Tag Archives: Theater Vorpommern

trauriger kalter kaffee

13 Dez

Ich wollte eigentlich nichts über „kein Kulturerlebnis“ schreiben, denn ich hatte erlebt, wie Edward Albees „Ballade vom traurigen Café“ in der Greifswalder Premiere erstarb. Ich gestehe, ich kannte das Stück nicht. Und ich kenne es auch heute noch nicht; ein unmissverständliches imperatives Missbehagen sagte mir: Das kann’s nicht sein! So verdrängte ich, was ich mit Pein erlebt hatte.

Herrn L.’s Anmerkungen (siehe unten!), die ich meinen Lesern empfehle, brachten mich dazu, mich, wenn auch nur fragmentarisch, zu erinnern:

… zum Schluss war da eine, man sagte mir hinterher, siebenminütige Schlägerei; zeitgemäß brutal zelebriert bis zum endlichen Totschlag – so hoffte ich jedenfalls, denn es sollte enden! In der Arena zwei ebenbürtige Schläger: Frau und Mann – psychisch. Gleichstellungsbeauftragte hätten da nichts zu meckern gehabt … wenn es das schon im Alten Rom gegeben hätte… nicht auszudenken!

… zum Schluss – aber es war denn doch noch nicht Schluss. Erstaunlicherweise – schlechtes Theater! – hatte man überlebt. Nach einer so bestialischen Prügelei hätte man alles dürfen, nur nicht überleben!

Und so gab es noch einen Auftritt in alter, „neurenovierter“ Tristesse, und alle durften noch einmal ihre ausnahmslos hoffnungslosen, verkorksten, perversen usw. Charaktere über die Bühne schleppen. Blieb nur die Frage, wer hatte sie dazu gemacht? Da das Stück sinnigerweise von der Regie in den Osten der neuen Republik kurz nach 89 verlagert worden war, drängte sich zudem die Frage auf: waren die schon immer so, oder was hat da wen wohin gewendet? Beide als solche berechtigten Fragen lassen sich ernsthaft weder einzeln noch im Komplex beantworten, da ihre Voraussetzungen unsinnig sind. Das trifft den Kern der Inszenierung.

Nicht jeder Skandal deutet auf noch nicht vom Publikum verstandene Qualität/Kunst!

Greifswald hat bekanntermaßen nicht das dümmste Publikum, und das hat schon einiges, darunter auch Skandale von Rang erlebt .

Ein Rückblick:

Adolf Dresen schrieb in „Siegfrieds Vergessen“: 1964 war ich an einem kleinen, damals aber interessanten Theater im Norden der DDR, in Greifswald…“ Daran war er nicht unschuldig. Er inszenierte „Hamlet“, gedacht von der Partei als Würdigung zu Shakespear’s vierhundertstem Geburtstag. Die Aufführung war nach Auffassungsvermögen der Genossen in der Kreisleitung ein Skandal; Wolfgang Heinz erkannte Dresens Genie und holte ihn ans Deutsche Theater nach Berlin.

Ähnlich erging es Gorkis „Nachtalsyl“, inszeniert von Herbert König 1984, nur landete König nicht am DT sondern im Westen. Noch heute sehe ich das Bühnenbild, offen bis zur Brandmauer der Hinterbühne, sehe Renate Krößner mit einem einstmals weißem antiken Kinderwagen und erinnere mich an das überragende Spiel aller Schauspieler, denen König neue und erstaunliche Seiten ihres Talents abringen konnte.

Und noch ein Shakespeare erregte Ärgernis bei den Genossen und Teilen des Publikums: „Was ihr wollt“ (Regie: Martin Meltke, Premiere 1988) – war aber dennoch großes Theater, das während der Rekonstruktionsphase im heutigen, unsäglich benannten „Kaisersaal“ stattfand. Und es war politisch, und das hatte man bemerkt: WAS IHR WOLLT! – WAS WOLLT IHR? – WAS; IHR WOLLT? usw. provozierte auf Spruchbändern!

Und davor noch, immer nah am Skandal, Peter Konwitschny 1981 mit „Gräfin Mariza“ – letzter Akt als Schauspiel inszeniert, und 1982 „Schluck und Jau“ von Gerhart Hauptmann…

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Ich wünschte dem Theater Vorpommern ab und zu solche, kreativen Talenten geschuldete, Skandale! Bedarf es dazu erst einer zu künstlerisch politischen Drahtseilakten animierenden hinreichend dümmlichen Administration, die Kunst zwar reglementieren, aber nicht einsparen darf? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei – aber wie dann? 

Zum Zweiten wünschte ich unserem Theater, dass das Balladendrama bald dem Vergessen anheimfällt! Das Publikum verzeiht gern, wenn es nur erst wieder mit begeisternden Bühnenereignissen beglückt wird.

„Peterchens Mondfahrt“ für die Kleinen war doch schon mal ganz hübsch! Oder?

 Und nun:

Herr L. über ein Kulturerlebnis

Ich wollte mich überzeugen, schlichtweg überzeugen, ob das, was die Leute, die man ja verallgemeinernd als das Publikum bezeichnet, sagen, wirklich zutreffend sein könnte. Ich versuchte, ohne jegliche Erwartungshaltung oder gar hohe Ansprüche in die Welt einer Inszenierung einzutauchen, die in den letzten Wochen geradezu den Status des Stadtgespräches erlangt hatte….

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Theater Vorpommern – oder wie man Geschäftsführer entsorgt(e)!

31 Mai

Ein Geheimpapier?

Wie geheim sollten kompetente Kommunalpolitiker für das öffentliche Wohl agieren?

„…mögen Geheimpapiere mit dem Titel „Zusatz zur Niederschricht der außerordentlichen Gesellschafterversammlung der Theater Vorpommern GmbH vom 30.04.2010 -keine Versendung an die Gesellschaft“ veröffentlicht werden und deren Inhalt dem interessierten Publikum auch gern erläutert werden. So kann dann auch ein neuer Intendant neu an’s Werk gehen, ohne dass da noch „Altlasten“ und „Stolpersteine“ im Weg liegen.“ S. Meyer

Ich kann dem Wunsch nach Veröffentlichung gern nachkommen. Erläutern wird es kaum jemand wollen ( s. a.  Bürgerschaftspräsident HST), aber seinen Teil mag dennoch jeder sich denken!

Zusatz zur Niederschrift … vom 30.04.2010-2

Abschrift zur besseren Lesbarkeit: 

„Zusatz zur Niederschrift der außerordentlichen Gesellschafterversammlung der Theater Vorpommern GmbH vom 30.04.2010

–        keine Versendung an die Gesellschaft

Dienstrechtliche Maßnahmen

Herr Albrecht informierte die Mitglieder der Gesellschafterversammlung, dass Herr Dr. Ickrath um einvernehmliche Auflösung seines Dienstvertrages telefonisch gebeten habe unter der Bedingungung, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen* eingestellt werden.

Er möchte 1/3 seiner vertraglich vereinbarten Gesamtbezüge als Abfindung. Er akzeptiert die Zahlung der Abfindung in Raten, um die derzeitige Liquidität im Unternehmen zu schonen.

Herr Dr. Steffens bemerkte, dass für den Fall der Anklageerhebung der Grund einer außerordentlichen Kündigung gegeben ist.

 Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald stimmt einer Abberufung und Auflösung des Vertrages mit Herrn Dr. Ickrath nur zu, wenn auch der zweite Geschäftsführer, Prof. Nekovar abberufen und ggf. gekündigt wird.

Im Rahmen der Diskussion wurde hierzu folgende Verfahrensweise festgelegt:

  1. Es ist auf Kosten der Gesellschaft ein Rechtsanwalt mit Erfahrungen im Arbeitsrecht sowie Abberufung/Kündigungen Geschäftsführer zwecks weiterer rechtlicher Begleitung der jeweiligen Abmahnungen sowie Abberufungen und Kündigungen der Geschäftsführer zu suchen. Dazu wird ein Angebot über den Bühnenverein, Herrn Benclowitz, von der UHGW erbeten. Herr Westphal wird einen RA benennen, der sich auf Abberufungen/ Kündigungen von Geschäftsführern spezialisiert hat.
  2. Nach Auswahl ist der Rechtsanwalt entsprechend zu beauftragen, die weiteren Vorgänge der Abmahnungen gegenüber den Geschäftsführern bei weiterem Bedarf zu bearbeiten. Zudem sind Verhandlungen zur einvernehmlichen Auflösung des Dienstvertrages mit Herrn Dr. Ickrath zu führen. Hierzu wird bemerkt, dass seitens der Staatsanwaltschaft voraussichtlich erst Ende Mai 2010 die Prüfung der Unterlagen beendet werden soll, und erst dann eine Entscheidung zu einer Anklageerhebung getroffen werden wird.
  3. Ebenso ist die Abberufung und ggf. Anpassung des Dienstvertrages (evtl. Bezahlung als Operndirektor) mit Prof. Nekovar vorzubereiten und zu verhandeln.
  4. Als Interimsgeschäftsführer wurde Hans-Walter Westphal vorgeschlagen. Seitens den Greifswalder Gesellschaftsvertretern wurde zugesichert, deren Oberbürgermeister zu informieren und anschließend eine Aussage dahingehend zu treffen, ob Herr Westphal vom Gesellschafter Greifswald mitgetragen würde. Frau Kassner stimmt dem Vorschlag zu.  

Seitens Herrn Dr. Steffens wurde darauf aufmerksam gemacht, dass gemäß Gesellschaftervertrag § 10 Absatz 2 in Verbindung mit § 16 Absatz 1 zur Abberufung der Geschäftsführungen Empfehlungen bzw. gerichtliche und außergerichtliche Vertretungen durch den Aufsichtsrat festgeschrieben sind. Er empfiehlt diesbezüglich einen satzungsdurchbrechenden Gesellschafterbeschluss zu fassen.

Eine Abstimmung zum weiteren Vorgehen im Rahmen der angestrebten Fusion wurde aus Zeitgründen nicht mehr beraten.

Stralsund, den 17.05.2010

Dr. Alexander Badrow

Vorsitzender der Gesellschaftsversammlung“

* Nachsatz: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurden Im Herbst 2010 ohne „Anklageerhebung eingestellt.

Theater Vorpommern – „Suchet, so werdet ihr finden“

27 Apr

Folgt man als Greifswalder Bürger Theater-Gerüchten und sucht beharrlich, kann man folgende kleine Randnotiz auf den Lokalseiten der Stralsunder OZ vom 13. April finden:

„29-Jähriger jetzt Chef der SPD-Fraktion

Stralsund – Niklas Rickmann ist neuer Fraktionschef der SPD in der Bürgerschaft. Der 29-Jährige löst Hans-Walter Westphal ab, der zuvor die Fraktion um Entlastung von dieser Funktion gebeten hatte. Er behält aber sein Bürgerschaftsmandat, wie er betonte. Gemeinsam mit dem Greifswalder Dr. Rainer Steffens wird Westphal nunmehr bis 31. Juli weiter als Interimsgeschäftsführer der Theater Vorpommern GmbH tätig sein, da noch kein neuer Intendant gefunden wurde. Die Gespräche dazu laufen noch, hieß es.“

„Suchet, so werdet ihr finden“! (Matthäus 7,7)

Wie man weiß, tat und tut man sich mit dem Suchen schwer; schon überhaupt zu einer Ausschreibung zu kommen, bedurfte es gewaltiger Anstrengungen. Zu viele Hemmnisse! Zu viele Hemmungen? Wer langsam sucht, wird in der Regel auch nur langsam „finden“.

Wer trägt für die Verschleppung die Verantwortung? Keiner! 

Es gibt einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen dem Tempo und Eifer des Suchprozesses und der Geschwindigkeit des Findens. Und es gibt noch einen anderen Zusammenhang: den zwischen dem nicht Gefundenhaben und der weiteren Bestallung der Interimsgeschäftsführung für vorerst nochmal ein Vierteljahr. Auf’s Erste gesehen kein finanzieller Verlust für den Steuerzahler – für die beiden Anwälte des Rechts aber sicher ein schönes Zubrot.

Anzumerken bleibt, dass die jetzigen Geschäftsführer durchaus mit verschiedenen Geschwindigkeiten zu jonglieren verstehen. Beispiel 1: In einem Gewalt-Ritt und einer Nacht- und Nebelaktion wurde ein  Kooperationsvertrag mit Anklam eingefädelt. Allerdings heißt es, das zuständige Ministerium tue sich damit schwer. Beispiel 2: Die schon skandalöse Verschleppung der Prozesse gegen die beiden geschassten Geschäftsführer.  

Mit Jonglieren kann man erfolgreich im Zirkus auftreten, aber kein Theater leiten!

Und weil wir gerade beim Suchen waren – ich verstehe nicht, dass nicht zumindest die Greifswalder Bürgerschaft die unendliche Geschichte an sich zieht – zu deutsch: in die Hand nimmt – hat sie sich doch einst das schöne Motto für ihr Handeln gegeben: „Suchet der Stadt Bestes“. Und was täte mehr Not als das?

Theater Vorpommern – Nachtrag zum jüngsten Gerücht

23 Apr

Gerüchte wollen u. a. Realitäten provozieren, sich zu zeigen. Das Gerücht stirbt unabhängig von seinem Warheitsgehalt an der offenbar werdenden Realität. Im Falle des „jüngsten Gerüchts“ erleben wir eine Modifikation per Zeitungsnachricht, die ihm ein Moment seiner Existenzberechtigung für die Zukunft entreißt – unabhängig davon, ob sich dieses Moment noch als wahr erweisen wird.

Dann also, unabhängig von jedem Gerücht, einen Glückwunsch an Manuel Schöbel und nach Radebeul!

Das Gerücht hat damit allerdings noch nicht seinen Geist aufgeben müssen. Es wird fortleben müssen bis es in Gänze ins Reich des Absurden verwiesen wird.

http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Manuel-Schoebel-wird-neuer-Intendant-der-Landesbuehnen-Sachsen-artikel7640519.php

Manuel Schöbel wird neuer Intendant der Landesbühnen Sachsen
Das Orchester der Landesbühnen Sachsen will eigenständig bleiben

Radebeul (dapd-lsc). Der Theaterleiter, Regisseur und Autor Manuel Schöbel wird neuer Intendant der Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Der 50-Jährige übernimmt das Amt voraussichtlich Mitte 2012 vom langjährigen Landesbühnen-Intendanten Christian Schmidt, wie ein Sprecher des Kunstministeriums am Dienstag in Dresden sagte. Schmidt kündigt Medienberichten zufolge seinen bis Mitte 2013 laufenden Vertrag vorzeitig, um gegen die vom Landtag geplante Privatisierung der Landesbühnen zu protestieren… (Weiterlesen)

Theater Vorpommern – Neues aus der Gerüchteküche *Update*

12 Apr

se Zungen behaupten, nichts könne das Vertrauen der theaterbegeisterten Bürger in die Kompetenz ihrer Kultur-VerwalterInnen erschüttern – ich mag das nicht glauben, obwohl einiges dafür spricht. Über den skandalösen Vorgang der Suche nach einem neuen Intendanten wurde auf diesem Blog schon berichtet. Aus Mangel an Informationen – die zuständigen Medien schweigen, wo sie beherzt zugreifen sollten – will ich mich fünf mir neuer Gerüchtsplitter bedienen, um die in Rede stehende Vertrauensseligkeit zu testen:

1. Man habe drei Favoriten aus den fünfzig Bewerbern eingeladen.

2. Man habe bereits Gespräche mit den Eingeladenen geführt.

3. Einer solle abgesprungen sein.

4. Einer sei  ein Stralsunder.

5. Ein Dritter sei der noch bis Ende dieser Spielzeit am  sächsischen Theater Freiberg/Döbeln als Intendant und  Oberspielleiter sowohl für das Schauspiel als auch für das  Musiktheater engagiert – Manuel Schöbel. (Siehe dz. auch „Nachtrag…“!)

Was käme nun, wäre Wahres daran, und würde es so durchgewinkt, auf  uns zu?

Bei dem Stralsunder Kandidaten weiß man, was man bekommt – jedenfalls am Theater (auch dazu mehr auf diesem Blog).

Schöbel wäre nicht der erste aus Freiberg / Döbeln kommende Intendant, der seine künstlerische Laufbahn an unserem Theater erfolgreich zu krönen wünscht. Was ihn betrifft, davon kann das Internet berichten.

Wer clever einkaufen will, wäre töricht, seine Informationsmöglichkeiten bei anstehenden Entscheidungen nicht zu nutzen. Ob die so zu erhaltenden Informationen richtig sind oder falsch, muss jeder selbst herausfinden – sie zu ignorieren allerdings wäre fahrlässig, könnten sie doch Auskunft über nicht zu vernachlässigende Restrisiken geben!

Mein erster Blick ins verwirrende Informationsangebot fiel auf die unten wiedergegebene Beschreibung einer Arbeit Manuel Schöbels als Opernregisseur. Mag die Lektüre zu weiterem Suchen anregen, möge Anderes und Gegensätzliches gefunden werden – der Beitrag von Dirk Pilz soll Zündstoff für eine öffentliche Diskussion bieten, die, unter den gegebenen Umständen unverzichtbar, bisher unterblieb! Andere, nicht geladene Bewerber, denen man vorsichtshalber noch keine Absage erteilt hat, dürfen derweil weiter hoffen …

nachtkritik.de / Othello – keine Theaterkritik aus Freiberg

Die Negerseele ist ein Trommeln

von Dirk Pilz

Freiberg, 22. März 2008.

Dies ist keine Theaterkritik. Es geht hier zwar um eine Inszenierung des „Othello“ am Mittelsächsischen Theater in Freiberg, aber eine Auseinandersetzung mit der Ästhetik, dem Regie-Zugriff, der Figurenanlage, der Szenengestaltung macht keinen Sinn. Denn was in Freiberg, der kleinen Stadt zwischen Chemnitz und Dresden, geboten wurde, ist ein Fall von Rassismus. Darüber ist theaterkritisch nicht zu berichten, das lässt sich nur vermelden.

Beherzt gefummelt

Die erste Szene ist noch so, dass man glaubt, einer Provokation beizuwohnen: Auf der Bühne thront ein schwarzer Kriegermann. Beine breit, Rücken durchgedrückt. Die Frau an seiner Seite: weißes Flatterkleidchen, lange Beine. Sie umschlängelt ihn, er fummelt ihr beherzt zwischen die Beine. Sie räkelt sich, er packt furchtlos zu. Links schmettert derweil eine Sopranistin die Begleitarie zu dieser Begattungsetüde, aus dem Hintergrunde trommelt es. Und vorn schimmern die Kerzen. Die Sopranistin ist die veräußerlichte Seele Desdemonas, der Trommler diejenige Othellos. Die Sopranistin macht auf Europa-Hochkultur (Verdi! Oper!), der Trommelmensch auf afrikanisch.

Wenn der Gaze-Vorhang sich nach diesem Prolog hebt, glaubt man eine Exotismus-Show gesehen zu haben, die von den primitiven Klischees die billigsten aussucht, um sie als eben das auszustellen. Die Wahrheit ist aber: das war noch gar nix.

„Hu! Ha! Ha!“

Denn hier wird hemmungslos die Klischeeschleuder angeworfen. Othello trägt Kriegsbemalung, Desdemona Goldsandaletten. Wenn er mit den Seinen in den Krieg zieht, machen sie „Hu! Ha! Ha!“ im Chor und meinen das ganz ernst; wenn sie mit der Gattin des Jago spricht, wird mit den Einkaufstäschchen gewedelt und den Hintern gewackelt, wird ganz auf Tussen-Sprech und Weibchenart gemacht und auch das vollkommen ernst gemeint. Die Geliebte des Cassio: bei Bianca ein italienisches Weibsding, das faucht und schmust und drollig dämlich in die Welt schaut; die Einheimischen auf Zypern: singen „lei-la-lei-la-la“, tragen Fladenbrot und komische Hüte.

Wohin man schaut in diesen drei Stunden: Menschen, die auf Äußerliches reduziert sind. Man sucht Hände ringend nach dem Bruch, nach der Lücke und wird schon vom nächsten Klischee-Holzhammer erwischt. Es ist wirklich arg.

Vom Vorurteil zum Urteil

Noch ärger aber, dass sie hier tatsächlich „den Neger“ als „den“ Fremden, Anderen, Unerforschlichen hinstellen. Es ist nämlich so, dass Jago an diesem unseligen Abend nicht nur ein Schmierenschurke ist, wie er in keinem Buch steht, er ist vor allem ein Intrigant in Reinkultur, weshalb Othello nur die Rolle des bloßen, armen, traurigen Opfers bleibt. Und weil in dieser Inszenierung des Intendanten Manuel Schöbel keine Gelegenheit ausgelassen wird, den Neger einen Neger zu schimpfen und dieser zudem mit lauter Attributen versehen wird, die ausmalen, was man, also die Regie, sich unter einem Neger eben so vorstellt (Trommeln, Kriegsbemalung: „Hu! Ha! Ha!“), wird das Vorurteil zum Urteil über Othello: ein Schwarzer, ein Fremder, eine Bedrohung. Der Neger als einer, in dessen Seele es trommelt, in dessen Kopf und Herz es spukt. Das Beste, was man, also als Weißer, diesem armen Würstchen geben kann, ist Mitleid. Das allerdings zementiert die Differenz zwischen den Weißen hier und den Schwarzen dort erst recht.

Der Vorwurf wiegt schwer, ja, aber der Abend erlaubt keine andere Deutung: er bedient unverhohlen rassistische Denkmuster. Er missbraucht Shakespeares Text, um billige Gefühle und dumpfes Vorurteil zu befördern.

Es sei denn, man verstünde das alles als Trash und also als hintersinnige Klischee-Kritik. Nur leider deutet nichts darauf hin.

Wäre es zynisch zu behaupten, die Wahl dieses Intendanten passte zu  unserem Theater?

Weiterlesen! „Muss Intendant Manuel Schöbel gehen?


Gorkis Nachtasyl am Theater Vorpommern – oder die gestohlene Seele

13 Mrz

Die andere Kritik (3)

„Das Ergebnis muss die Seele berühren!“ Kevin Haigen

Die Premiere fand in Greifswald vor ausverkauftem Haus statt. Am Ende langanhaltender, wohlverdienter Applaus für die Schauspieler.

Dennoch, ein wenig fassbares Unbehagen war da geblieben, ein Rest, der nicht aufging. Hatte das, was ich gesehen hatte, noch etwas mit jenem Stück zu tun, mit dem Maxim Gorki Triumphe gefeiert, das unter Stanislawski das Moskauer Publikum erobert und mit dem Max Reinhard über fünfhundertmal sein Haus gefüllt hatte? Gewiss nicht! Ein Blick in die Bühnenfassung, man hatte die von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens gewählt, half mir, mich den Ursachen meiner zwiespältigen Gefühlslage begrifflich zu nähern.

Die Fassung ist offensichtlich der Absicht geschuldet, Gorki für uns heute spielbar zu machen.

Sollten wir, das Publikum, denn nicht mehr in der Lage sein, Botschaften aus den Tiefen der „Nachtasyle“ jener Zeit empathisch wahrzunehmen?Gibt es doch, spätestens auf den zweiten Blick, beklemmende Parallelen wie die Etablierung eines neuen sozialen Elends und neuer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Ein neues Prekariat unverschuldet  überflüssiger Menschen muss sich wieder in „Asylen“ einrichten, um zu überleben!

Gosch und Wiens verhalten sich zu dieser Frage skeptisch. Sie haben für ihre Bearbeitung ästhetische Schlussfolgerungen mit gravierenden Folgen für den Gorki’schen Text gezogen: Mit dem Ausmerzen des angeblich nicht mehr zu vermittelnden „sozialromantischen“ Zeitkolorits, wurden die Dialoge zugleich auch ihrer Seele — ihrer „russischen Seele“ beraubt.

Philosophische Dispute über Gott und Welt, über Wahrheit, Würde, und Werte, über Arbeit und Ausbeutung, über Hoffnungen und Träume, über Sehnsüchte und Liebe – all das, was Gorki zur Charakterisierung des handelnden Personals beibrachte, wurde gekürzt oder ganz gestrichen.

Was an Dialogen übrigblieb, lässt keinen Raum mehr für dialektische Momente lebendigen Lebens, für Ironie, Hintersinn und Andeutungen, für Vermutungen und ungeklärte Fragen. Aber genau davon zehren auch auf der Bühne Echtheit und Vielfalt menschlicher Beziehungen. Wo all dies abhandenkommt, werden auch Verhängnis und Tragik geopfert, ohne die es kein Mitgefühl geben kann, weder im Publikum noch auf der Bühne!

Worauf will die Inszenierung hinaus, wenn „den Armen noch ihr letzter Besitz: die Sprache“, geraubt wird, wie Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier anlässlich Goschs Hamburger Nachtasyl-Inszenierung feststellt?

Aber damit nicht genug. Gosch und Wiens entfernen die sie konzeptionell störenden zeitlichen und räumlichen Orientierungspunkte und überlassen ihre Protagonisten einem von strukturierender Zeit unberührten Nirgendwo .

Alexej Parylas Bühnenausstattung ist in Anbetracht der Textvorlage nur konsequent. Er beseitigt alles, was im Räumlichen ein „Asyl“ auch nur erahnen lassen könnte, und verkehrt mit Hilfe einer gitterartigen Bodenschräge, zu der empor klimmen muss, wer unten ankommen soll, den letztmöglichen sinnlichen Bezug zu einem handlungsrelevanten „Unten und Oben“. Die von Katja Paryla auf die Bühne gestellten Figuren können so nur noch deplaciert wirken — und das überall.

Die Inszenierung muss ständig mit den unlösbaren Widersprüchen ihrer Konzeption kämpfen: Sie will einen allgemeinen, mithin abstrakten und symbolisch verkürzten Begriff des Unbehausten auf die Bühne bringen, der mit menschlicher Existenz wesentlich unvereinbar ist. Und dann will sie genau dort Menschen leben und sterben und die Geschichte ihres Elends erzählen lassen. Das kann unter diesen Umständen nicht überzeugend geleistet werden. Der Inszenierung gelingt nicht, zu ersetzen, was sie Gorki geraubt hat. Die Sprache, die zu sprechen sie verordnet hat, ist falsch und kann keine glaubhaften Beziehungen stiften. Alles bleibt dergestalt von einer widerständigen emotionalen Kälte durchdrungen – bis zum erlösenden Schlussapplaus.

Fazit: Es scheint sich einmal mehr zu bestätigen, dass zeitgemäße Authentizität nicht durch derart gewollte Verstümmelung vermeintlich „veralteter“ Texte zu gewinnen ist.

Auch heutiges Elend hat seine Sprache, die uns berühren, erschüttern und zu Anteilnahme und Solidarität herausfordern kann. Diese Sprache zu finden und auf die Bühne zu bringen, war augenscheinlich nicht das Anliegen dieser Inszenierung.

Theater Vorpommern: Intendantensuche – oder der versäumte Blick nach Osnabrück

27 Feb

Ein rechtzeitiger Blick nach Osnabrück hätte die Verantwortlichen lehren können, wie man Voraussetzungen für eine erfolgreiche Intendantensuche schafft. Aber, zumindest im Greifswalder Rathaus, scheint man mehr am „Osnabrücker“ Know-How für erfolgreiche Immobiliendramaturgie interessiert zu sein.

Wie viel Naivität und Arroganz muss am Werkeln sein, wenn man in den Amtsstuben meint, die beiden Interimsgeschäftsführer – sie gaben bisher gewiss schon ihr Bestes – könnten auch nur im Entferntesten das leisten, was man von ihren potentiellen Nachfolgern in den Ausschreibungen gefordert hat und was an Kompetenz für all das, was jetzt ansteht, dringenst benötigt wird!

Was steht an?

1. Die Verhandlungen „hinsichtlich der vom Land geforderten Kooperationen bzw. Fusionen“. Das beinhaltet doch zumindest ein überzeugendes, vor allem künstlerisch fundiertes Konzept, mit dem man in die Verhandlungen gehen will – hängen doch gerade davon auch die Arbeitsplätze des künstlerischen Personals ab. Und davon wiederum

2. die Gestaltung der künstlerischen etc. Personalstruktur. Was im Klartext auch bedeutet, die notwendigen Kündigungen bzw. Nichtverlängerungen termingerecht vorzunehmen.

Soll dies alles im Dunstkreis der überfälligen „Heimleitung“ (im weitesten Sinne) geregelt werden?

Seit langem war nicht nur zu vermuten, sondern es musste (und wurde wohl auch) damit gerechnet werden, was Eckehard Nitschke, derzeitiger Aufsichtsratschef, als Konsequenz der verschleppten Ausschreibung erklärte: „… dass wir die beiden Herren bitten werden, die Geschäftsführung eins, zwei, drei Monate weiter auszuüben.“ (OZ/HGW.LOKAL 26. Febr. 2011). – Oder auch vier, fünf, sechs Monate – wer könnte das ausschließen? Die beiden Herren werden sich nicht zweimal bitten lassen!

Der zitierte OZ-Artikel lässt dazu passend auf ein merkwürdiges Chaos bei der Auswahl der Kandidaten schließen. Da ist die Rede davon, der Landkreis Rügen hinke „mit seinen Favoriten hinterher.“ Ja, wie denn? Soll sich jeder Gesellschafter eigene Favoriten küren? Ohne Beratung? Oder mit? Bekommen sie schon eine Vorauswahl geliefert oder die Unterlagen aller insgesamt 55 Bewerber? Wer, wenn, trifft die Vorauswahl? Ohne Beratung? Und wenn mit, wo und wann holen sich die Gesellschafter (und der Aufsichtsrat?) den notwendigen „Sachverstand“ ein, um keinem „Schaumschläger“ aufzusitzen?

Es wäre an der Zeit, der Öffentlichkeit die „Findungskommission“ namentlich vorzustellen oder ihre Existenz als Erfindung besorgter Theaterfreunde zu dementieren!

Apropos: Osnabrück!

Erfolgreiche Intendantensuche in der Partnerstadt

„30.03.2010 (!)

(nmz/kiz) – Osnabrück – Der Operndirektor des Augsburger Theaters, Ralf Waldschmidt, wird mit Beginn der Spielzeit 2011/12 neuer Intendant des Osnabrücker Theaters. Der 49-jährige wurde am Dienstag einstimmig von einer 20-köpfigen Findungskommission gewählt und setzte sich damit gegen 70 Mitbewerber durch…“

„…Der ehemalige Intendant des Wiener Burgtheaters, Gerd Leo Kuck, lobte als Mitglied der Findungskommission den Mut der Osnabrücker Politiker, die dem Theater angesichts finanziell knapper Mittel eine zentrale Bedeutung in der Stadt zuwiesen…“

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