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Bachs Hinrichtung und Auferstehung

19 Jan

zum 3. Philharmonischen Konzert am Theater Vorpommern

Die andere Kritik (9)

Greifswald. Am 17. Januar erklangen im ausverkauften Theatersaal, wie sich’s die Kanzlerin für Elphis Eröffnungskonzert gewünscht hätte – ganze Werke, und man durfte zwischendurch auch klatschen.

Für das Konzert wurde Bachs Passacaglia, ursprünglich für Orgel komponiert und voll von religiöser Symbolik, in einem Arrangement von Stokowski gewählt, weil dieses wohl geeignet schien, die geniale Musik zum populären Event und passenden Einstieg werden zu lassen. In der Tat ist Bachs Musik so stark und in ihrer oft komplizierten Struktur auch wieder so klar, dass sie sich, bei einigem Talent und Geschick der Ausführung, auf jedem Instrument und in jeder Besetzung ihres beglückenden Wesens entäußern kann.

Dazu allerdings kam es an diesem Abend nicht!

Gleich zu Beginn, als hätte es schon geahnt, was ihm nicht blüht, schlich sich das eindringliche Ostinato-Thema gleichsam wesenlos ins Ohr der Zuhörer. Selbst schon Ereignis, hätte es auf Kommendes vorbereiten können … Doch statt ziselierender Formgebung wurde durchdirigiert. Golo Berg schien allein sich auf den Gang der Musik zu verlassen, wenn denn nur jeder seinen Einsatz bekäme. Aber das eben reichte hier nicht. „Bach“ ließ so sich nicht bannen. Was Stokowski instrumentierend schaffen wollte, eine Verdeutlichung der Strukturen, eine auch für ungeübtere Ohren leichter mögliche Verfolgung des kunstvollen Weges des Ostinatos, das immer wieder seine Basis in den Bässen verlässt und durch die verschiedensten Stimmen wandert, blieb auf der Strecke – und damit zugleich jegliche Sinnhaftigkeit des Ganzen. Das Dirigentenpult wurde zum Richtblock. Wozu ermuntert hätte werden sollen, verkehrte sich in einen Kampf „Jeder gegen Jeden“. Da fügte wenig sich zusammen, und wo Stimmen, allein gelassen, sich zu behaupten versuchten, richteten sie sich gegen das Ganze. Was Geigen in Beethovens Egmont-Ouvertüre sinnvoll mit einem einzigen „Kopf-ab“-Strich schaffen, gelang hier permanent, wenn auch unfreiwillig, vor allem den hohen Streichern mit disparaten Klangschlägen – ein einziges Schlachtfest!  Da war nichts mehr zu hoffen und zu retten. Auch nicht mit hilfloser Lautstärke und äußerlich bleibenden Temposchwankungen, die ihren Höhepunkt fanden in den überdimensionierten Ritardandi vor Beginn der Fuge und am Ende, das eher als ein glückliches, den Eindruck eines orchestralen Suizidversuchs machte. Das Publikum war’s zufrieden, und das Konzert konnte weiter seinen Lauf nehmen!

Und es erklang Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funèbre“ – im besten Sinne des Wortes, es klang! Mika Seifert entlockte seiner Geige so wundervoll traurige Töne, als wäre das Stück eigens für ihn geschrieben. Souverän dominierte seine Geige das Konzert vom ersten bis zum letzten Ton. Hier wurden auch Dirigent und Orchester, nun als Streichorchester, ihrer Rolle gerecht. Sehr berührend für den, der sie kennt, auch die „liedartige Melodie“, die zu Beginn des vierten Satzes das Orchester intoniert und die dann später vom Solisten aufgegriffen wird: „Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin…“ Hätte man sich auch ein wenig mehr Enthusiasmus bei der Entwicklung des  dritten Satz gewünscht, so war dies Konzert, um es vorwegzunehmen, doch der künstlerische Höhepunkt des Abends.

Und dann geschah etwas Versöhnliches. Bach, der auf offener Szene erschlagen worden war, feierte seine Auferstehung durch Mika Seiferts nach- und eindrückliche Zugabe: er spielt Bach, wohltönend, sinnvoll und unaufgeregt schön! Das Publikum hatte es bemerkt und applaudierte dankbar…

Nach der Pause dann Brahms‘ Vierte. Wer kennt sie nicht? Oder anders: Wer kennt sie? Aber machen wir es kurz. Schon der erste Satz trat auf der Stelle. Wo blieb die Eleganz, wo die herbstliche e-Moll-Melancholie? Der zweite Satz litt an einer Behäbigkeit, die er vom ersten mit dessen halbem Tempo geerbt zu haben schien. Der dritte Satz begann zögerlich, bevor er an Fahrt aufnahm. Und der vierte? Es fehlte die gehörige Stringenz, die diesen Satz nicht hätte auseinanderfallen lassen. Dafür aber – meistens laut, zu laut! Und auch hier, täuschte man sich über „das Einfache, das schwer zu machen ist“, oder, noch einmal anders – das Schwere, das  s o  einfach nicht zu machen ist?

Aber was solls: es nahm ein Ende.

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