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Ernst Moritz Arndt, der fatale Patron

2 Mrz

Was noch täglich in der Greifswalder Ostseezeitung gegen die Umbenennung der Greifswalder Universität zu lesen ist, zeigt die ganze Fatalität dieses Patrons, und dass wir auch hier, wo alles angeblich mit fünfzigjähriger Verspätung eintritt, zügig im postfaktischen Zeitalter angekommen sind!

Besser und historisch gerechter als Jörg Schmidt kann man den „Geistesheroen“ Arndt, grade auch   i n  und  a u s   s e i n e r  Z e i t   h e r a u s,   nicht würdigen!

Fataler Patron

Noch immer tragen deutsche Schulen, Kasernen und eine Universität den Namen des völkischen Ideologen und Antisemiten Ernst Moritz Arndt
Von Jörg Schmidt
24. Februar 2009, 11:26 Uhr / Editiert am 30. Juli 2009, 16:17 Uhr / Quelle: (c) DIE ZEIT 5. 11. 1998

Im April 1933, die neue Ära hat gerade begonnen, beantragt der örtliche Leiter des Stahlhelms Professor Walter Glawe, der Greifswalder Universität den Namen Ernst Moritz Arndt zu verleihen. Pflichtgetreu folgt der Senat der Hochschule dem Antrag. Im Mai 1933 dann endlich aus Berlin der positive Bescheid vom preußischen Staatsministerium: „Der Universität Greifswald, an der Ernst Moritz Arndt als Student und Hochschulprofessor stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des Deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft hat, wird hiermit der Name ,Ernst Moritz Arndt Universität‘ verliehen.“

Genau zehn Jahre später: Auf der Gründungsversammlung des Nationalkomitees Freies Deutschland im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau berufen sich die soldatischen Widersacher Hitlers auf Ernst Moritz Arndt. Hatte er nicht vorausschauend in seinem Soldatenkatechismus gepredigt, daß selbst ein Fahneneid auf den Führer einen deutschen Soldaten nicht binde? „Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, (…) müssen sie nimmer gehorchen.“ Ernst Moritz Arndt wird zum Kronzeugen der antinationalsozialistischen Propaganda des Komitees. Überall ist er präsent. Die Anfangstakte seines Kampfliedes Der Gott, der Eisen wachsen ließ bilden das Erkennungszeichen der Radiosendungen. Und die Grabenlautsprecher des Komitees beschallen die Gegenseite mit Arndts pathetischen Worten zu deutscher Soldatenehre.

Zur selben Zeit (1943) veranstaltet die Ernst Moritz Arndt Universität in Greifswald eine Arndt-Woche. Auch hier dienen seine Schriften der moralischen, soldatischen und nationalen Aufrichtung: zur Stärkung des nationalsozialistischen Kampf- und Durchhaltewillens nach Stalingrad.

Und noch einmal Arndt, zwanzig Jahre später: Nachdem die Greifswalder Universität seinen Namen 1945 zuerst inoffiziell abgelegt hatte, folgt 1954 die Kehrtwende. Der Senat der Hochschule beschließt die Wiedereinsetzung des Namens. Im August 1954 teilt der Staatssekretär für Hochschulwesen der Hochschule mit, daß, da der Name der Universität nach dem Krieg nie aufgehoben worden sei, die Universität weiterhin den Namen Ernst Moritz Arndt Universität trage. Und er gibt zu bedenken: „Wir empfehlen (…), bei passenden Anlässen (…) das grosse patriotische, von den Hitlerfaschisten verfälschte Streben und Wirken Ernst Moritz Arndt’s zu erläutern und aus deren Darstellung anspornende Kraft für die Erfüllung unserer gegenwärtigen Aufgaben zu gewinnen.“

Die Grabenkämpfe zur Inanspruchnahme des Deutschesten aller Deutschen wurden von links und rechts geführt. Betonten die einen den streitbaren Patrioten und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, feierten ihn die anderen als Überwinder Napoleons, als Erwecker der deutschen Nation und nicht zuletzt als unermüdlichen Kämpfer gegen den französischen Erbfeind: „Zu den Waffen! Zu den Waffen! Zur Hölle mit den wälschen Affen! Das alte Land soll unser seyn!“

Bis vor fünfzig Jahren galt Ernst Moritz Arndt als einer der berühmtesten Deutschen. Hatte ihn nicht sogar Friedrich Gundolf 1924 in das Elysium der Geistesheroen erhoben? Neben Luther habe es „keinen gewaltigeren Warner“ und „geisterfüllteren Kritiker“ gegeben. Dies würde zwar heute niemand mehr von dem kleinen knorrigen Vorpommern behaupten wollen. Dennoch ist Ernst Moritz Arndt überall in Deutschland präsent: Straßen, Schulen, Kasernen tragen seinen Namen – und, nach wie vor, die Universität in Greifswald. Die Frage ist nur: Können sich Institutionen einer Demokratie, kann sich die Republik wirklich guten Gewissens auf ihn berufen?

Ernst Moritz Arndt, geboren am 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz auf dem damals schwedischen Rügen, kommt aus engen Verhältnissen. Sein Vater – noch als Leibeigener geboren – ist Angestellter des Grafen von Putbus, doch bald schon pachtet die Familie ein eigenes Gut auf Rügen. Diese bäuerlich-patriarchalische Herkunft prägt Ernst Moritz Arndt grundlegend, und der Kampf gegen das Zerbrechen der sozialen ländlichen Harmonie wird ihm später ein wichtiges Thema. Von 1791 an studiert er Theologie und Geschichte in Greifswald und Jena. 1794 kehrt er nach Vorpommern zurück, wo er „auf eine unbeschreiblich leichte Weise“ sein theologisches Examen ablegt. Die Bahnen scheinen bereitet für eine klassisch-bürgerliche Existenz.

Doch dann flieht Arndt die ausgetretenen Pfade. Eineinhalb Jahre reist er durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien und Frankreich. Auf der Reise gibt er sich als Schwede aus, da der Name eines Deutschen in Europa „stinkend“ geworden sei. Die zentralen Momente von Arndts Denken zeigen sich: Kampf gegen das nationale Unterlegenheitsgefühl, besonders gegenüber der politischen und kulturellen Leitnation Frankreich, und seine Völkerpsychologie. So bewundert er den Nationalcharakter der Ungarn. Anders als die jede Nation nachahmenden Deutschen besitzen die Ungarn einen eigentümlichen „Nationalcharakter, der allein (…) ein Volk macht. Wem dieser Nationalcharakter, dieses Unterscheidende, fehlt, dem fehlt auch ein Land, das ihn zusammenhalte (…).“ Arndts Einschätzung ist gleichzeitig Appell an die Deutschen: Bewahrt euren Nationalcharakter! Verliert euch nicht in kosmopolitischen Träumereien …

Und dann Paris: Mit großen Augen durchstreift er Straßen und Winkel der Stadt. Wie schon in Wien und Budapest zieht ihn seine aufklärerische Libido in die Nähe der Huren, der „Schwesternkongregationen der Straße“. Nicht idealisierend oder dämonisierend – nein: neugierig und fasziniert beobachtet er das Treiben im Hallenviertel. „Nicht einzeln (…) gehen hier die Mädchen und Weiber auf den Fang aus, sondern in ganzen Haufen und oft lauern einige handfeste Kerle im Hinterhalte mit Knüppeln, wenn das geenterte Schiff sich nicht gutwillig schleppen lassen will.“ All seinem späteren Franzosenhaß zum Trotz – noch rühmt Arndt die Franzosen als Nation, die er „ewig lieben“ müsse. Doch seine nationalen Visionen werden diese Reiseerfahrung bald erfolgreich verdrängen.
Deutschland, die Nation wird ihm zur Religion

Zurück in Greifswald, schwört er der Theologenlaufbahn ab und habilitiert sich 1800 als Privatdozent für Geschichte. Mit seinem drei Jahre später erscheinenden sozialreformerischen Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen greift er in das politische Leben ein. Die Schrift macht ihn schlagartig berühmt und führt mit zur Abschaffung der Leibeigenschaft in Pommern 1806.

Doch bald schon geht sein Blick gen Westen. Napoleons Siegeszug durch Europa wandelt den schwedischpommerschen Royalisten Arndt zum deutschen Patrioten. Ein schwedischer Offizier namens Gyllensvärd muß es am eigenen Leib erfahren. Arndt beschuldigt ihn, „ein schlechtes Wort über das deutsche Volk fallen“ gelassen zu haben. Drei Tage später findet das Duell statt. Die Kugel des Offiziers trifft Arndts Bauch. Sechs Wochen strenge Bettruhe für die deutsche Ehre …

Schließlich zwingt Napoleons Sieg über Preußen bei Jena und Auerstedt den soeben ernannten außerordentlichen Professor für Geschichte zur Flucht ins „schwedische Exil“ – hat er doch im ersten Band seiner historischpolitischen Aufsatzsammlung Geist der Zeit (1806) zum Widerstand gegen die französische Expansion aufgerufen. Er fordert eine Wiederbelebung des deutschen Nationalbewußtseins und den Kampf gegen die einseitige Geistigkeit der Zeit.

Bekennend schreibt er 1807 an Charlotte von Kathen: „Mein deutsches Vaterland und seine heilige Sache verlasse ich nicht, so lange noch ein Tropfen Blut in mir warm ist. Ich fühle jetzt inniger als je, daß ich den Deutschen angehöre und keinem andern Volk angehören könnte noch möchte.“

Ernst Moritz Arndt hat sein Thema gefunden: Kampf dem Kosmopolitischen und Rationalistischen. „Es waren die sogenannten Philanthropen, Kosmopoliten in ihren Träumen (…) und wenn man will veredelte Juden (…); sie schlossen die ganze Welt in den weiten Mantel ihrer Liebe ein, aber übersahen nur, daß die Leute zu Hause froren.“ Die Nation wird ihm zur Religion. Arndt ruft die Deutschen zu den Waffen: „Ein einiges Volk zu sein, sei die Religion unserer Zeit, die höchste Religion sei das Vaterland lieber zu haben als Herren, Weiber und Kinder, die höchste Bestimmung des Mannes sei, für Gerechtigkeit und Wahrheit zu siegen oder zu sterben.“
Germanisches Blut darf sich nicht mit jüdischem vermischen

In den Jahren zwischen 1812 und 1814 erreicht er den Höhepunkt seiner Laufbahn. Als „Politoffizier“ des Freiherrn von Stein sitzt er am Zarenhof in Petersburg im politischen Zentrum der russisch-deutschen Erhebung. Die ideologische Vorbereitung des deutschen Kampfes gegen Napoleon, jenes „erhabene Ungeheuer“, ist seine große Aufgabe. In unzähligen Flugschriften fordert er Mut und Opferbereitschaft von den Deutschen. Das Ziel: die Restitution des deutschen Volkes. Die Aufgabe: Kampf gegen die Franzosen und die partikularistischen Interessen einzelner deutscher Fürsten. „Wir ringen um die Wiedererschaffung eines teutschen Volkes aus den Völkchen: das will Gott.“

Arndts Flugschriften predigen und hämmern die neue nationale Ideologie in das Bewußtsein seiner Zeitgenossen. Wie kaum ein politischer Schriftsteller vor ihm trifft er den Ton der einfachen Leute. So wird er tatsächlich zu dem nationalen Volkserzieher. Unermüdlich predigt er Haß gegen den französischen Feind, „das Reich Satans“. Aktuelle Themen werden von ihm so formuliert, daß sie „Zündpulver“ für die Deutschen und „Rattenpulver für die Franzosen“ sind. Doch Arndts Völkerhaß ist nicht nur rhetorisches Mittel der Demagogie, er ist integraler Bestandteil seiner nationalen Ideologie: „Das ist des Deutschen Vaterland / Wo Zorn vertilgt den welschen Tand / Wo jeder Franzmann heißet Feind, / Wo jeder Deutsche heißet Freund (…).“ Gegen Kampf und Vision haben die Reiseerfahrungen bei Arndt kein Chance.

Nach 1815 ändert sich die Situation. Die Restauration hält Einzug. Arndts massive Fürstenschelte im vierten Teil seines Geistes der Zeit (1818) führt zu einem Eklat. Der Held der Freiheitskriege wird 1820 in Folge der Karlsbader Beschlüsse von seiner Professur für Geschichte an der Universität Bonn suspendiert. Erst im Juli 1840 begnadigt ihn Friedrich Wilhelm IV. Und ein letztes Mal noch steht Arndt – mittlerweile 79jährig – auf der politischen Bühne. Vom „stählernen“ Kreis Solingen gewählt, zieht er 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung ein. Ihm zu Ehren erheben sich die Abgeordneten und singen sein zum Volkslied avanciertes Was ist des deutschen Vaterland? Republikanische Ideen wird Arndt jedoch als rechter Liberaler weiterhin verschmähen. Enttäuscht verläßt er das Parlament nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. Hochbetagt und hochverehrt, stirbt er am 29. Januar 1860 in Bonn.

Bei allem Respekt für den mutigen und zuweilen kauzigen Publizisten – die Basis seines Denkens bildet eine rassistische, in Ansätzen biologistische Völkerpsychologie: Klima und Sprachen grenzen für ihn die Völker naturgesetzlich voneinander ab, die durch göttliche Weisung an ihren Platz auf der Erde gestellt wurden.

Auf gefährliche Weise verändert Arndt das Differenzierungsaxiom Montesquieus, wonach jede Nation sich nach ihren klimatischen und kulturellen Besonderheiten entwickeln müsse. Die prinzipielle Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts hatte Montesquieu nie in Frage gestellt. Anders Arndt: Völker sind grundsätzlich unterschiedlich. Die Kerne der Nationen – Nation gleich Volk – bilden unveränderliche Nationalcharaktere, die von Gott „verliehen“ wurden. „Die einzige gültigste Naturgrenze macht die Sprache. Die Verschiedenheit der Sprachen hat Gott gesetzt (…). Die verschiedenen Sprachen machen die natürliche Scheidewand der Völker und Länder, (…) damit der Reiz und Kampf lebendiger Kräfte und Triebe entstehe (…).“ Auf zum Kampf der Nationen!

Eine Mischung – „Verbastardung der Nationen“ – muß verhindert werden. Vor allem die mit französischem Blut, das „wie ein betäubendes Gift den edelsten Keim angreift“. So wundert es nicht, daß Arndt auch vor einer Mischung mit jüdischem Blut warnt. Zwar sei durch den Übertritt zum Christentum in der zweiten Generation der „Same Abrahams“ kaum noch zu erkennen, „aber die Tausende, welche die russische Tyrannei uns nun noch wimmelnder jährlich aus Polen auf den Hals jagen wird“, „die unreine Flut von Osten her“, bereiten ihm Bauchgrimmen. Zudem orakelt er von einer jüdisch-intellektuellen Verschwörung, „denn Juden oder getaufte und (…) eingesalbte Judengenossen habe sich der Literatur, der fliegenden Tagesblätter wohl zur guten Hälfte bemächtigt und schreien ihr freches und wüstes Gelärm, wodurch sie (…) jede heilige und menschliche Staatsordnung als Lüge und Albernheit in die Luft blasen möchten.“

Zeitlebens arbeitet Arndt vehement am deutschen Überlegenheitsmythos und an deutscher Mission. Es sei „der kräftige lebensvolle und saftvolle Wildling, Germane genannt“, dem Gott die edelsten geistigen und körperlichen Eigenschaften eingepflanzt habe. „Der Germane und die von ihm durchschwängerten und befruchteten“, also kulturell germanisierten „Romanen“ bilden den Höhepunkt der Menschheitsentwicklung und werden die „umwohnenden Völker fremder Art als Allherrscher beleben und leiten“.

Zu seinem Bedauern stellt Arndt fest, daß die verzagten Deutschen bisher ihre nationalen Möglichkeiten nicht genutzt haben. „Wir spielen doch immer nur noch in deutschen Anfängen (…). Aber ich hoffe, die Deutschen werden (…) in einem großen Volkskampf mit Russen oder Franzosen, der uns zur Vollendung durchaus nothwendig seyn wird, durch den Geist, den sie wirklich vor allen Europäern tragen, endlich einmal ihr volles Volksland und Volksrecht, ihre Weltlehre und ihr Weltrecht erringen (…).“

So werkelt und meißelt Arndt fleißig am Mythos des nationalen Erlösers. „Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, (…) der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt“, das Reich „zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann“.

Nun wahrlich, Arndts Traum sollte in Erfüllung gehen, dieser Führer kam! Und wenn heute die Universität Greifswald in einem Prospekt davon spricht, daß „,seine‘ Universität (…) in der Tradition auch seiner Ideen“ stehe, so stellt sich die Frage, ob man in Greifswald (und andernorts, in den Kultusministerien und bei der Bundeswehr) überhaupt weiß, was es mit den „Ideen“ des Ernst Moritz Arndt so auf sich hat. 

(http://www.zeit.de/zeitlaeufte/fataler_patron/komplettansicht)
https://www.facebook.com/arndt.bleibt/ 2000 Luftballons für Arndt

22.02.2017 Wo die Vernunft gefühlten Wahrheiten weicht

In Greifswald proben empörte Bürger den Aufstand gegen die Namensänderung der Universität. Dabei geht es längst nicht mehr um den Rassismus Ernst Moritz Arndts – sondern um Identität. Von Hannah Bethke siehe Link: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/streit-ueber-ernst-moritz-arndt-in-greifswald-14887949.html

trauriger kalter kaffee

13 Dez

Ich wollte eigentlich nichts über „kein Kulturerlebnis“ schreiben, denn ich hatte erlebt, wie Edward Albees „Ballade vom traurigen Café“ in der Greifswalder Premiere erstarb. Ich gestehe, ich kannte das Stück nicht. Und ich kenne es auch heute noch nicht; ein unmissverständliches imperatives Missbehagen sagte mir: Das kann’s nicht sein! So verdrängte ich, was ich mit Pein erlebt hatte.

Herrn L.’s Anmerkungen (siehe unten!), die ich meinen Lesern empfehle, brachten mich dazu, mich, wenn auch nur fragmentarisch, zu erinnern:

… zum Schluss war da eine, man sagte mir hinterher, siebenminütige Schlägerei; zeitgemäß brutal zelebriert bis zum endlichen Totschlag – so hoffte ich jedenfalls, denn es sollte enden! In der Arena zwei ebenbürtige Schläger: Frau und Mann – psychisch. Gleichstellungsbeauftragte hätten da nichts zu meckern gehabt … wenn es das schon im Alten Rom gegeben hätte… nicht auszudenken!

… zum Schluss – aber es war denn doch noch nicht Schluss. Erstaunlicherweise – schlechtes Theater! – hatte man überlebt. Nach einer so bestialischen Prügelei hätte man alles dürfen, nur nicht überleben!

Und so gab es noch einen Auftritt in alter, „neurenovierter“ Tristesse, und alle durften noch einmal ihre ausnahmslos hoffnungslosen, verkorksten, perversen usw. Charaktere über die Bühne schleppen. Blieb nur die Frage, wer hatte sie dazu gemacht? Da das Stück sinnigerweise von der Regie in den Osten der neuen Republik kurz nach 89 verlagert worden war, drängte sich zudem die Frage auf: waren die schon immer so, oder was hat da wen wohin gewendet? Beide als solche berechtigten Fragen lassen sich ernsthaft weder einzeln noch im Komplex beantworten, da ihre Voraussetzungen unsinnig sind. Das trifft den Kern der Inszenierung.

Nicht jeder Skandal deutet auf noch nicht vom Publikum verstandene Qualität/Kunst!

Greifswald hat bekanntermaßen nicht das dümmste Publikum, und das hat schon einiges, darunter auch Skandale von Rang erlebt .

Ein Rückblick:

Adolf Dresen schrieb in „Siegfrieds Vergessen“: 1964 war ich an einem kleinen, damals aber interessanten Theater im Norden der DDR, in Greifswald…“ Daran war er nicht unschuldig. Er inszenierte „Hamlet“, gedacht von der Partei als Würdigung zu Shakespear’s vierhundertstem Geburtstag. Die Aufführung war nach Auffassungsvermögen der Genossen in der Kreisleitung ein Skandal; Wolfgang Heinz erkannte Dresens Genie und holte ihn ans Deutsche Theater nach Berlin.

Ähnlich erging es Gorkis „Nachtalsyl“, inszeniert von Herbert König 1984, nur landete König nicht am DT sondern im Westen. Noch heute sehe ich das Bühnenbild, offen bis zur Brandmauer der Hinterbühne, sehe Renate Krößner mit einem einstmals weißem antiken Kinderwagen und erinnere mich an das überragende Spiel aller Schauspieler, denen König neue und erstaunliche Seiten ihres Talents abringen konnte.

Und noch ein Shakespeare erregte Ärgernis bei den Genossen und Teilen des Publikums: „Was ihr wollt“ (Regie: Martin Meltke, Premiere 1988) – war aber dennoch großes Theater, das während der Rekonstruktionsphase im heutigen, unsäglich benannten „Kaisersaal“ stattfand. Und es war politisch, und das hatte man bemerkt: WAS IHR WOLLT! – WAS WOLLT IHR? – WAS; IHR WOLLT? usw. provozierte auf Spruchbändern!

Und davor noch, immer nah am Skandal, Peter Konwitschny 1981 mit „Gräfin Mariza“ – letzter Akt als Schauspiel inszeniert, und 1982 „Schluck und Jau“ von Gerhart Hauptmann…

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Ich wünschte dem Theater Vorpommern ab und zu solche, kreativen Talenten geschuldete, Skandale! Bedarf es dazu erst einer zu künstlerisch politischen Drahtseilakten animierenden hinreichend dümmlichen Administration, die Kunst zwar reglementieren, aber nicht einsparen darf? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei – aber wie dann? 

Zum Zweiten wünschte ich unserem Theater, dass das Balladendrama bald dem Vergessen anheimfällt! Das Publikum verzeiht gern, wenn es nur erst wieder mit begeisternden Bühnenereignissen beglückt wird.

„Peterchens Mondfahrt“ für die Kleinen war doch schon mal ganz hübsch! Oder?

 Und nun:

Herr L. über ein Kulturerlebnis

Ich wollte mich überzeugen, schlichtweg überzeugen, ob das, was die Leute, die man ja verallgemeinernd als das Publikum bezeichnet, sagen, wirklich zutreffend sein könnte. Ich versuchte, ohne jegliche Erwartungshaltung oder gar hohe Ansprüche in die Welt einer Inszenierung einzutauchen, die in den letzten Wochen geradezu den Status des Stadtgespräches erlangt hatte….

Hans und Lea Grundig – Greifswalder Uni blamiert sich im Geiste E. M. Arndts

5 Nov

Velten Schäfer schreibt am 4. November im „Neuen Deutschland“ erhellende „Anmerkungen“ anlässlich einer Ausstellung von Werken beider Künstler in Greifswald.

Die Ausgebürgerte

Greifswald tut sich schwer mit seiner prominenten Künstlerin Lea Grundig

 Ernst-Moritz Arndt mit seinen antijüdischen Tiraden ist in Ordnung, die verfolgte jüdische Künstlerin Lea Grundig wird dagegen aus dem Andenken der Universität Greifswald gestrichen. Anmerkungen zu einer Ausstellung im Greifswalder »Pommernhus«.

Dass eine Lea-Grundig-Ausstellung in Greifswald einmal ein Politikum sein könnte, hätte man lange Jahre nicht gedacht. Schließlich ist die Malerin, Grafikerin und antifaschistische Widerstandskämpferin, die lange Zeit in Greifswald gelebt und gelehrt hat, eine der international bekannteren Vertreterinnen der kleinen Stadt mit der gernegroßen Universität; ihre Bilder und Grafiken werden vielerorts gezeigt. Und doch wird die Grundig-Ausstellung, die am 9. November in der Galerie »Pommernhaus« an der Knopfstraße eröffnet wird, einen tiefen Einschnitt in der Beziehung zwischen Stadt und Künstlerin markieren.

Nachdem die Greifswalder Ernst Moritz Arndt Universität im Winter bereits die Hans und Lea Grundig-Stiftung abgestoßen hatte, sind das Werk und die Person damit »privatisiert«. Das offizielle Greifswald hat Lea Grundig sozusagen ausgebürgert.

Die Geschichte ist provinziell und armselig. Denn um das Künstlerische ist es in dem Absetzungsprozess gegenüber Grundig, der auch im Caspar-David-Friedrich-Kunstinstitut der Uni schon Jahre andauerte, nie gegangen. Es ging ausschließlich um die Biografie der Künstlerin.

Lea Grundig, die 1906 in eine orthodoxe jüdische Familie geboren wurde, sich aber schon in jungen Jahren dem Kommunismus zuwandte, war Widerstandskämpferin gegen die NS-Herrschaft. Nach dem Krieg kehrte sie aus dem palästinensisch-israelischen Exil in die DDR zurück und engagierte sich in der Kulturpolitik. Ab 1964 war sie Mitglied des Zentralkomitees der SED und bis 1970 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler. 1977 verstarb sie während einer Auslandsreise.

Begraben ist Lea Grundig in Dresden, doch mit Greifswald verband sie ab 1972 der Kunstpreis der von ihr 1972 mit immerhin 48 000 Mark der DDR gegründeten Hans und Lea Grundig-Stiftung. Dieser Preis wurde von der Uni vergeben – bis die Verleihung 1996 aufgrund Grundigs DDR-Leben ausgesetzt wurde.

Der Fall Günter Regel

Zu einer offenen Debatte kam es kaum, über Jahre verwaltete die Universität das Stiftungskapital, ohne mit der Preisverleihung den Zweck der Stiftung zu erfüllen. Im Sommer 2009 kochte die schwelende Auseinandersetzung noch einmal hoch. Damals war an der Uni von einer Dissertation die Rede, die dem Thema differenziert auf den Grund gehen sollte. Doch obwohl eine solche Untersuchung bisher nicht vorliegt, übergab die Uni die Stiftung bereits im Februar 2011 an die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern. Die will ab kommendem Jahr den Preis wieder vergeben.

Persönlich wurde Lea Grundig vorgeworfen, an einer Maßregelung des Leipziger Kunstprofessors Günter Regel beteiligt gewesen zu sein. Inwieweit das aber tatsächlich stimmt, ist mehr als unklar. Professor Günter Bernhardt und Dr. Kurt Feltkamp, die beide schon vor der Wende in Greifswald lehrten, hatten gegenüber einer Zeitung damals eher das Gegenteil bezeugt: Lea Grundig habe Regel damals sogar gelobt. Doch auch das hat Lea Grundig nicht geholfen im posthumen Prozess über ihr Leben.

Es bleibt ein wirklich übler Nachgeschmack: Im »Fall« des Ernst Moritz Arndt, dessen antijüdische Tiraden zwar historisiert werden müssen, aber sich doch unappetitlich lesen und vom »Freiheitskämpfer« Arndt nicht einfach abgespalten werden können, hat die Uni stets die Position bezogen, dass solche Widersprüche im Leben historischer Personen eben ausgehalten werden müssten. Im Fall der verfolgten Jüdin ist Zweideutigkeit dagegen nicht erlaubt.

Unbekannte Zeichnungen

Es ist also ein düsteres Ambiente, in dem das »Pommernhus« nun Grundigs Bilder aufhängt. Zu sehen sind Werke aus dem Zyklus »Im Tal des Todes«, einer der ersten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Erstmals gezeigt werden auch bislang kaum bekannte Zeichnungen von Hans Grundig.

Es wird bei einem Rundgang beschämend sein zu wissen, dass sich die Greifswalder Nachwendeuniversität das Urteil anmaßt, Lea Grundig habe aus ihrem Erleben die falschen Konsequenzen gezogen.

Dembski (SPD) unterstützt CDU (Kuder) – eine Glücksfalle für die SPD?

11 Sep

„Die SPD unterstützt Justizministerin Uta-Maria Kuder in der Landrats-Stichwahl im Kreis Vorpommern-Greifswald. Das erklärte der SPD-Kreisvorsitzende Ulf Dembski im Anschluss an eine gemeinsame Sitzung des SPD-Kreisvorstands und der neu gewählten SPD-Kreistagsmitglieder.“ (aus einer PresseInfo vom 8.9.11)

Gewiss bleibt es einem gescheiterten Kandidaten unbenommen, seinen Wählern für die Stichwahl eine Wahlempfehlung zu geben. Die SPD auf Kreisebene aber insgesamt in Haftung zu nehmen ohne in den Ortsvereinen die Wahl ausgewertet zu haben und sich einer Zustimmung zu diesem politisch ja nicht belanglosen Vorhaben zu versichern, halte ich für eine Verletzung innerparteilicher demokratischer Anstandsregeln.

Politisch nachvollziehbar ist dieser Schnellschuss nicht. Im Gegenteil. Was als Begründung angegeben wird, ist wenig überzeugend, fadenscheinig, perfide.

Ohne Not hat sich die SPD der CDU als Partner angedient, oder hat sie sich dies erst mit der Verpflichtung, Kuder zu unterstützen v e r-dient? Was noch nach der letzten Kommunalwahl bei der Greifswalder SPD-Basis auf wenig Gegenliebe und Widerspruch gestoßen war – die Idee einer Kooperation mit der CDU, soll nun, an der Basis vorbei, auf der neuen Kreisebene formell ins Werk gesetzt werden.

Woher nehmen die Genossen die Gewissheit, dass der neue Landkreis nur im Verein mit Hochschild, König und Liskow „solide geführt“ werden kann? Freilich ist es machtpolitisch verführerisch, mit dieser „Kooperation“ über 33 Sitze zu verfügen, die allerdings im Ernstfall nur über eine  Mehrheit verfügt unter der Voraussetzung, dass der „demokratische“ Rest von 30 Abgeordneten sich moralisch verpflichtet, nie mit der NPD (6 Mandate) gemeinsam zu stimmen.

Aber die NPD muss auch ganz offen für die Begründung der Kooperation herhalten. Syrbe sei per se nicht wählbar: sie intrigiere, sie könne Haushaltssanierung nicht und sei für das bedauerte Wahlergebnis verantwortlich: „Das starke NPD-Ergebnis im Kreistag ist ein Ausdruck dafür, dass dort einiges im Argen lag.“ so Dembski (Martina Rathke – OZ vom 9.9.11).

Das ist denn doch etwas starker Toback. Solch simple Deutungsversuche, die augenscheinlich die Realitäten vor Ort gründlich verkennen, lassen für Hoffnung auf Besserung der Lage wenig Raum. Zumal gerade wieder diesbezüglich den Parteien einiges ins Stammbuch geschrieben wurde. Z. B.: Anklam (dpa)  „Die etablierten Parteien in Mecklenburg-Vorpommern haben es aus Sicht des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Anklam nicht geschafft, die NDP-Stammwähler auf dem Land zu erreichen.“

Ob diese eilige Positionierung den Bemühungen in Schwerin, aus dem guten Landtagswahlergebnis für die SPD eine entsprechende Regierungspraxis zu gestalten, förderlich ist? Ich gehöre zu denen, für die das vor Ort eher ein Ärgernis ist – kein Glücksfall !

Erwin Sellering – ein Glücksfall für die SPD und für Greifswald

8 Sep

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt! Wenn man es genau nimmt, hat nicht mal die Hälfte gewählt. Ihren Wahlzettel in Empfang genommen haben zwar 51,4 Prozent, aber knapp fünf Prozent haben ihre Stimme verungültigt  für das eigentliche Wählen fielen sie damit aus.

Erwin Sellering, der von der Springer-Presse und anderen vergeblich ob seiner Haltung zum Afghanistankrieg und seiner intelligenten Einschränkung der Unrechtsstaatsdoktrin im Vorfeld der Wahl heftig bekämpft wurde, hat sich den Mecklenburgern und Vorpommern unspektakulär als der bessere Kandidat empfohlen. Seine ruhige und offene Art auf „die Menschen“ zuzugehen, weit entfernt von Arroganz und von auch in seiner Partei grassierender Wirklichkeitsferne, kam im Nordosten unserer Republik gut an und hat ihm die Sympathie seiner Wähler und besonders wohl auch seiner Wählerinnen beschert   in einem Maße, wie er es selbst kaum vermutet haben wird. Mit der Unterschätzung des für die Medien bislang „blassen Kandidaten“ ist es seit der Wahlnacht vorbei. Es herrscht Einigkeit darüber: Dass die Landes-SPD ihr Ergebnis gegen den Trend um 5,4 Prozent verbessern konnte, hat sie Sellering zu verdanken.

Greifswald war bislang eine Hochburg der Schwarzen. Erstmals gab es nun für die SPD in Greifswald bei Landtagswahlen ein Traumergebnis: 27,5 Prozent (CDU 23,4)! Sellering holte in der Hansestadt sein Direktmandat mit 41,4 Prozent, das heißt, 14 Prozent der Stimmen kamen von Wählerinnen und Wählern, die ihre Zweitstimme anderen Parteien gaben.

Der Vollständigkeit halber: für die ansässigen Genossen war das Ergebnis der gleichzeitigen Kreistags- und Landratswahl weniger fulminant. Landratskandidat Ulf Dembski z. B. konnte mit 23,4 Prozent der Stimmen 18 Prozent weniger Greifswalder hinter sich versammeln als sein Parteichef und gerade mal ganze 36 Wähler mehr, als der abgestrafte Greifswalder Bürgerschaftspräsident Liskow (CDU), dem mit seinem Ergebnis der Wiedereinzug in den Landtag misslang.

Nach dem Triumph kommt nun für Sellering die erste, vielleicht gravierendste Bewährungsprobe. Heftig, von Interessen und Begehrlichkeiten geprägt, wird öffentlich und hinter verschlossenen Türen um die Lösung der Koalitionsfrage gerungen. Wenn man gewillt ist, den Trend der Wahl und damit den sogenannten und oft missbrauchten Wählerwillen zur Kenntnis und ernst zu nehmen, bleiben viele Möglichkeiten nicht. SPD, GRÜNE und LINKE haben in der Wählergunst zugelegt, CDU, FDP und NPD haben verloren: CDU relativ viel, FDP desaströs und NPD immerhin signifikant. Anerkanntermaßen sind die Schnittmengen mit den LINKEN größer als die mit der CDU.

Bei allen möglichen machtpolitischen Spielchen, Einfluss- und Rücksichtsnahmen, mit denen zu rechnen ist, bleibt zu hoffen, dass die Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie bei den Bürgern durch die notwendigen Entscheidungen nicht geschwächt wird. Die Wahlergebnisse verunmöglichen diesmal das Argument, dass nur mit der einen oder anderen Partei eine stabile Regierung möglich sei!

Wäre noch anzumerken: Das allgemeine und medial verstärkte Erschrecken und Bedauern über den Wiedereinzug der NPD in den Landtag sollte sich in ein ernsthafteres Nachdenken über die Gründe wandeln. Das Problem der sukzessiven Zerstörung einer demokratischen Gesellschaft liegt nicht in ihren Rändern, sondern in ihrer Mitte – denn genau dort ist die Ohnmacht der Politik allenthalben zu beobachten. Oder, wie ich es bei Hans-Dieter Schütt im „Neuen Deutschland“ gelesen habe: „Das rettende Gegenteil von Neonazismus ist nicht Antifaschismus, sondern bleibt: eine funktionierende Demokratie.“ Aber das ist dann auch schon wieder ein eigenes Thema!

Theater Vorpommern: Intendantensuche – oder der versäumte Blick nach Osnabrück

27 Feb

Ein rechtzeitiger Blick nach Osnabrück hätte die Verantwortlichen lehren können, wie man Voraussetzungen für eine erfolgreiche Intendantensuche schafft. Aber, zumindest im Greifswalder Rathaus, scheint man mehr am „Osnabrücker“ Know-How für erfolgreiche Immobiliendramaturgie interessiert zu sein.

Wie viel Naivität und Arroganz muss am Werkeln sein, wenn man in den Amtsstuben meint, die beiden Interimsgeschäftsführer – sie gaben bisher gewiss schon ihr Bestes – könnten auch nur im Entferntesten das leisten, was man von ihren potentiellen Nachfolgern in den Ausschreibungen gefordert hat und was an Kompetenz für all das, was jetzt ansteht, dringenst benötigt wird!

Was steht an?

1. Die Verhandlungen „hinsichtlich der vom Land geforderten Kooperationen bzw. Fusionen“. Das beinhaltet doch zumindest ein überzeugendes, vor allem künstlerisch fundiertes Konzept, mit dem man in die Verhandlungen gehen will – hängen doch gerade davon auch die Arbeitsplätze des künstlerischen Personals ab. Und davon wiederum

2. die Gestaltung der künstlerischen etc. Personalstruktur. Was im Klartext auch bedeutet, die notwendigen Kündigungen bzw. Nichtverlängerungen termingerecht vorzunehmen.

Soll dies alles im Dunstkreis der überfälligen „Heimleitung“ (im weitesten Sinne) geregelt werden?

Seit langem war nicht nur zu vermuten, sondern es musste (und wurde wohl auch) damit gerechnet werden, was Eckehard Nitschke, derzeitiger Aufsichtsratschef, als Konsequenz der verschleppten Ausschreibung erklärte: „… dass wir die beiden Herren bitten werden, die Geschäftsführung eins, zwei, drei Monate weiter auszuüben.“ (OZ/HGW.LOKAL 26. Febr. 2011). – Oder auch vier, fünf, sechs Monate – wer könnte das ausschließen? Die beiden Herren werden sich nicht zweimal bitten lassen!

Der zitierte OZ-Artikel lässt dazu passend auf ein merkwürdiges Chaos bei der Auswahl der Kandidaten schließen. Da ist die Rede davon, der Landkreis Rügen hinke „mit seinen Favoriten hinterher.“ Ja, wie denn? Soll sich jeder Gesellschafter eigene Favoriten küren? Ohne Beratung? Oder mit? Bekommen sie schon eine Vorauswahl geliefert oder die Unterlagen aller insgesamt 55 Bewerber? Wer, wenn, trifft die Vorauswahl? Ohne Beratung? Und wenn mit, wo und wann holen sich die Gesellschafter (und der Aufsichtsrat?) den notwendigen „Sachverstand“ ein, um keinem „Schaumschläger“ aufzusitzen?

Es wäre an der Zeit, der Öffentlichkeit die „Findungskommission“ namentlich vorzustellen oder ihre Existenz als Erfindung besorgter Theaterfreunde zu dementieren!

Apropos: Osnabrück!

Erfolgreiche Intendantensuche in der Partnerstadt

„30.03.2010 (!)

(nmz/kiz) – Osnabrück – Der Operndirektor des Augsburger Theaters, Ralf Waldschmidt, wird mit Beginn der Spielzeit 2011/12 neuer Intendant des Osnabrücker Theaters. Der 49-jährige wurde am Dienstag einstimmig von einer 20-köpfigen Findungskommission gewählt und setzte sich damit gegen 70 Mitbewerber durch…“

„…Der ehemalige Intendant des Wiener Burgtheaters, Gerd Leo Kuck, lobte als Mitglied der Findungskommission den Mut der Osnabrücker Politiker, die dem Theater angesichts finanziell knapper Mittel eine zentrale Bedeutung in der Stadt zuwiesen…“

Theater Vorpommern – Intendantensuche: unprofessionell oder mit Methode?

23 Feb

Seit nunmehr gut einem Dreivierteljahr behandeln die kommunalen Gesellschafter die Zukunft des Theaters offensichtlich als geheime Verschlusssache, als befinde es sich in privater Hand. Wo notorisch Transparenz vermieden, wo verschleppt und ausgesessen, wo getrickst und gekungelt wird, da wächst Raum für Spekulationen.

Was bisher an Informationen über die Medien in die Öffentlichkeit drang, war lapidar und widersprüchlich. Natürlich ist die Kommunikation und die Abstimmung zwischen den drei Gesellschaftern ein Problem. Das kann aber nicht als Ausrede für mangelhaft wahrgenommene Verantwortung dienen; und wenn sich das zum Schaden des Theaters und seiner Belegschaft auswächst, dann ist da was faul.

Spätestens seit der fristlosen Entlassung des Intendanten war die Suche nach einem neuen künstlerischen Gesamtleiter dringend geboten. Vielfach angemahnt, wurde sie so lange wie möglich verschleppt. Ausrede: man wisse nicht, bzw. man könne sich nicht darüber einigen, was man wolle. Was wollte man denn überhaupt? Was waren die Präferenzen Greifswalds, Stralsunds oder Rügens? Offensichtlich Unterschiedliches. Schon das hätte in die Öffentlichkeit gehört. Obwohl man in den „Rathäusern“ wusste, wann die Zeit der kommissarischen Leitung abgelaufen sein würde, gab es im Oktober noch immer keine Ausschreibung! Es gab eine Verlängerung für die amtierende Geschäftsführung bis zum äußersten Limit, dem 31. März 2011.

Kurz vor Jahresultimo dann ein hinter verschlossenen Türen ausgehandelter Kooperationsvertrag mit der Anklamer Bühne. Vorbei an doch eigentlich zuständigen, hoffentlich überraschten Gremien. Stattdessen wurden selbstherrlich Fakten geschaffen, die die Zukunft des Theaters nicht unerheblich tangieren. Natürlich unter Zeitdruck!

Eine Woche später dann endlich die Ausschreibungen. Hier der Text für die Stelle Intendantin/Intendant und ein fast gleichlautender – für kaufmännischen Leiter/Leiterin. Den potentiellen Bewerbern wurden fünf Wochen(!) Zeit gegeben, sich zu bewerben. Dienstantritt „nächstmöglich“. Die Stellen sind ab 1. April vakant. Das stand aber nicht drin. Was versprach man sich bei der Ausschreibung von diesem Zeitfenster? Warum wurde ein solcher Zeitdruck aufgebaut? Welcher nicht gerade arbeitslose Bewerber könnte denn realistischerweise am 1. April antreten?Man erinnere sich, von OZ nach ihrer Zukunft befragt, würde einer der Interimsgeschäftsführer, Herr Westphal, gern die „begonnene Arbeit auch zu Ende führen“. Hat er sich beworben? Zumindest könnte er ja garantieren, dass das Theater nicht plötzlich geschäftsführerlos dastünde! Und da man sowieso nur noch einen Geschäftsführer haben will (OZ  11.12.10), wäre dann doch dies Problem mit ihm schon mal gelöst.

Inzwischen haben nun auch die beiden Amtierenden ihr Auftragswerk vorgestellt. Wieder hinter verschlossenen Türen, wie OZ Lokal HGW 19./20.02.11 berichtete. Warum eigentlich? Was nach außen dringen durfte, teilte Stralsunds Oberbürgermeister der Presse mit. Das Erstaunlichste ist, dass dabei von Einem nicht die Rede war: von dem neuen Intendanten und dessen angedachter Rolle!

Und es lässt erstaunen – das Selbstverständnis der Gesellschafter. Die hatten z. B. „den Geschäftsführern bereits signalisiert, dass dieses Modell [„das Gespenst einer Spartenschließung“] nicht weiter zu verfolgen ist.“ Gewiss, keiner will Spartenschließungen. Aber Punkt 2a des abzuarbeitenden Prüfauftrags der Bürgerschaft lautet: „Spartenverkleinerung, notfalls Spartenschließung“. Ist kein „Notfall“ mehr gegeben? Dann muss aber auch nicht flächendeckend stückweise abgebaut werden. Und wenn, wer entscheidet sinnvoll darüber?

 

Und, wer soll die „personellen Einschnitte realisieren“, wenn nicht rechtzeitig ein Intendant gefunden wird, der die Notfall wendende Drecksarbeit zu erledigen gewillt ist? Von dem werden ja immerhin „eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, sehr gute Führungsqualitäten sowie Innovationsstärke erwartet.“ Und „im Hinblick auf die bevorstehenden betriebswirtschaftlichen notwendigen Neu- und Umstrukturierungen des Theater Vorpommerns sind Einfallsreichtum und Verhandlungsgeschick mit entsprechendem Durchsetzungs- und Organisationsvermögen Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung.“

 

Wie soll der neue Intendant seine ganzen tollen Talente ausleben? Oder anders gefragt, würde einer, der diesen Forderungen entspricht, überhaupt kommen, so für ihn diesbezüglich schon alle Messen gesungen sind? Will man überhaupt einen?

 

Und da erhebt sich schon eine weitere Frage: Wer eigentlich sucht „die Favoriten“ aus den 45 Bewerbern aus, die bis Mitte März sich vorgestellt haben sollen? Andernorts gibt es Findungskommissionen, nach Möglichkeit hochkarätig und mit einigem Theaterverstand gesegnet – wie in Bremen. (Siehe auch: Pressemitteilung des Senators für Kultur!) Alles offen und öffentlich! Warum nicht so in Vorpommern?

 

Also Findungskommission – vorerst Fehlanzeige. Unter der Hand wird vermutet, dass Rüdiger Bloch, Intendant vor Nekovar, wieder berät. Was auch läge aus Sicht der Verwaltung näher, als auf die Schnelle Bloch einzubeziehen, hatte der doch im Verein mit Hans-Jörg Schüler, dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, schon bei der letzten Intendantensuche  vorauswählend mitgemischt!

 

Was steht bei alledem zu hoffen? Und – wie will man sich gegenüber den Plänen der Landesregierung erfolgreich positionieren, wenn man dergestalt handelt? Das Schlimmst ist aber, wenn die Bürger des Ganzen schließlich müde werden. Die Bürgerinnen und Bürger – das Publikum unseres Theaters!

 

Trotzdem, wie heißt es so schön: Man sollte mit allem rechnen, auch mit dem Schönen!

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