet es an, verlässt Rhodope vor Gyges. Dieser verliebt sich erwartungsgemäß. Was sich dann im Schlafgemach zugetragen hat, bleibt im Dunkeln. Nur soviel lässt uns Hebbel wissen: Gyges kommt in den Besitz ihres Halsschmucks, den er später Kandaules übergeben wird – als Bekenntnis einer größeren Schuld? Gyges begehrt jedenfalls, den begangenen Frevel durch Tod von Freundeshand zu sühnen. Kandaules, als aufgeklärter Herrscher, will davon nichts wissen.

Rhodope ist durch das nächtliche Geschehen tief verstört. Sie hatte Geräusche unbekannter Herunft gehört und meinte, eine fremde Gestalt gesehen zu haben. Weitere Indizien erhärten ihre Ahnungen, und sie erwartet wie Gyges den Tod durch Kandaules. Kandaules versucht, ihren Verdacht zu zerstreuen. Doch Rhodope deckt nach und nach Trug und Lug auf.

Hebbels Sprache greift noch zum romantisch hohen Ton Schlegel’scher Shakespeareübertragungen. Aber das geliehene Pathos klingt hohl, ja falsch. Was sind am Ende die schwer verdaulichen Freundschaftsbeteuerungen wert! Sind sie versehentlich oder absichtlich Ausdruck einer von den Protagonisten uneingestandenen Fragwürdigkeit ihrer Beziehungen? „Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde, freundlich wohl mit Aug‘ und Munde, sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.“ Diese Zeilen von Eichendorff, wirkmächtig bereits 1840 von Schumann vertont, dürften Hebbels Ohr nicht verfehlt haben – Spuren des Zeitgeistes …

Ist Hebbel sich des Missverhältnisses zwischen der von ihm gewählten Sprachform und der Brüchigkeit alles von ihm reflektierten Gesellschaftlichen, das er in „Gyges“ zur Sprache bringt, bewusst? Verfremdung als Tarnung?

In der Aufführung am Theater Vorpommern sind Spuren von Skepsis dem Text gegenüber nicht zu finden. Und so  kann den Darstellern auch nicht verübelt werden, dass die äußerliche Brillanz des von ihnen Gesprochenen der Inszenierung nicht glaubwürdig Glanz verleihen kann.

Die Stückwahl war ein Missgriff – vermutlich verführt durch ein unreflektiertes Assoziieren von problematischen Details im Stück mit politischen und kulturellen Problemen unserer Zeit. Zum Beispiel:

Die Verschleierung – kulturell-religiös Identität stiftend dort, denunziert als Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit fördernd hier.

Der Zauberring – als eine andere Form der Verschleierung, auf Geheimdienste verweisend, die sich als „Auge Gottes“ gerieren, als Gefahr für jedes Private, als Gefahr für die zivile Gesellschaft.

„Gyges und sein Ring“ durch solcherlei Aktualitäten aufzubürsten, ist nicht gelungen – anderer Sinn war nicht in Sicht – und der Sinn, den das Stück einst gehabt haben mag, bleibt uns verschlossen! Wahrscheinlich würde jeder dergestalt scheitern. Aber eben: nicht jeder versuchte es.

André Rößler (Regie) scheiterte zumindest an seinem eigenen Anspruch. Für ihn „hat Theater grundsätzlich zwei Aufträge: Zum einen sind wir wichtiger Teil der Unterhaltungsindustrie (sic!) und zum anderen muss sich Theater aber kritisch mit seiner Gegenwart auseinandersetzen, denn es hat einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Haltung zur Welt, um Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu üben.“ … „Es gilt auf der Bühne die Frage nach den Profiteuren dieser Missstände zu stellen, um so einen Blick hinter die Fassade, auf die Mechanismen zu werfen.“ … und weiter: das „ist der Weg, dem sich das Theater verschreiben muss, um nicht bei der Erschließung neuzeitlicher Sinnstiftungspotentiale auch sehr alter Geschichten auf der Strecke zu bleiben.“*

Rößlers diffuse Befürchtung, „auf der Strecke zu bleiben“ wurde für „Gyges und sein Ring“ Realität. Sehenden Auges, wenn denn der in die Spielzeit einführende Text des Chefregisseurs von ihm selbst mit Leben gefüllt gedacht worden ist! Im Übrigen, auch die vielen klugen Zitate, die fünfzehn Seiten das Programmheftes zieren, sind für ein Verständnis von Stück und Inszenierung wenig hilfreich. Waren sie es dem Regisseur?

Dieses Scheitern, das Fehlen von Sinnstiftendem lässt die einzelnen Momente der Inszenierung nicht unberührt. Es will sich so recht nichts zusammenfügen.

Das Bühnenbild (Simone Steinhorst): zeltähnlich nach oben zu einer Mitte strebende, im Halbrund der Drehbühne angeordnete weiße ausklinkbare elastische Bänder, lassen ideale Räume entstehen. Sinnvoll bespielt, könnten sie dezent ihre Symbolhaftigkeit zur Geltung bringen. Doch das Spiel in und mit dem Bühnenbild, mit den Bändern kommt über formales Agieren nicht hinaus und hat sich bald erschöpft. Zu bemüht: Schaut, was wir alles mit den Bändern machen können!

Die Musik: Als solche ist sie am besten geschlossenen Auges zu würdigen. Manche Leere füllend, manchmal zu laut, bleibt sie Dekor und unangemessen vordergründig.

Die Personen: Kandaules (Marco Bahr) und Gyges (Alexander Frank Zieglarski), die beiden Hauptakteure, können in ihren Rollen wenig Profil gewinnen. Kandaules‘ Obsession mangelt es an überzeugender Intensität, und Gyges kann man schwerlich seine Befähigung zum künftigen Herrscher abnehmen. – Zynisch könnte man fragen, woher sollen die Charaktere auf der Bühne kommen, wenn die Gesellschaft ihrer so gänzlich ermangelt? Aber ernstlich: Wo sollen Charaktere in schwierigen Zeiten überleben, wenn nicht auf der Bühne?

Rhodope (Claudia Lüftenegger) ist den Männern, die ihr verfallen, charakterlich weit überlegen. Das macht es ihr leichter, Kühle und Entsagung überzeugend zu spielen. Ihre tödliche Treue zu ihrer Einbindung in die väterliche Tradition kann so über die gebotene Rache hinaus auch ein persönliches Moment enthalten. Doch auch das bleibt eindimensional, mehr im Reden als im vermissten Spiel lebendig machender Nuancen.

Die beiden Sklavinnen, Lesbia (Sausanne Kreckel), und Hero (Frederike Duggen) schaffen es ihrerseits nicht, in jener verqueren Welt ein Gegengewicht zum hehren Dunstkreis ihrer Herrin auf die Bühne zu bringen. Das Stück bietet dazu wenig Gelegenheit, und die Regie verpasst sie.

Die vielleicht leichteste Übung hat Lisa Marie Schult gut gemeistert. Sie darf spielen, was bei Hebbel nicht vorgesehen ist: den Ring. Katzenhaft unbeschwert umschmeichelt und folgt sie ihrem jeweiligen Besitzer. Ein hübscher wie absurder Einfall! Denn kein Mittel, erst recht nicht ein Zauberring, darf sich verselbständigen, zum Subjekt werden! Wenn das geschähe, wäre in der Welt der Teufel los. Obgleich, unsere Wissenschaftler arbeiten daran!

Zum Schluss, doch nicht zuletzt: Lutz Jesse. Er gibt einen Diener „von der traurigen Gestalt“: Thoas hat schon Kandaules‘ Vater gedient. Nun ist er an den Junior gekettet, der „an den Schlaf der Welt“ rühren will, und doch die Kraft dazu nicht besitzt. Wäre er ein freier Mann, er würde demissionieren. Thoas sieht „die Schrift an der Wand“ und vermag doch seine Warnungen in den Wind zu reden. Das macht depressiv. Doch könnte die Rolle Größe haben, stille Größe, wie sie Dienern zu anderen Zeiten mitunter eignete. Der Text ließe es zu. Aber auch da verkennt die Regie ihre Chance und lässt den Mimen im Stich.

Das Resumee: „Hybris, Eitelkeit und Tabubruch“ können nicht nur Helden so scheitern lassen, dass ihnen der Ehrentitel eines „Tragischen Helden“ nicht verliehen werden kann. Auch „Theater“ kann an sich selbst scheitern, so, dass keiner mehr seinem Untergang eine Träne nachweint.

A L S O ,  S O  N I C H T !  N I C H T  W E I T E R  SO !

*A. Rößler: Spielzeitheft „PROFILE Spielzeit 2013/2014 theater vorpommern“. Die Zeichensetzung folgt dem Original. (Nebenbei – man muss sich schon sehr bemühen, um, trotz Kürzung, beim Verstehen dieses Bekenntnisses nicht auf der Strecke zu bleiben!)

Siehe auch: „Ein Netz der Beliebigkeit von Florian Leiffheidt

Porno am Theater – ein Mail-Wechsel

28 Aug

zu meinem Blogbeitrag: nach-dem-ende-oder-die-aufgabe-der-scham

Am 24.08.2013 18:33, schrieb andrea.eckert

Sehr geehrter Herr Aé,            

 

eigentlich wollte ich mit meiner 15-jährigen Tochter am 20.09.2013 das Stück „Nach dem Ende“ in Stralsund anschauen. Bisher kannte ich nur die Informationen von der Webseite des Theaters sowie die Kritik der Ostseezeitung.

 

Beim googlen nach weiteren Informationen bin ich nun auf ihr Blog gestoßen und mir nicht mehr sicher, ob ich das Stück einer 15-Jährigen zumuten kann/soll.

 

Ich bin sicherlich nicht prüde und mit einem nackten Mann auf der Bühne habe ich im 21. Jahrhundert auch kein Problem. Aber was sie da andeuten, scheint mir doch höchst bedenklich. Vor allem gibt es seitens des Theaters nirgends einen Hinweis auf solch explizite Szenen oder gar eine Altersbeschränkung/-empfehlung.

 

Da Sie nun das Stück schon gesehen haben:

– ist der männliche Darsteller komplett nackt?

– onaniert er tatsächlich sichtbar für die Zuschauer oder schiebt er vielleicht nur seine Hand in die Unterhose und deutet es mit rhythmische Bewegungen an oder steht dabei mit dem Rücken zum Publikum?

– ist eine (beginnende) Erektion zu sehen?

 

Falls Sie die letzten beiden Fragen mit ja beantworten, werde ich meine Karten definitiv zurückgeben. Vor allem muss das Theater im Vorfeld auf solche explizite Szenen hinweisen!

 

Vielen Dank für eine offene und ehrliche Antwort und viele Grüße

 

Andrea Eckert

Von: „Jost Aé“ [jost-ae@gmx.de]
Gesendet: Sa. 24.08.2013 20:59

Liebe Frau Eckert – es ist leider so, wie ich es beschrieben habe. Ob er komplett nackt war, kann ich nicht mehr sagen, wahrscheinlich nicht. Er onaniert auch nicht tatsächlich. Seine entsprechenden Körperpartien sind aber nackt und zu sehen. Das Onanieren wird sehr naturalistisch dargestellt, wenn auch weder echtes noch künstliches Sperma fließt. Z. B. wischt er sich seinen Schwanz hinterher an Papierfetzen ab. Immer dem Publikum zugewandt. Eine Erektion ist nicht zu erkennen – wie auch, bei dem Stress, den die Szene für den Schauspieler bedeutet. Ich kann allerdings nur für die Greifswalder Premiere sprechen. In einer anderen Szene zwingt ihn seine „Kontrahentin“ die Hose runter zu lassen, und dann packt sie sein bestes Stück, leibhaftig zu sehen, und droht, es abzuschneiden. Wenn Sie mich fragen, auch ich bin keineswegs prüde, es ist einfach nur peinlich – es bereitete mir Pein, mich in den Schauspieler als Mensch zu versetzen – wozu man bei einiger Sensibilität gezwungen ist. Aber dazu ausführlicher im BLOG-Beitrag.
Ich würde Ihnen als Mutter nicht empfehlen wollen, Ihre Tochter dem auszusetzen – egal was für Erfahrungen sie schon gemacht hat. Es könnte sein, dass Ihre Tochter es nicht toll findet, sich das in Ihrer Gegenwart (und auf Ihre Initiative hin) ansehen zu müssen. Das Internet bietet ja dies alles ohne Hülle und in Fülle an, in echt, und man wird seine Kinder kaum davor schützen können, wenn sie sich dergestalt „bilden“ wollen – aber mit Kunst hat diese Machart meiner Meinung nach nichts zu tun und auf dem Theater nichts zu suchen.

Was hielten Sie davon, wenn ich Ihren Text mit meiner Antwort in das BLOG einstelle? – ich tue es nicht, ohne Ihre Erlaubnis (Sie könnten auch anonym bleiben)!

Herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und beste Grüße

Jost Aé

Am 25.08.2013 11:22, schrieb andrea.eckert…

Sehr geehrter Herr Aé,

 

vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort. Noch mehr muss ich Ihnen aber dafür danken, dass sie Ihre Kritik so deutlich ins Internet gestellt haben und mich so vor einem desaströsen Theaterbesuch bewahrt haben!

 

Ich sehe das genau so wie Sie: es ist eine Zumutung dem Schauspieler gegenüber, zumal man die Szene ja dramaturgisch auch hätte dezenter darstellen können (z. B. Hand in die Unterhose). Auch dass seine Schauspielkollegin seinen Penis in die Hand nimmt, muss ja absolut erniedrigend sein. Vor allem passiert das Ganze ja vor Publikum.

 

Gerne können Sie unsere Kommunikation in Ihrem Blog ergänzen, gerne auch mit meinem Namen, denn zu meiner ablehnenden Haltung stehe ich auch öffentlich.

 

Vielen Dank nochmals für Ihre Offenheit!

 

Herzliche Grüße

Andrea Eckert

Sarrazin – nur ein Symptom?

22 Apr

oder

der Umgang der SPD mit Sarrazin im Licht des Urteils des Antirassismus-Ausschusses der Vereinten Nationen

Die Berliner Staatsanwaltschaft verbuchte Thilo Sarrazins Thesen in „Lettre International“ (2009) unter Meinungsfreiheit. Der Antirassismus-Ausschuss der UN hat den Rassismus-Vorwurf des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) nun bestätigt, und die Bundesrepublik Deutschland als Partner der Antirassismuskonvention aufgefordert, „die im Vertrag festgelegten Bestimmungen konsequenter in das deutsche Recht umzusetzen. “ (s. a. w. dazu Robert D. Meyer in ND vom 19. April 2013)

Das sollte auch die SPD nicht unberührt lassen. Denn Genosse Sarrazin, von deutscher Justiz und SPD-Schiedskommission gedeckt, verbreitete seither seine rassistischen „Meinungen“ unbekümmert und variantenreich weiter (s. a. auf diesem BLOG  Sarrazin und die SPD und Meinungsfreiheit).

Ein Parteiausschlussverfahren scheiterte an der Schiedskommission des Berliner Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf.  „Das zweite Ausschlussverfahren des wegen seiner Integrationsthesen heftig umstrittenen früheren Bundesbankers endete mit einer gütlichen Einigung. Alle vier Antragsteller – darunter die Bundes-SPD – zogen ihre Ausschlussanträge auf Basis einer Erklärung von Sarrazin zurück…“

Gütliche Einigung?

Der Schoß des deutschen Wesens ist fruchtbar noch und gebiert noch immer ein gut Maß rassistischen Dünkels. Unterschwellig auch, nicht immer bewusst, bis tief in die Mitte der Gesellschaft reichend. Auch in die Mitgliedschaft der SPD. Das jedenfalls war aus den Diskussionen um Sarrazins Ausschluss intern und in der breiteren Öffentlichkeit herauszuhören. Und so schien man damals auf Bundes-Ebene erleichtert zu sein, durch das Schiedsgericht, sozusagen demokratisch legitimiert, den Fall Sarrazins juristisch unspektakulär lösen zu können, Weitere Sympathiekundgebungen und Parteiaustritte, die man sich nicht leisten wollte, konnten so verhindert werden.

Heute hat das Urteil des UN Antirassismus-Ausschusses jene Taktik der SPD-Führung eingeholt. Diese muss sich nun fragen lassen, ob ihre Beschwichtigungspolitik im Falle Sarrazin dem antirassistisch-humanen Anspruch der Partei und ihrer Verantwortung, sich schützend vor diskriminierte Bevölkerungsgruppen zu stellen, gerecht wurde.

Muss nicht in einer so wichtigen Frage wie der des Rassismusvorwurfs die Bundesschiedskommission von der Bundespartei, dem Parteivorsitzenden angerufen werden, wenn die unteren Ebenen versagen?

Auch in einer demokratischen Partei gilt, was für eine Demokratie lebenswichtig ist:

Der Aufstand der Anständigen läuft ins Leere, wenn sich ihm nicht der Anstand der Zuständigen gesellt!

„Nach dem Ende“ oder die Aufgabe der Scham

27 Mrz

Pornographisches am Theater Vorpommern  Die andere Kritik (7)

 

Am 28. November hatte „Waisen“ von Dennis Kelly, inszeniert von Julia Heinrichs, im Greifswalder Rubenowsaal Premiere. Wie ich damals fand, eine rundum respektable Leistung des Schauspiels unter der Ägide des neuen Intendanten Dirk Löschner.

Am 10. März nun gab es am selben Ort wieder eine Premiere: „Nach dem Ende“, ebenfalls von Dennis Kelly, diesmal eine Übernahme aus dem Theater der Altmark Stendal. Regie: Julia Heinrichs; Dramaturgie: Sascha Löschner.  

Nach spätem Einlass: ein Zuschauerpodest und eine davor aufgebaute Guckkastenbühne (Bühne und Kostüme: Julia Heinrichs). Im dämmrigen Schatten des Saallichts warten, links und rechts postiert, Louise (Frederike Duggen) und Mark (Sören Ergang) auf den erlösenden Stückbeginn. Den bringt ein Lichtwechsel. Man befindet sich in einem karg möblierten Raum, links metallenes Doppelstockbett, rechts Kiste, an der Decke Neonröhren und eine Luke mit Kette. Betongrau.

Das Zweipersonenstück beginnt mit einem reichlich chaotischen Dialog, aus dem sich erst nach und nach erschließt, was die beiden in diesen unwirtlichen Raum gebracht hat und sie dort gefangen hält. Was sie reden, bleibt ambivalent, wie ihr beider Verhalten. Louise, die einen Filmriss hatte, beginnt an Marks Ehrlichkeit zu zweifeln. Verdächtigungen. Mutmaßungen über das, was wirklich passierte, und die Absichten von Mark.

Vor unseren Augen entwickelt sich eine Beziehungskiste unter verschärften, ausweglos erscheinenden Bedingungen. Dass „Nach dem Ende“, so Sascha Löschner, „die ultimative Parabel auf den 11. September und seine Folgen“* sei, scheint weit hergeholt und bleibt für das Geschehen auf der Bühne unerheblich.
Seine Dynamik erhält das Beziehungsdrama durch vielschichtige, dennoch durchsichtige Motive, die den unterschiedlichen Charakteren und einem fragwürdigen geschlechterspezifischen Rollenverständnis der beiden geschuldet sind.

Mark und Louise werden in ihrer hoffnungslosen Verstrickung blind für die mörderischen Konsequenzen, die sie heraufbeschwören. Angst und Machtrausch, je nach erkämpftem Besitzwechsel eines längeren Küchenmessers. Die Handlung treibt unaufhaltsam in die Katastrophe. Die Rettung kommt in letzter Minute von außen.

‚Nach dem Ende‘, so ist auch die Schlussszene überschrieben, besucht sie ihn im Knast. Er unterzieht sich gerade einer Therapie, sie hat die ihre abgebrochen, sie kann mit ihrer Therapeutin nichts anfangen. Sie provoziert ihn mit kleinen Grausamkeiten, die nicht mehr verfangen. Er will keinen Streit mit ihr.  Eins aber wird klar, auch sie ist nun von ihm abhängig – ein Ende dieser Geschichte ist nicht abzusehen.

Frederike Duggen, die am Abend zuvor die „Julia“ gab, spielt die „Louise“ mit großer Härte und zynischer Stringenz, völlig aufgehend und zum Untergang bereit in einer Art Geschlechterkampf gegen das „Arschloch“ Mark. „Ewig hinanziehend Weibliches“ ist in ihrer Rolle nicht angelegt. Ob sie ihrer Koketterie, mit der sie Mark zu provozieren hat, ein wenig Charme hätte beifügen können? Aber es war auch so gut. Denn wollte man Zeitbezüglichkeit herstellen, dann bot sich ja genau hier eine Gelegenheit: seelenlose Gesellschaft – psychische Verkrüppelung.  

Mark (Sören Ergang) ist in Wahrheit der Unterlegene, der geistig Schwächere, ein in Louise verliebter Loser, der den ständigen Herabsetzungen durch sie nicht gewachsen ist. Ebenso wenig kann er mit der schlecht kalkulierten, vielleicht sogar spontanen Entführung Louises umgehen. Ergang spielt mit großer Überzeugungskraft die für Mark nicht aushaltbare Erkenntnis, dass sein Liebeskonzept nicht aufgeht, dass er auch trotz Einsatzes seiner körperlichen Überlegenheit bei ihr nicht zum Zuge kommt.

So weit, so gut, wenn es denn dabei geblieben wäre!

Die Regisseurin geht mit der Zeit. Sie scheint sich einer Art „Marktprinzip“ verpflichtet zu fühlen, wonach jedes neue Modell die alten toppen muss, und sei es im Äußerlichsten. So verfiel sie darauf, in ihrer Inszenierung all das zeigen zu wollen, worum sich die anderen bisher „herumgedrückt“* hatten.

Für Sören Ergang bedeutete das, die „Herausforderung“ annehmen zu müssen, „in dem Stück im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen zu lassen, schutzlos zu sein.“* Zitat: „Als Schauspieler keine Scheu zu haben, alles zuzulassen – das musste ich so radikal vorher noch nie.“* 

Worum ging es?

Zum Beispiel um folgende Regieanweisung des Autors aus dem Textbuch:

 „Sie sitzt angekettet an ihr Bett, er sitzt am Tisch, masturbiert, spricht mit sich und murmelt unverständliche Wortfetzen. Er blickt bewusst zu ihr rüber, aber so, als wäre sie gar nicht da. Das geht so eine ganze Weile. Er kommt. Wischt sich mit den Dungeons und Dragons-Blättern ab. Sitzt keuchend da, seinen Schwanz in der Hand. Er sieht sie von unten an, als nähme er sie zum ersten Mal wahr. Senkt den Blick. Beginnt zu weinen. Fängt an, an sich herumzuspielen. Bekommt eine Erektion. Masturbiert wieder, starrt sie an, immer noch weinend. Sie starrt ausdruckslos ins Nichts.“

Die Regie will das ernst nehmen. Das schwarz auf weiß Gedruckte scheint zu suggerieren, es sei wörtlich gemeint.

In einem Roman ginge diese pornographische Szene so durch. Aber auf der Bühne?

Ernstnehmen scheint hier zu bedeuten, so viel zu zeigen, wie physisch in der stressbesetzten Bühnensituation möglich ist. Und Hinrichs setzt es durch, und Ergang um: Marks entblößten Unterleib, seinen Schwanz und dessen Manipulationen sowie das geforderte Keuchen. Erektion und Ejakulation („Er kommt.“) wird der Phantasie des Betrachters überlassen.

Vorab berichtet die Presse: „Nichts für schwache Nerven“*. Nicht nur dem Schauspieler, auch „den Zuschauern werde nichts erspart.“* Allerdings, was da genau passiere, wollten „Löschner und die Regisseurin nicht verraten.“*

Die Regie ging mit den pornographischen Momenten der Textvorlage um, als produzierte sie Filmszenen. Sie vernachlässigte, dass das Verhältnis zwischen den Darstellern auf der Bühne und ihrem Publikum ein gänzlich anderes ist als beim Film – insbesondere bei entsprechenden Filmen.

Ein Schauspieler spielt in der Regel peinliche Situationen seiner Figur, ohne dass ihm das peinlich sein müsste, wenn er denn gut spielt. So wie der Zuschauer sich nicht für den Schauspieler schämen muss, da er ihn nicht mit der von ihm gespielten Figur verwechselt.

Masturbieren ist nun anerkanntermaßen sowohl eine intime als auch triviale, als solche schon im Tierreich anzutreffende Handlung zur sexuellen Lustgewinnung. Sie ist beim Menschen situationsbedingt an ein gewisses Schamgefühl gebunden. Spricht man doch auch nicht von falscher Scham, wenn einer dies in aller Öffentlichkeit zu tun vermeidet. Im Gegenteil.

Um auf die zitierte Regieanweisung zurückzukommen: Man kann und  man muss sie deuten als die Beschreibung dessen, was auf der Bühne zwischen den Protagonisten geschieht, nicht als Beschreibung von etwas, das eins zu eins vom Zuschauer gesehen werden soll. Das heißt, dem Publikum muss nicht, ja darf nicht in natura vorgeführt werden, dass und wie masturbiert wird. Nur so ist der Zuschauer kann frei ermessen, was es für Mark und Louise bedeutet, wenn er es in dieser Situation in ihrer Gegenwart tut.

Es ist also ein grobes Missverständnis, zu meinen, die platte Konfrontation mit dem obszön Trivialen wäre das vom Autor Gewollte. Denn indem man das Masturbieren indiskret am entblößten Subjekt zeigt, entzieht es sich, wie oben gezeigt, seiner eigentlichen dramaturgischen Bedeutung, fällt sozusagen aus dem Rahmen des Stücks, verselbstständigt sich und wird, quasi ins Performatorische gewendet, zum Selbstzweck.

Während sich Louise von Marks demonstrativem Sichselbstbefriedigen wenig beeindrucken lässt,  soll dem Publikum genau dies nicht erspart werden. Warum eigentlich?

Das Publikum dergestalt zum Objekt zu machen, rächt sich. Denn dramaturgische Absicht kann nicht sein, was nun passiert:

Das Publikum kann den Schauspieler und seine Rolle nicht mehr unterscheiden. Die Leute versetzen sich in seine Lage als Tabubrecher, sie fühlen sich in den Menschen ein, sie empfinden die Scham dessen, der sich nicht schämen darf. Da hilft auch nicht, dass Ergang beteuert: „Die Psychologie dieser Figur hat mit mir nichts zu tun.“* – Das Triviale hat als Selbstzweck der Regie von ihm Besitz ergriffen … Es ist nur peinlich!

Denn: Tabubruch wird nicht zu Kunst, nur weil man ihn auf der Bühne begeht. Der Mut, den die Regisseurin hier vom Künstler verlangt, hält keinem künstlerischen Kriterium stand, er ist kein Mittel, künstlerische Horizonte und Fähigkeiten zu erweitern, was gleichermaßen Künstlern und Kunst diente. Dieser Mut taugt einzig dafür, berechtigte Scham zu überwinden, gewissermaßen schamlos zu machen. Dieser Mut lässt den Künstler zum Mittel ehrgeiziger Willkür werden.

Das alles bleibt nicht folgenlos: Es beschädigt die Person des Darstellers, die Inszenierung selbst und nicht zuletzt die Idee eines humanen Theaters. Unabdingbar stellt sich deshalb die Frage nach künstlerischer Verantwortung und einem Berufsethos, das sich der Wahrung der Würde eines jeden einzelnen Menschen verpflichtet fühlt!

*Zitat aus Greifswalder OZ/Lokal vom 9./10 März 2013

 

Romeo und Julia am Theater Vorpommern

15 Mrz
SHAKESPEARE ODER BRASCH ODER WAS – Die andere Kritik (6)

Am 2. März gab es am Theater Vorpommern in Greifswald eine Premiere. Auf dem Spielplan stand:

 William Shakespeare/Thomas Brasch
Romeo und Julia –
Liebe Macht Tod

Was durften die Besucher auf diese Ankündigung hin erwarten? Die älteren kennen ihren Shakespeare mehr oder weniger, die Jüngeren eher nicht. Aber wer kennt Thomas Brasch? Ließ sich das Theater durch diesen Umstand dazu verleiten, Etikettenschwindel zu betreiben? Grundlage der Inszenierung war doch immerhin nicht Shakespeare, sondern Thomas Braschs

 LIEBE  MACHT TOD
oder
Das Spiel von Romeo und Julia
nach William Shakespeare

Das ist dem Programmheft nicht zu entnehmen. So bleibt im Trüben, was das Publikum berechtigt ist zu erfahren. Auch sonst ist auf den 26 Seiten nichts Erhellendes über das Zustandekommen, über Ideen oder Absichten dieser Inszenierung zu erfahren. Leider!

Wer Brasch gelesen hat, kann feststellen: Shakespeare wird von Brasch auf hohem Niveau auf für ihn Unverzichtbares reduziert und mit neuen Elementen angereichert. Seine Adaption wurde so zu einem eigenwilligen und eigenständigen Stück. Die Regie/Dramaturgie (André Rößler/Sascha Löschner) dünnt nun wiederum Brasch erheblich aus und nimmt ihm dabei genau das, was seine Originalität ausmacht. Die Wahl fiel vermutlich auf Brasch, weil dessen Übersetzung der Regie  geeigneter erschien, sexistische und sexualisierende Sequenzen deutlicher herauszuarbeiten, da sie nicht versuche „Shakespeare zu glätten“ (Roßner/OZ) und sie „die derbe Sprache … des Elisabethanischen Zeitalters“ wiedergebe. Diese dann ins Pubertär-Ordinäre zu transponieren, bleibt anscheinend schon obligatorischem Onanier- und Kopulationsgebaren vorbehalten.

Ob diese Tendenz nun wirklich für eine Kritik an „der heutigen Zeit des Turbokapitalismus“ (OZ) taugt, die im Übrigen als Fehlanzeige verbucht werden kann, oder ob es eher auf eine Banalisierung von Theater selbst zurückweist, das einem kaputten Zeitgeist erliegt, statt ihm zu widerstehen, mag der Zuschauer selbst entscheiden.

Worum es sich nun aktuell bei Shakespeare/Brasch handelt, die eigentliche Handlung, wird durch Streichungen, Umstellungen, Zusammenfassung von Rollen und Simplifizierungen von Ort und Zeit sinnvoll nicht mehr nachvollziehbar.

Dazu trägt bei, dass die vom Regisseur bemühte „Zeichenhaftigkeit“ (OZ) des Theaters, die angeblich so „viel mehr bewirken“ kann als „eine historisierende Aufführung“, sichtlich überstrapaziert wird. Wo Sinn fehlt, kann auch ironisch Gemeintes nicht weiterhelfen. Wird bei  Brasch noch Gift genommen, erstochen und erschlagen, um ins Jenseits zu befördern, wird dies nun durch Laser-Schwertimitationen, ein zu kompakt geratenes Rasiermesser, eine schallgedämpfte Pistole oder schlicht durch einen am Herzen zu zerdrückenden Luftballon erledigt. Eine Videowand sendet hintergründige sich bewegende Bilder und designte Lichteffekte zu vordergründiger Handlung, und bei Jugendlichen beliebte Metal-Sounds untermalen Prügel- und Fechtszenen. Und…  jeweils in Grün oder Rot gehaltene Kostüme werden bemüht, die verfeindeten Familien besser kenntlich zu machen. Und…

Überhaupt, die Kostümierung (Simone Steinhorst)! Sie ist wenig geeignet, den Darstellern hilfreich zu sein bei der Erarbeitung eines ernst zu nehmenden Charakters ihrer Figuren. Liebe, die von Belang sein will, kommt ohne Charakter, ohne innere Schönheit, ohne das Wunder der gefühlten Einmaligkeit zweier sich Liebender und die daraus erwachsende Kraft, auch den Tod auf sich zu nehmen, nicht aus. Das will gespielt sein. Aber dieses Spielen gelingt nicht. Ist das Talent der jungen Schauspieler überfordert, oder ist es die Regie?

Romeos (Felix Meusel) und Julias (Frederike Duggen) Agieren bleibt zu beliebig, gerade dann, wenn sie von Liebe sprechen. Gleichmütig lässt Rößler sie oft choreographisch, wie auch die anderen Figuren, zu ihren Szenen aufmarschieren. Romeo, mit mickriger Gitarre ausstaffiert und jämmerlichem Singsang, soll er ironisch punkten? Und wenn die beiden sich nah kommen, vermitteln sie die Distanziertheit einer Stellprobenatmosphäre. Coolness muss zwar nicht enden, wo die Intimsphäre beginnt, wohl aber hat sie im Bezirk liebender Intimität nichts zu suchen. Und so bleibt das Paar blass, bis es im Tod erbleicht.

Was für das Liebespaar den sofortigen Tod bedeuten würde – holzschnittartiges Karikieren, findet desto lebhaftere Anwendung beim übrigen Personal.

Paris (Ronny Winter), bei Brasch „ein Edelmann von Adel, Mann mit Geld und Gütern“, verkommt zu einer Witzfigur, zu einem selbstverliebten Geck mit psychopathischen Zügen.

Julias Mutter Lady Capulet (Gabriele Völsch a.G.) muss die Schlampe geben, die andeutungsweise was mit Tybalt (Alexander Frank Zieglarski) hat, der stets ungestüm und im Kostüm eines jungen Rübezahl auftreten darf.

Julias Amme (Monika Gruber a. G.) hat so gar nichts Mütterliches und geriert sich als geile Maulheldin, dass man fragen muss, warum Julia an ihr hängt und ihr vertraut.

Die Eltern Romeos, die Lady wurde gleich ganz gestrichen, spielen faktisch keine Rolle.

Blass auch Vater Montague (Jan Bernhardt). Er absolviert unaufwendig seine Auftritte in einem an Waldwirtschaft erinnernden Gutsverwalterlook.

Benvolio (Sören Ergang) und Mercutio (Dennis Junge), die hier mit gestrichenem Gesinde verschmelzen, bekommen keine Chance, anders denn als zweifelhafte Freunde und Raufbolde in Erinnerung zu bleiben.

Zalando (Marco Bahr) ist der Geniestreich dieser Inszenierung! Die Rolle wurde erfunden, um für den Zusammenhalt dieser Inszenierung notwendig ausgewählte Funktionen von gestrichenem Personal   zu erfüllen (Bruder Laurence, Prinz etc.).

Bahr tut, wie immer, sein Bestes und gibt ein schillerndes Faktotum, das seine unmaßgebliche Wichtigkeit beherzt über die Rampe zu bringen sucht, die Zuschauer quirlig durchs Programm führt und sie kurzzeitig die Ungereimtheiten seiner mit platten Zeitbezüglichkeiten angereicherten Figur vergessen lässt. – Recht glücklich scheint er in dieser Rolle nicht zu werden, bleibt Zalando am Ende doch auch nur eine Karikatur – man weiß nur nicht, wovon.

Scheinbar unbeeindruckt von alledem: Markus Voigt als Capulet. Souverän und glaubwürdig umschifft er die Untiefen und Klippen dieser Inszenierung. Man nimmt ihm alles ab: seinen ehelichen Überdruss, sein Wissen um das Treiben seiner Frau und die Intrigen der Amme, seine Liebe zu Julia, die sein einzig Glück und Trost ist, sein autoritäres Auftreten und sein Pochen auf bedingungslosen Gehorsam, die Ausblendung der Verzweiflung, in die er seine Tochter stürzt und letztlich auch seinen Schmerz über ihren Tod und seine Reue.

Markus Voigt gelingt die Verkörperung eines zutiefst widersprüchlichen Charakters durch ein großes Talent und ein reichhaltiges Arsenal an schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten, das ihm zur Verfügung steht – Handwerk eben!

Es hieß, man habe eine Inszenierung vor allem für die Jugend machen wollen! Mir scheint, dieser Anspruch war zu hoch, oder besser, er war falsch. Shakespeare light, Brasch light? Brecht entgegnete einmal auf die Forderung nach Volkstümlichkeit, also gewissermaßen nach einem Brecht light, das Volk sei nicht tümlich! Kann man es netter ausdrücken?

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Was bleibt nun auf die eingangs gestellte Frage zu antworten? Statt Shakespeare oder Brasch – Shakespeareverschnitt… Nur manchmal scheint durch die Kakophonie des Banalen ein Text auf, der erahnen lässt, was weithin nicht stattfindet: Kunst!

„Wichtig erscheint mir, nicht auf eine dumme Art modern zu sein, das Stück soll in seiner Zeit belassen werden.“ Thomas Brasch

PS: Nach der Premiere besuchte ich auch die Vorstellung am 9. März, um meinen Eindruck gegebenenfalls zu revidieren.

 

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