Universität Greifswald

20 Jan

Die Greifswalder Universität verabschiedet sich von „Ernst-Moritz-Arndt“

Man sollte diese Entscheidung einen weltbürgerlichen Akt nennen, der allerdings, wie sollte es wundern, die Diskussion nicht beendet hat. Durch unreflektierte, ressentimentgeladene und verächtlich machende Äußerungen in verschiedenen Medien fühle ich mich veranlasst, meinen vor sieben Jahren zum gleichen Anlass verfassten „Brief“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen:

Dienstag den 16. Februar 2010                                                                                                                          An die Mitglieder des Senats                                                                                                                          der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald

Sehr geehrte Damen und Herren,

im diskursiven Vorfeld der Entscheidungsfindung und der Abstimmung des Senats über die formelle Aufhebung der Verleihung des Namens „Ernst-Moritz- Arndt Universität“  der Greifswalder Universität aus dem Jahre 1933 erlaube ich mir, Ihnen meine Anmerkungen zur politischen Problematik dieser Angelegenheit zur Kenntnis zu geben.

….

„Anmerkungen zur politischen Problematik der Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die Greifswalder Universität will und muss sich der Verantwortung stellen, die ihr aus der aktuellen, öffentlichkeitswirksamen Problematisierung Ernst Moritz Arndts in seiner Eigenschaft als ihr Namenspatron zugewachsen ist.

So wie nach Auschwitz das Verhältnis Deutschlands zu Israel und den Juden auf lange Zeit ein „besonderes“ sein wird, so sollte auch das Verhältnis der Deutschen zu Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein von besonderer Sensibilität geprägtes bleiben.

Wer, wenn nicht die akademischen Vertreter unseres Landes, hätte als Erster diese Sensibilität zu wahren und durch sein Wirken positiven Einfluss auf die politische Entwicklung unseres demokratischen Gemeinwesens zu nehmen?

Die Heftigkeit, mit der der Streit um die Umbenennung von den verschiedensten Seiten geführt wird, deutet auf eine so von vielen nicht erwartete Aktualität untergründiger Konflikte. Deren politischer Charakter liegt auf der Hand.

Und so wird die zu treffende Entscheidung eine ethisch motivierte politische Entscheidung sein müssen

Zu einzelnen Aspekten:

  1. Arndts Rassenwahn

Arndts unheilvollste  Äußerungen sind Ausdruck einer ideologischen Weltsicht, die ihr Heil suchte in einer Kompensation von ins Allgemeine gehobenen subjektiven Gefühlen des Nichtgenügens und des Zukurzgekommenseins, bei gleichzeitigem Größenwahn, durch das Setzen eines fiktiven „teutschen“ Nationalcharakters. Hierbei steigerte Arndt, unter Verhöhnung alles Undeutschen, die hässliche Seite schrullig-kruder Deutschtümelei wahnhaft ins Vorläufige rassentheoretischer Ideologie, die bekanntermaßen im deutschen Nationalsozialismus ihren schandbaren Höhepunkt erreichte.

  1. Arndt und seine Zeit

Nimmt man das entlastend gemeinte Argument ernst, man müsse Arndt in seiner Zeit sehen, so wird man in Bezug auf seine maßgeblichen Äußerungen, die ihn als Namenspatron disqualifizieren,  feststellen müssen, dass Arndt nicht schlechterdings den Zeitgeist bediente, sondern dass er erheblich den „Zeitgeist“ forcierte, indem er als Mann der Worttat das Inhumane, den Ungeist seiner Zeit an vorderster Front schürte. Sein von Sendungsbewusstsein getriebener demagogischer Eifer half mit, dass Humaneres bei seinen Zeitgenossen nicht durchdrang.

Die mitunter plakativ als Argumente „gegen Arndt“ benutzten Zitate  waren keine verbalen Entgleisungen, sondern wohlbedacht platzierte rhetorische „Spitzenleistungen“ seiner ansonsten durch die verschiedensten Fachbereiche deklinierten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Anschauungen.

  1. Arndt und die deutsche Einheit

Arndt als Stichwortgeber oder geistigen Schirmherren für die „friedliche Revolution“ reklamieren zu wollen, wäre eine sophistische Meisterleistung. Jedenfalls das, was die Ostdeutschen im „Herbst 89“ bis zum Fall der Mauer unter sich ausmachten, hatte mit Arndt nichts zu tun. Weder das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“, die Rufe, „Gorbi, Gorbi“ oder „Keine Gewalt“ noch die Forderung „Stasi in die Produktion“ bedurften der Inspiration durch Arndt. Das Volk musste nicht agitiert werden. Es hatte sich für einen kurzen historischen Moment von jeder Agitation emanzipiert.

  1. Arndt und die Theologie

Wie einer mit „Seinem“ Gott ins Reine kommt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wer damit aber, wie Arndt, an die Öffentlichkeit geht, setzt sich der Kritik aus.

Zum Ersten: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte …“ (1812). Wenn man dieses Lied nicht in pubertärer Bierseligkeit grölt, sondern das Gedicht bei klarem Verstand auf sich wirken lässt, wird einem bewusst, dass Arndt seinen Gott bedenkenlos instrumentalisiert. Die Nationalisierung Gottes ist ein Rückfall hinter die Botschaft von Himmelfahrt und Pfingsten, ist die primitive Negation der Botschaft des Neuen Testamentes vom Bund Gottes mit allen Menschen. Damit geschieht Arndt, was vielen Fanatikern passiert: Sie gleichen sich ihrem Gegner an. Arndt begibt sich damit auf das „politische“ Niveau alttestamentarischen Gottesverständnisses.

Zum Zweiten: „Ich weiß, woran ich glaube …“ von 1819 muss man nun genau in diesem Kontext verstehen – nicht abstrakt als Ausdruck einer ihm mit den Jahren zugewachsenen Abgeklärtheit, sondern einer pathetisch daher kommenden, sich selbst bestätigenden  religiösen Vermessenheit: „Auch kenn‘ ich wohl den Meister, der mir die Feste baut …“.

An dieser Stelle soll ausnahmsweise direkt auf ein Statement (Anhörung vom 11.12. 2009) aus dem Kreis der Namensbefürworter eingegangen werden, um die Aufmerksamkeit auf eine häufiger im Zuge des Anhörungsprozesses beobachtete unkritische Herangehensweise zu lenken, die Relativierungen begünstigt, mit denen eine ehrliche Aufarbeitung von Geschichte nicht zu leisten ist. Zwei Sätze, die exemplarisch dafür stehen seien hier zitiert.

Professor Staats (Kiel) schreibt:

Erstens: „Als 1933 Arndts Name in den Titel der Universität kam, da war wirklich auch im gebildeten Bürgertum die Vorstellung verbreitet, dass die nationale Bewegung eine „Freiheitsbewegung“ sei.“

Und zweitens: „Am Namen Arndts kam offensichtlich kein wacher Bürger vorbei – bis in den Zweiten Weltkrieg.“

Diese Sätze, offensichtlich als Verteidigung seines bei der Namensgebung 1933 federführend wirkenden Kollegen Glawe gedacht, schreien, so harmlos sie auch scheinen mögen, in ihrer intellektuellen Einfalt geradezu nach einer Hinterfragung ihres historischen Wahrheitsgehaltes:

Wäre da nicht zu fragen: was konstituierte die Bildung des „gebildeten Bürgertums“, dass sich in ihm eine Verwechslung des deutschen Faschismus mit einer „Freiheitsbewegung“ verbreiten konnte? War es nicht eher so, dass der Identifikation des verinnerlichten tradierten Arndt’schen Freiheitsbegriffes mit dem der Nazis schon nichts Wesentliches mehr entgegenstand? Wie hätte sonst ein Theologieprofessor nur wenige Monate nach dem Reichstagsbrand, nach pausenlosen medialen Hasskampagnen und der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie ausgerechnet Arndt als Namenspatron für die Universität vorschlagen können? Konnte dies alles einem gebildeten Bürger entgangen sein?

Auch konnte in der Tat weder ein „wacher deutscher Bürger“ noch eine wache deutsche Bürgerin am Namen Arndts vorbeigekommen sein. Nur, mit welchem Resultat? Der Ruf: „Deutschland erwache“ – vornehmlich zum Einschläfern der Vernunft skandiert – verschreckte gerade die wachesten Köpfe. Viel von ihnen verließen noch rechtzeitig das Land. Die große Zahl ergab sich dem Rausch neuer verheißener nationaler Größe.

Hätte sich hier für den Professor beim Lesen seiner eigenen Sätze nicht selbst die Möglichkeit einer Frage auftun können: ‚Gibt es da vielleicht eine Verbindung zwischen der Rezeptions- und der Wirkungsgeschichte Arndts, dem flächendeckenden Eintrichtern Arndt’scher Verse und Arndt’schen „Gedankenguts“ und der geistigen Verfassung des „wachen“ und „gebildeten“ Bürgertums im Frühling des Jahres 1933? Hätte sein Votum dann noch negativ, gegen eine Umbenennung ausfallen können?

Arndt in unserer Zeit, die Stadt und die Universität

„… die Befangenheit in den eigenen Vorurteilen bis hin zum Rassenwahn blieb einKontinuum der Deutschen Geschichte.“ (A. Herzig – „Die Zeit“ 4/2010 S. 78).

Häufig werden von Gegnern der Umbenennung der Universität aus Kreisen der Greifswalder Bevölkerung die engen Verbindungen zwischen Stadt und „ihrer“ Universität argumentativ ins Spiel gebracht. Die Gewichte sind allerdings ungleich verteilt, was dabei gern vergessen wird. Die Stadt lebt wesentlich durch und von der Universität, nicht umgekehrt. Das prägt das Miteinander beider. Über den guten Ruf einer Universität entscheiden offensichtlich andere Kriterien als ihr Name, solange der Namenspatron nicht zur Belastung wird. Der Streit um Ernst Moritz Arndt ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Legte die Universität ihren Namen ab, verlöre die Stadt nichts als eine mehr oder weniger unreflektiert liebgewonnene Gewohnheit. Die Stadt lebt kaum mit, noch weniger durch Arndt. Sähe sich „die Universität“ andererseits gedrängt, auf lokalpolitische Befindlichkeiten und Animositäten Rücksicht nehmen zu müssen („… jetzt wollen sie uns auch noch unseren Arndt nehmen!“) , würde die Stadt zur Belastung für die Universität. Das wäre für keinen gut.

Im Gegenteil: Der Namensstreit bietet all jenen, die den Namen Arndts positiv verinnerlicht haben eine Chance zur Neujustierung ihres Geschichtsbildes. Und – eine Umbenennung überließe Arndt nicht den Rechtsextremen, wie ein irrlichterndes Argument suggerieren will, sondern sie nähme denen eher die Möglichkeit eines peinlichen Verweises: in Greifswald trage selbst eine Universität den Namen dessen, der nach wie vor zu einem ihrer Helden taugt.

Der Universität hat sich die Chance einer Rehabilitierung ihrer Reputation gegeben, nachdem sie unsanft aus dem Dornröschenschlaf einer scheinbar unschuldigen Namensträgerschaft geweckt wurde. Denn unvergessen ist, dass sich auf Initiative und unter dem Beifall verblendeter akademischer Kader die Universität im Frühjahr 1933 freiwillig und in Ergebenheit zum „Führer“ den Namen Arndts zulegte, dessen Visionen sich dank der nationalsozialistischen Bewegung endlich zu verwirklichen schienen. Gleichzeitig, am 7. und 25. April, wurden Gesetze erlassen, mit denen begonnen wurde, Hochschulen und Universitäten von Juden und Andersdenkenden zu säubern und am 10. Mai loderten unter den Augen der Universität auch auf dem Greifswalder Marktplatz die Flammen der auf den Scheiterhaufen geworfenen Bücher.

Deutsche Universitäten erwiesen sich nicht als geistiges Bollwerk gegen die aufziehende Barbarei, sondern als ihr intellektueller Treibriemen. Hinzu kamen traditionell verhängnisvolles politisches Desinteresse, Wegsehen und Verdrängen und der Rückzug in vermeintlich reine Wissenschaft.

Heute lautet die Frage ganz klar, gibt es Gründe, die eine deutsche Universität im Jahre 2010 veranlassen könnten, sich den Namen „Ernst Moritz Arndt“ zuzulegen? Die Antwort darf nicht verweigert werden und muss in die Entscheidung eingehen. Und da die Entscheidung eine politische ist, muss auch die Begründung politisch sein und ethisch motiviert.

Wissenschaftlicher Diskurs, Stellungnahmen, Anhörungen, die unterschiedlichsten medialen Äußerungen und anderes mehr haben den Erfahrungshorizont mit Arndt erweitert und Erkenntnisse über ihn und uns zu Tage gefördert, hinter die zurückzugehen der politische Anstand verbietet.

Ein Festhalten am status quo sollte heute also nicht mehr möglich sein, käme es doch einer erneuten Bestätigung jener beschriebenen beschämenden Vorgänge gleich, und wäre als Rückzug auf angeblich „wissenschaftlich“ nicht Entscheidbares schlicht Verweigerung politischer Verantwortung.“

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