Tag Archives: Joachim Gauck

Ein Schaf in altem Wolfspelz?

10 Nov

 Biermann im Bundestag

„Glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen Krieg?‘ Oh nein! Auf gar keinen Fall! Denn da mordet, so weit ich seh‘, Mann, nur Putin, der KGB-Mann! Wer spielt da den blutigen Ball denn? Nur Putin und seine Kanaillen!“

Als Biermann dies – mehr schlecht als recht gereimt – und anderes unlängst bei Deutschlandradio Kultur meinte sagen zu müssen, dacht ich traurig und böse, ach Wolf, Du „uralter Sack“, ich hörte Deinen letzten, historischen Auftritt in Köln am Rhein heimlich des Nachts am Kofferradio, nahm das Konzert auf und versteckte die Kassette so gut, dass ich sie nie wiederfand. Und war beeindruckt, wie Du die alten Politbürosäcke verhöhntest, und sprachlos staunte ich über Deinen Mut, nicht wissend, dass Du keine Rückfahrkarte hattest im Gepäck. Doch jetzt, wo ich Deine Zeilen an Jewtuschenko höre, gefriert mir das Blut in den Adern, und ich schäme mich fremd für Dich, den verbitterten Plänkelsänger!

Kurz darauf dann kam die Meldung: Biermann singt im Bundestag! … Was hat denn den Lammert geritten, einen so hemmungslosen Putin- und Linkenhasser im Hohen Hause zu hoffieren! Nach außen politisch doch ausgesprochen ungeschickt. Und nach innen? Sollte ein Parlamentspräsident nicht auch halbwegs überparteilich agieren? Nun, Lammert meinte wohl, was der Gauck kann, müsse auch er  können wollen – jetzt, wo Deutschland die Gefahr droht, auf internationalem Parkett handlungsunfähig zu werden.

Es wird einen Skandal geben – so oder so!

Und so kommt zur feierlichen Stunde Biermann mit seiner Gitarre, kommt und greift in die Saiten, präludiert zart und lyrisch, zu lang für ein Präludium, bricht dann entschlossen ab sein schönes Spiel und wendet sich nach Links … und das Verhängnis nimmt seinen Lauf … Reich-Ranickis Verdikt über einen Romanschreiber „Er hätte es bleiben lassen sollen!“ rumort verzweifelt in meinem Hirn: Aber Biermann lässt nichts bleiben und nichts aus. Und dann, als Höhepunkt seiner Abrechnung, meint er,  dieser seiner Drachenbrutrestetruppe noch einen letzten Schlag versetzen zu müssen: ‚Nein, sie seien nicht links, nicht links und auch nicht rechts! Sie seien reaktionär‘! Welch Schmähung! Und welch grandiose Verkennung der Realität – in diesem Moment ist nur einer reaktionär – und das ist er! Er selbst. Das Hohe Haus aber hat seinen Spaß und lacht und applaudiert …

Und dann singt Biermann doch noch.

Und er singt:

Du, laß dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
– sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.

Du, laß dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
daß wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, laß dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid.

Und wie Du da so singst, kann ich eine Frage nicht verdrängen: Für wen eigentlich singst Du dort im Bundestag, wenn da mehr sein soll als nicht nur ein zum Ritual verkommenes Lied, das uns erinnern mag an die besseren schlechten Zeiten? Für die, die damals im Knast saßen? Für die, die bürgerliche Freiheiten vermissten und sich selbst ermutigend Deine Zeilen auf den Lippen trugen?

Und wen willst Du noch ermutigen? Du, der Du mit Deinen einstigen Idealen längst auch Dein Publikum verloren hast und nun als ein Wiedergänger kalter Zeiten herumgereicht wirst?

DAS gönne ich Dir – NICHT; hätt‘ Dir und uns was Bess’res gewünscht …!

Gauck noch mal!

20 Feb

Es ist eine instinktlose Posse: nun muss für’s höchste Amt nochmal der Charakterdarsteller mit den nebulösen neoliberalen Freiheitsvorstellungen aus der parteipolitischen Trickkiste gezogen werden. SPD und GRÜNE können vorerst frohlocken, dass die Kanzlerin nun genau den rotgrünen Kandidaten präsentiernen muss, der allein ihr zum Ärgernis (anders nicht zu verstehen!) von ihnen aufgestellt worden war. Und die FDP darf sich rühmen, die Kanzlerin in diese miese Situation gebracht zu haben und sich sonnen in der Illusion, nichts ginge ohne die FDP.

Aus Umfragen geht hervor, dass Gauck in Sachen Präsidentschaft Volksliebling ist. Auch Volkstribun? Gauck begriff in der DDR: „dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz…“ Werden ihn  s e i n e  damaligen politischen Erfahrungen dazu befähigen, ein Herz auch für heutige Minderheitsexistenzen zu haben, die die von ihm favorisierte Freiheit gebiert?

Eines wenigstens scheint sicher: mit Männern von Charakter, wie sie mit Klaus Töpfer und Norbert Lammert im Gespräch waren, braucht sich die Kanzlerin nicht herumzuschlagen. Von ihnen wäre zu hoffen gewesen, dass sie nicht jedes mit heißen Nadeln und geschmierten Federn fabrizierte Gesetz würden durchgehen lassen. Und gerade das wäre nach den deprimierenden Erfahrungen mit Regierung und Parlament geboten.

Fazit: der Instinkt, was politischer Macht und ihren Ränkespielen nutzen oder schaden könnte, ist noch hellwach. Dafür aber versagt er gründlich bei der Frage, was der ganzen Nation zur Ehre und zum Wohl gereichen würde.

s. a.  Ach Gauck

Gauck zum III. oder „das kleinere Übel“?

28 Jun

Kommentar zu

http://blog.gruene-greifswald.de/2010/06/27/freiheit/#comment-15137

vom 28. Juni 2010 um 13:46

Es geht nicht um Gauck, es geht nicht um Wulff. Um ein kleineres oder größeres Übel? Die Medien haben es allerdings geschafft, dass alle Welt dies nun so sieht. Dass die Medien dies konnten/durften, halte ich jedoch nicht für einen Beweis ihrer Unabhängigkeit. Die Frage sollte auch hier gestellt werden: Cui bono, wem nützt es? Beide Kandidaten sind konservativ, neoliberal geprägt. Das kann es also nicht sein. Gauck ist vielleicht weniger bewusst politisch, was kein Nachteil ist, taugt er doch um so besser zum unbefangenen Freiheitsmärchen-Erzähler. Aber auch das ist es kaum. Entscheidend: die “Strippenzieher” aus Wirtschaft- und Finanzwelt scheinen ihr Urteil über Merkel gefällt zu haben: Sie hat das Schwarz-Gelbe-Projekt verkackt(und zwar vorsätzlich)! Man wird nun sehen, ob es ihnen gelingt, genügend Abweichler in den eigenen Reihen zu gewinnen, um die Kanzlerin weiter zu schwächen. Das könnte mit anschließendem Misstrauensvotum o. ä. zum Sturz der Kanzlerin führen und Wulff die Kanzlerschaft bescheren. Er würde sie nicht ablehnen! Die “Retter” des Schwarz-Gelben-Projekts haben es eilig, denn noch müssten SPD und Grüne dieses Spiel, ob sie es nun wollten oder nicht, mitspielen, da es für eine wirkliche Alternative – das schon in der Luft liegende linke Projekt (Rot-Rot-Grün)- fatalerweise auf allen infrage kommenden Seiten noch keine wirkliche Bereitschaft gibt.

Joachim Gauck: „Bin ICH das?“

24 Jun

Rede im Deutschen Theater

http://www.joachim-gauck.de/Aktuelles/Reden/details/100622_grundsatzrede_dt.html

Ein Beitrag zur Diskussion um den Bewerber für das Präsidentenamt.

Es lohnt sich, sich einmal die Zeit zu nehmen und die umjubelte Rede des Kandidaten Gauck, die er im Deutschen Theater hielt, zu lesen. Grundsatzrede? Erst bescheiden von Gauck selbst dementiert, dann doch als solche auf seiner Homepage abgespeichert.

„Wenn ich mich Ihnen vorstelle, möchte ich meine Leitgedanken, meine politischen Schwerpunkte und Ziele nicht in Thesen fassen. Vielmehr möchte ich von Erfahrungen sprechen, die mich geprägt haben und den aus mir gemacht haben, der heute vor Ihnen steht. Es sind Erfahrungen, die die Leidenschaft für Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben.“

Gauck möchte das tun, was er kann – von sich sprechen:

„Über der ersten Begegnung mit dem Leben könnte ein Titel von Thomas Mann stehen: „Unruhe und frühes Leid“. Gauck ist Bildungsbürger und liebt das Pathos:

„Es war kein Zufall, dass ich mit zwölf Jahren dem Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel, mit dreizehn Jahren wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte und mit sechzehn am liebsten bei der Revolution in Ungarn mitgekämpft hätte.“

Wer Gauck gut zuhört, hört, dass er nicht nur sein Publikum davon überzeugen will, dass sie den Richtigen zum Kandidaten gekürt haben – er macht sich auch selbst Mut, Mut zur „Ermächtigung“ wie einst 1989, als er fragte: „Bin ICH das?“

Bedenklich werden Gaucks Schilderungen seiner biografischen Befindlichkeiten, wenn er schon bald das „Ich“ verlässt und sukzessive ein kollektives „Wir“ bemüht. Er vergisst, klar zu differenzieren zwischen seiner frühen Wir-Erfahrung:  „Immer wieder waren es Christen und Kirchenvertreter wie mein mecklenburgischer Landesbischof Heinrich Rathke, die mir Wegweisung und Mut gaben. Sie ließen mich glauben, dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz. Und indem wir sie annahmen, annehmen mussten, verloren wir zwar allerhand – aber nicht uns selbst.“ – also zwischen einem Minderheiten-WIR und einem anmaßend vereinnahmenden „Wir-sind-das-Volk“-WIR: „Damals setzten wir unsere Befreiung durch. Diese Erfahrung kann der Osten des Landes in die gemeinsame deutsche Geschichte einbringen und den Bewohnern im Westen unseres Landes schenken: Auch Deutsche können Revolution.“

Bedenklich auch, wenn Gauck sich in Volks-Psychologie versucht.  „Mehr noch als die Bewohner in Deutschlands Westen begleitet die Bewohner des Ostens deshalb eine Angst vor der Freiheit, die den schmerzlichen Prozess der Aufklärung und Säkularisierung auf dem Weg in die Moderne immer begleitet hat. Wir haben durch die Freiheit viel gewonnen, aber wir haben auch Bindungen, die äußere festgezurrte Ordnung und Sicherheit verloren. Für ihre Lebensplanung sind die Menschen nun selbst zuständig – aber zu dieser Eigenverantwortung sind einige nicht mehr, und andere noch nicht fähig. […] „Furcht vor der Freiheit“ hat Erich Fromm dieses Phänomen genannt. […] Sind wir wirklich hinreichend ausgestattet, so fragen sich die aus dem Paradies Vertriebenen. Sie sehnen sich nach der fraglosen Ordnung, die sie verließen, als sie aus freien Stücken den Apfel im Garten Eden nahmen und danach unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen landeten.“

Da geht denn doch der Pastor mit ihm durch und die Vergleiche hinken beträchtlich. Wurde das, was Gauck zynisch als „Furcht vor der Freiheit“ identifiziert, nicht erst post festum gerade durch Nicht-Aufklärung über die zu erwartende „Freiheit“ ausgelöst? Und muss der Paradiesvergleich nicht Jeden beleidigen, der Arbeit und Sorgen gehabt hatte? Und schließlich, verwechselt Gauck nicht die „Gefilde der Arbeit“, mit den nun allerdings ungewohnten Gefilden der Arbeitslosigkeit?

Die kommentierten Zitate können nur der Einstieg in eine Diskussion der Gauckschen „Grundsatzrede“ sein. Die Rede liefert dazu weiteres reichhaltiges Material.

Mein vorläufiges Angebot zu einem Resümee:

Gauck unterliegt der Selbsttäuschung, er könne als ein sich in der bürgerlichen Mitte verortender konservativer „Freiheitskämpfer“ ideologiefrei Bundespräsident aller Deutschen in Ost und West sein. Viele teilen diese Illusion. Die veröffentlichte Meinung hätschelt und die Politik nutzt sie.

Ach Gauck!

17 Jun

Zu „Gauck for President!? http://blog.gruene-greifswald.de/2010/06/15/gauck-for-president/

Ach Gauck!

Nein! Ich muss meine Parteiführung enttäuschen. Ich kann ihre Begeisterung für den Mann nicht teilen. Ich vermute, dahinter verbirgt sich eher die Begeisterung für die eigene Taktik, mit einem genialen Coup der hassgeliebten Kanzlerin (mit der man so gerne wieder regiert hätte) ordentlich eins auszuwischen. Ich vermute ferner, das Spielchen endet für SPD und Grüne eher ernüchternd. Wie viel Gauck kann sozialdemokratische Identität – ein ohnehin äußerst dehnbarer Begriff – denn noch unbeschadet verkraften? Gewiss, Gauck ist ein achtbarer Mann, und als ich ihn auf der Pressekonferenz agieren sah, war ich positiv überrascht und meinte, den kann ich mir, wie er so spricht, als Präsidenten ganz gut vorstellen – mal eben ganz unpolitisch gedacht!

Aber politisch ist das doch eine Katastrophe! Sollte eine Sozialdemokratische Partei – die lieben Grünen müssen das mit sich selbst abmachen – einen Kandidaten präsentieren, der mit Sozialdemokratie rein gar nichts am Hut hat? Ihr würde doch nicht im Traum einfallen, ihn zu nominieren, wäre sie Regierungspartei! Wie muss es um unser eigenes Personal stehen, dass wir die Hoffnung auf einen setzen, auf den, hätte ihn Merkel in Verhandlungen angeboten, sich Sozialdemokraten mit dem Regierungslager nie hätten einigen dürfen. Gesetzt, Gauck würde gewählt, und, wie die Medien suggerieren, Frau Merkel würde dies politisch nicht überleben, ja was dann? Taktik ist zu wenig, und für Hoffnungen, dass nach dem beabsichtigen Knalleffekt für Rot und Grün (und Deutschland überhaupt) irgend etwas besser werde, sehe ich derzeit keinen Anlass.

Also, Gauck for President? Er wäre wohl ein guter Präsident – aber für eine Republik, die ich mir nicht wünschen will.

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