Archiv | Wissenschaft RSS feed for this section

Merkels Restrisiko „im Lichte der neuesten Erkenntnisse“

21 Mrz

Jeder kann wissen, dass prinzipiell ein Ereignis auch dann jederzeit eintreten kann, wenn ihm eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit bescheinigt wird, da die Häufigkeit eines Ereignisses nichts über den Zeitpunkt seines Eintreffens aussagt.

Daher ist es entweder naiv oder unredlich, von „neuen Erkenntnissen“ zu sprechen, wenn ein als Restrisiko bezeichneter Störfall eintritt, den man, aus welchen Gründen auch immer, nicht einkalkuliert hat.

Deutsche Politiker machen dessen ungeachtet in den letzten Tagen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Japan häufig Gebrauch von dieser Floskel, um sich selbst und dem Volk  ihre energiepolitische Kehrtwende zu „erklären“.

In Japan sind die schlimmsten Folgen des laxen Umgangs mit dem Restrisikobegriff, der die Gefahren verschleiert, eingetreten. Auch dort mussten Atomwirtschaft und Politik wissen, dass das von ihnen in Kauf genommene Restrisiko jederzeit (!) reale Gestalt annehmen konnte. Seriöse Wissenschaftler haben es gewusst. Sie haben auch gewusst, was GAU und SUPERGAU für Millionen Menschen bedeuten können: Krankheit, mehr oder weniger langsamen Tod und unendliches Leid.

Wenn sich für Angela Merkel daraus subjektiv wirklich „neue Erkenntnisse“ ergeben haben, dann muss die Politikerin das Wissen der Physikerin erfolgreich verdrängt haben; was allerdings fatal wäre. Andernfalls muss sie inkonsequent gehandelt und gewusst haben, was sie tat. Dieser Vorwurf trifft im übrigen die ganze Atomlobby-hörige politische Kaste – quer durch die „regierungsfähigen“ Parteien!

Nun aber plädieren die „im Lichte ihrer neuesten Erkenntisse“ klug Gewordenen für die verschiedensten Ausstiegsszenarien und überbieten sich gegenseitig. Unterdessen veranlasst die Kanzlerin juristisch fragwürdig risikomindernde Abschaltungen, die für sich genommen vernünftig sind, die aber, den Zeitpunkt betreffend, Fragen nach ihrer Motivation aufkommen lassen.

Die Kanzlerin ist machtpolitisch viel zu begabt, als dass ihr nicht noch ein ganz anderes Licht über ein für sie aktuell weit gefährlicheres Restrisiko aufgegangen wäre: über das Restrisiko für die Restlaufzeit ihrer Regierung – das Volk!

Das hatte auch die Wirtschaft verstanden und deren Bereitschaft gefördert, sich mit Merkel an einen Tisch zu setzen, um den Abschaltungsdeal auszuhandeln. Dieser schien geboten, ist es doch gefährlich, in Wahlkampfzeiten die Volksseele zu unterschätzen. Angela Merkel hatte keine andere Wahl.

Dem Volk aber bieten sich wieder deutlicher Gelegenheiten, die eigene Verantwortung und Macht zu begreifen und sich nicht länger mit der Rolle eines Restrisikos für die Regierenden zu begnügen.  Gilt es doch zunehmend und weltweit, sich zu empören und zu handeln, wenn die Regierungen erkennbar zum Hauptrisiko für ihr eigenes Volk werden!

 

Der große Plagiator – Karl-Theodor zu Guttenberg

28 Feb

„Mich würde – darf ich ehrlich sein –  die Einschätzung eines Psychologen interessieren… die Kanzlerin geht fehl in der Annahme…“ (aus dem Interview)

Professor Dr. Oliver Lepsius von der Uni Bayreuth äußert sich zur Causa Guttenberg (Video)

Er spricht Klartext – als Wissenschaftler und als Staatsbürger. Besser als der Professor aus Bayreuth kann man es nicht tun – er rettet die Ehre der Wissenschaft. Ein Mann von Charakter!

Wer rettet die Ehre der politischen Klasse?

Die Ratten und die Stasi auf der Insel Riems

23 Sep

Ratten im Infektionsbereich – titelt OZ-lokal eine Recherche* von Martina Rathke (dpa). Dazu erschien heute ein Leserbrief, der hier ungekürzt gelesen werden kann. Das erscheint mir insofern von Interesse zu sein, da hier Aspekte anklingen, die Frau Rathke anscheinend verborgen geblieben sind, und somit auch ihrem Leserpublikum. Interessant aber finde ich auch, dass im Artikel über ein Tätigkeitsfeld des MfS berichtet wird, das weniger mit der landläufigen Vorstellung von „Stasi“ verbunden wird. Die Ratten nagen hier, und sie nagten schon damals, an einem – scheinbar auch heute noch – unverzichtbaren Mythos. Denn, musste es nicht das Ansehen des Systems selbst bei seinen treuesten Anhängern erschüttern, wenn nicht einmal die Stasi…?

Ein Pfiffikus hat unlängst gemeint, interessant sei nicht die Frage, warum der Staatssozialismus untergegangen sei, sondern, warum er sich so lange halten konnte. Diese Frage scheint aber erst seriös ins wissenschaftliche Blickfeld zu gelangen, wenn das politisch gehätschelte Delegitimationsbedürfnis medial hinlänglich befriedigt ist.

*Eine etwas längere Fassung in Ärzte Zeitung.de!

Hier nun der Leserbrief:

Frau Rathke, die Insel Riems und die Ratten

Der Artikel „Ratten im Infektionsbereich“ in der Ostseezeitung vom 21.09.2010 von Frau Martina Rathke veranlasst mich als ehemaligen langjährigen Mitarbeiter des Friedrich-Loeffler-Institutes zu folgenden Bemerkungen:

Will man anlässlich des 100-jährigen Bestehens dieser Forschungsstätte ihre Leistungen einigermaßen sachlich darstellen, so muss der gesamte Zeitraum einbezogen werden. Man sollte nicht verschweigen, dass die DDR das erste Land überhaupt war, das am 06. September 1950 mit dem Gesetz über die Schutzimpfung der Rinder gegen Maul- und Klauenseuche eine systematische Bekämpfung dieser Tierseuche einführte, dass in der DDR über viele Jahre dank seiner hocheffektiven Impfstoffe die Schweinepest beim Hausschwein kein Thema war und dass auf zahlreichen weiteren Gebieten der Forschung und Impfstoffproduktion von vielen erfahrenen Mitarbeitern Hervorragendes geleistet wurde. Selbstverständlich gab es auch Mängel und Unzulänglichkeiten, ja sogar ernsthafte Pannen, um deren Überwindung ständig gerungen wurde.

Gemeinsam mit anderen Mitarbeitern unseres Institutes hatte ich Mitte der 80er Jahre Gelegenheit, die Produktionsanlage für Maul- und Klauenseucheimpfstoffe in Großburgwedel bei Hannover zu besuchen. Grund des Besuches war die Tatsache, dass aus ebendieser Anlage kurz hintereinander die Maul- und Klauenseuche zweimal ausgebrochen und außer Kontrolle geraten war. Wir waren zu einem entsprechenden Erfahrungsaustausch eingeladen. Ich habe weder während dieser Zeit noch danach in der Presse einen einzigen Artikel mit so viel unverhohlener Häme über diesen bedauernswerten Zwischenfall gelesen wie im vorliegenden Falle das FLI betreffend.

Um besagte Mängel und Unzulänglichkeiten, die zum großen Teil, aber nicht ausschließlich, der überalterten Bausubstanz geschuldet waren, zu überwinden, wurde in den 80er Jahren mit großem finanziellem und technischem Aufwand der sogenannte Hochsicherheitsbau errichtet. Nach seiner Fertigstellung im Jahre 1990 galt er als das Sicherste, was es seinerzeit in Europa gab. Er wird bis auf den heutigen Tag als sicherstes Versuchtiergebäude des FLI genutzt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich heute Leute über die Antriebe von Rolleranlagen zu DDR-Zeiten lustig machen.

Nach der Wende schätzte eine von der Bundesregierung eingesetzte „Evaluierungskommission“ die Leistungsfähigkeit der Institute der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR, zu der das FLI gehörte, ein und kam zu der abschließenden Empfehlung, zukünftig die gesamte Tierseuchenforschung der BRD auf der Insel Riems zu konzentrieren, da dort trotz bestehender Unzulänglichkeiten die besten Bedingungen dafür gegeben waren. Die Evaluierungskommission muss sich ja nach Frau Rathke sehr geirrt haben. *

Prof. Dr. Peter Felfe Riemserort, 21.09.2010

*kursiv, was dem Platzmangel weichen musst – J. A.

Kann Raumfahrt Menschheit retten?

23 Jul

Zum Bremer Weltraumforschungskongress

Wenn der blaue Planet eines Tage keine Heimat mehr ist, müssen andere Planeten besiedelt werden, sagen Weltraumforscher. Das klingt fantastisch, es wird aber schon darüber nachgedacht.“ So das Kurzgefasste zu PETER INTELMANNS Beitrag „Die Welt ist nicht genug“ in der der Ostseezeitung vom 22. Juli.

Und in der Tat, es scheint Eile geboten. Die menschliche Produktiv- und Reproduktionskraft, so der allgemein und zynisch reflektierte Eindruck, wirkt mit Macht darauf hin, unseren Planeten unbewohnbar zu machen. „Klima- oder Weltbevölkerungskollaps“ scheinen schicksalhaft, also unausweichlich über uns hereinzubrechen. Und so machen sich denn ambitionierte Wissenschaftler anheischig, wenn schon nicht die Welt, so doch wenigstens die Spezies Mensch zu retten und langfristig den Exodus einer dann wohl eher kleinen auszuwählenden Schar ins Werk zu setzen.

Es geht bei Licht besehen hier um nichts weniger als um die ins Moderne gewendete Frage nach einem Leben nach dem Tod: die Frage nach der Fortexistenz der Gattung Mensch nach dem Tod der Erde. Bei aller gebotenen Skepsis – zumindest eines verheißt das Projekt mit großer Gewissheit: ein ungeheures Geschäft. Waren die Menschen nicht von jeher dazu bereit, ihr letztes Hemd für derlei Hoffnungen zu geben. Dabei käme es doch viel eher darauf an, die nicht ganz abwegige Frage nach einem Leben vor dem Tod, einem menschenwürdigen Leben, zu beantworten und es Wirklichkeit werden zu lassen – Milliarden hoffen vergebens darauf . Gibt es da nicht einen Zusammenhang zwischen den Verwüstung dieser unserer wunderbaren Erde und den Träumen der um ihr Leben Betrogenen auf der einen Seite, und dem unermesslichen Reichtum und den wahnwitzigen Träumen nach neuen Lebensräumen auf der anderen Seite? Sind dies nicht gleichermaßen Produkte einer mit unerbittlicher Gewalt auch noch die letzten Winkel unseres Globus erobern wollenden Lebensweise, die sich dünkt, der Weisheit letzter Schluss und ultimativer Wohlstandsgenerator zu sein – und ist doch nur die vielleicht letzte Torheit und tödliche Anmaßung eben jener Spezies Mensch, deren Aussicht auf Rettung jenseits dieser Erde auf dem zur Zeit in Bremen stattfindenden „größten Weltraumforschungskongress der Welt“ zur Debatte steht. Ob die 3600 Teilnehmer die Muße finden werden, zu erörten, wen sie da eigentlich retten wollen, und ob da, wohin sie Menschen schicken wollen, es besser mit ihnen gehen wird? „Woher so große Hoffnung?“… Da ist ein Zweifeln doch in jeder Hinsicht angemessen.

Bedenkt man es recht, scheint eines sicher: Ist die Menschheit nicht imstande, ihre Probleme auf diesem Planeten human, im Einklang mit der Natur zu lösen, wird auch der Start in eine andere Welt misslingen. Sollte es ihr aber aller bisherigen Erfahrung zum Trotz (und warum eigentlich nicht) gelingen, verlöre die wissenschaftliche Erkundung des Weltraums den Charakter einer kostspieligen Heilsbotschaft und Erlösungslehre. Weltraum taugt je nicht zum Wellnesstraum, und wir werden letztlich doch lernen müssen, damit zu leben, dass nichts ewig währt – auch nicht die Menschheit in immer neuen Räumen!

%d Bloggern gefällt das: