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Ernst Moritz Arndt, der fatale Patron

2 Mrz

Was noch täglich in der Greifswalder Ostseezeitung gegen die Umbenennung der Greifswalder Universität zu lesen ist, zeigt die ganze Fatalität dieses Patrons, und dass wir auch hier, wo alles angeblich mit fünfzigjähriger Verspätung eintritt, zügig im postfaktischen Zeitalter angekommen sind!

Besser und historisch gerechter als Jörg Schmidt kann man den „Geistesheroen“ Arndt, grade auch   i n  und  a u s   s e i n e r  Z e i t   h e r a u s,   nicht würdigen!

Fataler Patron

Noch immer tragen deutsche Schulen, Kasernen und eine Universität den Namen des völkischen Ideologen und Antisemiten Ernst Moritz Arndt
Von Jörg Schmidt
24. Februar 2009, 11:26 Uhr / Editiert am 30. Juli 2009, 16:17 Uhr / Quelle: (c) DIE ZEIT 5. 11. 1998

Im April 1933, die neue Ära hat gerade begonnen, beantragt der örtliche Leiter des Stahlhelms Professor Walter Glawe, der Greifswalder Universität den Namen Ernst Moritz Arndt zu verleihen. Pflichtgetreu folgt der Senat der Hochschule dem Antrag. Im Mai 1933 dann endlich aus Berlin der positive Bescheid vom preußischen Staatsministerium: „Der Universität Greifswald, an der Ernst Moritz Arndt als Student und Hochschulprofessor stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des Deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft hat, wird hiermit der Name ,Ernst Moritz Arndt Universität‘ verliehen.“

Genau zehn Jahre später: Auf der Gründungsversammlung des Nationalkomitees Freies Deutschland im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau berufen sich die soldatischen Widersacher Hitlers auf Ernst Moritz Arndt. Hatte er nicht vorausschauend in seinem Soldatenkatechismus gepredigt, daß selbst ein Fahneneid auf den Führer einen deutschen Soldaten nicht binde? „Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, (…) müssen sie nimmer gehorchen.“ Ernst Moritz Arndt wird zum Kronzeugen der antinationalsozialistischen Propaganda des Komitees. Überall ist er präsent. Die Anfangstakte seines Kampfliedes Der Gott, der Eisen wachsen ließ bilden das Erkennungszeichen der Radiosendungen. Und die Grabenlautsprecher des Komitees beschallen die Gegenseite mit Arndts pathetischen Worten zu deutscher Soldatenehre.

Zur selben Zeit (1943) veranstaltet die Ernst Moritz Arndt Universität in Greifswald eine Arndt-Woche. Auch hier dienen seine Schriften der moralischen, soldatischen und nationalen Aufrichtung: zur Stärkung des nationalsozialistischen Kampf- und Durchhaltewillens nach Stalingrad.

Und noch einmal Arndt, zwanzig Jahre später: Nachdem die Greifswalder Universität seinen Namen 1945 zuerst inoffiziell abgelegt hatte, folgt 1954 die Kehrtwende. Der Senat der Hochschule beschließt die Wiedereinsetzung des Namens. Im August 1954 teilt der Staatssekretär für Hochschulwesen der Hochschule mit, daß, da der Name der Universität nach dem Krieg nie aufgehoben worden sei, die Universität weiterhin den Namen Ernst Moritz Arndt Universität trage. Und er gibt zu bedenken: „Wir empfehlen (…), bei passenden Anlässen (…) das grosse patriotische, von den Hitlerfaschisten verfälschte Streben und Wirken Ernst Moritz Arndt’s zu erläutern und aus deren Darstellung anspornende Kraft für die Erfüllung unserer gegenwärtigen Aufgaben zu gewinnen.“

Die Grabenkämpfe zur Inanspruchnahme des Deutschesten aller Deutschen wurden von links und rechts geführt. Betonten die einen den streitbaren Patrioten und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, feierten ihn die anderen als Überwinder Napoleons, als Erwecker der deutschen Nation und nicht zuletzt als unermüdlichen Kämpfer gegen den französischen Erbfeind: „Zu den Waffen! Zu den Waffen! Zur Hölle mit den wälschen Affen! Das alte Land soll unser seyn!“

Bis vor fünfzig Jahren galt Ernst Moritz Arndt als einer der berühmtesten Deutschen. Hatte ihn nicht sogar Friedrich Gundolf 1924 in das Elysium der Geistesheroen erhoben? Neben Luther habe es „keinen gewaltigeren Warner“ und „geisterfüllteren Kritiker“ gegeben. Dies würde zwar heute niemand mehr von dem kleinen knorrigen Vorpommern behaupten wollen. Dennoch ist Ernst Moritz Arndt überall in Deutschland präsent: Straßen, Schulen, Kasernen tragen seinen Namen – und, nach wie vor, die Universität in Greifswald. Die Frage ist nur: Können sich Institutionen einer Demokratie, kann sich die Republik wirklich guten Gewissens auf ihn berufen?

Ernst Moritz Arndt, geboren am 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz auf dem damals schwedischen Rügen, kommt aus engen Verhältnissen. Sein Vater – noch als Leibeigener geboren – ist Angestellter des Grafen von Putbus, doch bald schon pachtet die Familie ein eigenes Gut auf Rügen. Diese bäuerlich-patriarchalische Herkunft prägt Ernst Moritz Arndt grundlegend, und der Kampf gegen das Zerbrechen der sozialen ländlichen Harmonie wird ihm später ein wichtiges Thema. Von 1791 an studiert er Theologie und Geschichte in Greifswald und Jena. 1794 kehrt er nach Vorpommern zurück, wo er „auf eine unbeschreiblich leichte Weise“ sein theologisches Examen ablegt. Die Bahnen scheinen bereitet für eine klassisch-bürgerliche Existenz.

Doch dann flieht Arndt die ausgetretenen Pfade. Eineinhalb Jahre reist er durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien und Frankreich. Auf der Reise gibt er sich als Schwede aus, da der Name eines Deutschen in Europa „stinkend“ geworden sei. Die zentralen Momente von Arndts Denken zeigen sich: Kampf gegen das nationale Unterlegenheitsgefühl, besonders gegenüber der politischen und kulturellen Leitnation Frankreich, und seine Völkerpsychologie. So bewundert er den Nationalcharakter der Ungarn. Anders als die jede Nation nachahmenden Deutschen besitzen die Ungarn einen eigentümlichen „Nationalcharakter, der allein (…) ein Volk macht. Wem dieser Nationalcharakter, dieses Unterscheidende, fehlt, dem fehlt auch ein Land, das ihn zusammenhalte (…).“ Arndts Einschätzung ist gleichzeitig Appell an die Deutschen: Bewahrt euren Nationalcharakter! Verliert euch nicht in kosmopolitischen Träumereien …

Und dann Paris: Mit großen Augen durchstreift er Straßen und Winkel der Stadt. Wie schon in Wien und Budapest zieht ihn seine aufklärerische Libido in die Nähe der Huren, der „Schwesternkongregationen der Straße“. Nicht idealisierend oder dämonisierend – nein: neugierig und fasziniert beobachtet er das Treiben im Hallenviertel. „Nicht einzeln (…) gehen hier die Mädchen und Weiber auf den Fang aus, sondern in ganzen Haufen und oft lauern einige handfeste Kerle im Hinterhalte mit Knüppeln, wenn das geenterte Schiff sich nicht gutwillig schleppen lassen will.“ All seinem späteren Franzosenhaß zum Trotz – noch rühmt Arndt die Franzosen als Nation, die er „ewig lieben“ müsse. Doch seine nationalen Visionen werden diese Reiseerfahrung bald erfolgreich verdrängen.
Deutschland, die Nation wird ihm zur Religion

Zurück in Greifswald, schwört er der Theologenlaufbahn ab und habilitiert sich 1800 als Privatdozent für Geschichte. Mit seinem drei Jahre später erscheinenden sozialreformerischen Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen greift er in das politische Leben ein. Die Schrift macht ihn schlagartig berühmt und führt mit zur Abschaffung der Leibeigenschaft in Pommern 1806.

Doch bald schon geht sein Blick gen Westen. Napoleons Siegeszug durch Europa wandelt den schwedischpommerschen Royalisten Arndt zum deutschen Patrioten. Ein schwedischer Offizier namens Gyllensvärd muß es am eigenen Leib erfahren. Arndt beschuldigt ihn, „ein schlechtes Wort über das deutsche Volk fallen“ gelassen zu haben. Drei Tage später findet das Duell statt. Die Kugel des Offiziers trifft Arndts Bauch. Sechs Wochen strenge Bettruhe für die deutsche Ehre …

Schließlich zwingt Napoleons Sieg über Preußen bei Jena und Auerstedt den soeben ernannten außerordentlichen Professor für Geschichte zur Flucht ins „schwedische Exil“ – hat er doch im ersten Band seiner historischpolitischen Aufsatzsammlung Geist der Zeit (1806) zum Widerstand gegen die französische Expansion aufgerufen. Er fordert eine Wiederbelebung des deutschen Nationalbewußtseins und den Kampf gegen die einseitige Geistigkeit der Zeit.

Bekennend schreibt er 1807 an Charlotte von Kathen: „Mein deutsches Vaterland und seine heilige Sache verlasse ich nicht, so lange noch ein Tropfen Blut in mir warm ist. Ich fühle jetzt inniger als je, daß ich den Deutschen angehöre und keinem andern Volk angehören könnte noch möchte.“

Ernst Moritz Arndt hat sein Thema gefunden: Kampf dem Kosmopolitischen und Rationalistischen. „Es waren die sogenannten Philanthropen, Kosmopoliten in ihren Träumen (…) und wenn man will veredelte Juden (…); sie schlossen die ganze Welt in den weiten Mantel ihrer Liebe ein, aber übersahen nur, daß die Leute zu Hause froren.“ Die Nation wird ihm zur Religion. Arndt ruft die Deutschen zu den Waffen: „Ein einiges Volk zu sein, sei die Religion unserer Zeit, die höchste Religion sei das Vaterland lieber zu haben als Herren, Weiber und Kinder, die höchste Bestimmung des Mannes sei, für Gerechtigkeit und Wahrheit zu siegen oder zu sterben.“
Germanisches Blut darf sich nicht mit jüdischem vermischen

In den Jahren zwischen 1812 und 1814 erreicht er den Höhepunkt seiner Laufbahn. Als „Politoffizier“ des Freiherrn von Stein sitzt er am Zarenhof in Petersburg im politischen Zentrum der russisch-deutschen Erhebung. Die ideologische Vorbereitung des deutschen Kampfes gegen Napoleon, jenes „erhabene Ungeheuer“, ist seine große Aufgabe. In unzähligen Flugschriften fordert er Mut und Opferbereitschaft von den Deutschen. Das Ziel: die Restitution des deutschen Volkes. Die Aufgabe: Kampf gegen die Franzosen und die partikularistischen Interessen einzelner deutscher Fürsten. „Wir ringen um die Wiedererschaffung eines teutschen Volkes aus den Völkchen: das will Gott.“

Arndts Flugschriften predigen und hämmern die neue nationale Ideologie in das Bewußtsein seiner Zeitgenossen. Wie kaum ein politischer Schriftsteller vor ihm trifft er den Ton der einfachen Leute. So wird er tatsächlich zu dem nationalen Volkserzieher. Unermüdlich predigt er Haß gegen den französischen Feind, „das Reich Satans“. Aktuelle Themen werden von ihm so formuliert, daß sie „Zündpulver“ für die Deutschen und „Rattenpulver für die Franzosen“ sind. Doch Arndts Völkerhaß ist nicht nur rhetorisches Mittel der Demagogie, er ist integraler Bestandteil seiner nationalen Ideologie: „Das ist des Deutschen Vaterland / Wo Zorn vertilgt den welschen Tand / Wo jeder Franzmann heißet Feind, / Wo jeder Deutsche heißet Freund (…).“ Gegen Kampf und Vision haben die Reiseerfahrungen bei Arndt kein Chance.

Nach 1815 ändert sich die Situation. Die Restauration hält Einzug. Arndts massive Fürstenschelte im vierten Teil seines Geistes der Zeit (1818) führt zu einem Eklat. Der Held der Freiheitskriege wird 1820 in Folge der Karlsbader Beschlüsse von seiner Professur für Geschichte an der Universität Bonn suspendiert. Erst im Juli 1840 begnadigt ihn Friedrich Wilhelm IV. Und ein letztes Mal noch steht Arndt – mittlerweile 79jährig – auf der politischen Bühne. Vom „stählernen“ Kreis Solingen gewählt, zieht er 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung ein. Ihm zu Ehren erheben sich die Abgeordneten und singen sein zum Volkslied avanciertes Was ist des deutschen Vaterland? Republikanische Ideen wird Arndt jedoch als rechter Liberaler weiterhin verschmähen. Enttäuscht verläßt er das Parlament nach der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. Hochbetagt und hochverehrt, stirbt er am 29. Januar 1860 in Bonn.

Bei allem Respekt für den mutigen und zuweilen kauzigen Publizisten – die Basis seines Denkens bildet eine rassistische, in Ansätzen biologistische Völkerpsychologie: Klima und Sprachen grenzen für ihn die Völker naturgesetzlich voneinander ab, die durch göttliche Weisung an ihren Platz auf der Erde gestellt wurden.

Auf gefährliche Weise verändert Arndt das Differenzierungsaxiom Montesquieus, wonach jede Nation sich nach ihren klimatischen und kulturellen Besonderheiten entwickeln müsse. Die prinzipielle Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts hatte Montesquieu nie in Frage gestellt. Anders Arndt: Völker sind grundsätzlich unterschiedlich. Die Kerne der Nationen – Nation gleich Volk – bilden unveränderliche Nationalcharaktere, die von Gott „verliehen“ wurden. „Die einzige gültigste Naturgrenze macht die Sprache. Die Verschiedenheit der Sprachen hat Gott gesetzt (…). Die verschiedenen Sprachen machen die natürliche Scheidewand der Völker und Länder, (…) damit der Reiz und Kampf lebendiger Kräfte und Triebe entstehe (…).“ Auf zum Kampf der Nationen!

Eine Mischung – „Verbastardung der Nationen“ – muß verhindert werden. Vor allem die mit französischem Blut, das „wie ein betäubendes Gift den edelsten Keim angreift“. So wundert es nicht, daß Arndt auch vor einer Mischung mit jüdischem Blut warnt. Zwar sei durch den Übertritt zum Christentum in der zweiten Generation der „Same Abrahams“ kaum noch zu erkennen, „aber die Tausende, welche die russische Tyrannei uns nun noch wimmelnder jährlich aus Polen auf den Hals jagen wird“, „die unreine Flut von Osten her“, bereiten ihm Bauchgrimmen. Zudem orakelt er von einer jüdisch-intellektuellen Verschwörung, „denn Juden oder getaufte und (…) eingesalbte Judengenossen habe sich der Literatur, der fliegenden Tagesblätter wohl zur guten Hälfte bemächtigt und schreien ihr freches und wüstes Gelärm, wodurch sie (…) jede heilige und menschliche Staatsordnung als Lüge und Albernheit in die Luft blasen möchten.“

Zeitlebens arbeitet Arndt vehement am deutschen Überlegenheitsmythos und an deutscher Mission. Es sei „der kräftige lebensvolle und saftvolle Wildling, Germane genannt“, dem Gott die edelsten geistigen und körperlichen Eigenschaften eingepflanzt habe. „Der Germane und die von ihm durchschwängerten und befruchteten“, also kulturell germanisierten „Romanen“ bilden den Höhepunkt der Menschheitsentwicklung und werden die „umwohnenden Völker fremder Art als Allherrscher beleben und leiten“.

Zu seinem Bedauern stellt Arndt fest, daß die verzagten Deutschen bisher ihre nationalen Möglichkeiten nicht genutzt haben. „Wir spielen doch immer nur noch in deutschen Anfängen (…). Aber ich hoffe, die Deutschen werden (…) in einem großen Volkskampf mit Russen oder Franzosen, der uns zur Vollendung durchaus nothwendig seyn wird, durch den Geist, den sie wirklich vor allen Europäern tragen, endlich einmal ihr volles Volksland und Volksrecht, ihre Weltlehre und ihr Weltrecht erringen (…).“

So werkelt und meißelt Arndt fleißig am Mythos des nationalen Erlösers. „Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, (…) der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt“, das Reich „zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann“.

Nun wahrlich, Arndts Traum sollte in Erfüllung gehen, dieser Führer kam! Und wenn heute die Universität Greifswald in einem Prospekt davon spricht, daß „,seine‘ Universität (…) in der Tradition auch seiner Ideen“ stehe, so stellt sich die Frage, ob man in Greifswald (und andernorts, in den Kultusministerien und bei der Bundeswehr) überhaupt weiß, was es mit den „Ideen“ des Ernst Moritz Arndt so auf sich hat. 

(http://www.zeit.de/zeitlaeufte/fataler_patron/komplettansicht)
https://www.facebook.com/arndt.bleibt/ 2000 Luftballons für Arndt

22.02.2017 Wo die Vernunft gefühlten Wahrheiten weicht

In Greifswald proben empörte Bürger den Aufstand gegen die Namensänderung der Universität. Dabei geht es längst nicht mehr um den Rassismus Ernst Moritz Arndts – sondern um Identität. Von Hannah Bethke siehe Link: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/streit-ueber-ernst-moritz-arndt-in-greifswald-14887949.html

Universität Greifswald

20 Jan

Die Greifswalder Universität verabschiedet sich von „Ernst-Moritz-Arndt“

Man sollte diese Entscheidung einen weltbürgerlichen Akt nennen, der allerdings, wie sollte es wundern, die Diskussion nicht beendet hat. Durch unreflektierte, ressentimentgeladene und verächtlich machende Äußerungen in verschiedenen Medien fühle ich mich veranlasst, meinen vor sieben Jahren zum gleichen Anlass verfassten „Brief“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen:

Dienstag den 16. Februar 2010                                                                                                                          An die Mitglieder des Senats                                                                                                                          der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald

Sehr geehrte Damen und Herren,

im diskursiven Vorfeld der Entscheidungsfindung und der Abstimmung des Senats über die formelle Aufhebung der Verleihung des Namens „Ernst-Moritz- Arndt Universität“  der Greifswalder Universität aus dem Jahre 1933 erlaube ich mir, Ihnen meine Anmerkungen zur politischen Problematik dieser Angelegenheit zur Kenntnis zu geben.

….

„Anmerkungen zur politischen Problematik der Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die Greifswalder Universität will und muss sich der Verantwortung stellen, die ihr aus der aktuellen, öffentlichkeitswirksamen Problematisierung Ernst Moritz Arndts in seiner Eigenschaft als ihr Namenspatron zugewachsen ist.

So wie nach Auschwitz das Verhältnis Deutschlands zu Israel und den Juden auf lange Zeit ein „besonderes“ sein wird, so sollte auch das Verhältnis der Deutschen zu Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein von besonderer Sensibilität geprägtes bleiben.

Wer, wenn nicht die akademischen Vertreter unseres Landes, hätte als Erster diese Sensibilität zu wahren und durch sein Wirken positiven Einfluss auf die politische Entwicklung unseres demokratischen Gemeinwesens zu nehmen?

Die Heftigkeit, mit der der Streit um die Umbenennung von den verschiedensten Seiten geführt wird, deutet auf eine so von vielen nicht erwartete Aktualität untergründiger Konflikte. Deren politischer Charakter liegt auf der Hand.

Und so wird die zu treffende Entscheidung eine ethisch motivierte politische Entscheidung sein müssen

Zu einzelnen Aspekten:

  1. Arndts Rassenwahn

Arndts unheilvollste  Äußerungen sind Ausdruck einer ideologischen Weltsicht, die ihr Heil suchte in einer Kompensation von ins Allgemeine gehobenen subjektiven Gefühlen des Nichtgenügens und des Zukurzgekommenseins, bei gleichzeitigem Größenwahn, durch das Setzen eines fiktiven „teutschen“ Nationalcharakters. Hierbei steigerte Arndt, unter Verhöhnung alles Undeutschen, die hässliche Seite schrullig-kruder Deutschtümelei wahnhaft ins Vorläufige rassentheoretischer Ideologie, die bekanntermaßen im deutschen Nationalsozialismus ihren schandbaren Höhepunkt erreichte.

  1. Arndt und seine Zeit

Nimmt man das entlastend gemeinte Argument ernst, man müsse Arndt in seiner Zeit sehen, so wird man in Bezug auf seine maßgeblichen Äußerungen, die ihn als Namenspatron disqualifizieren,  feststellen müssen, dass Arndt nicht schlechterdings den Zeitgeist bediente, sondern dass er erheblich den „Zeitgeist“ forcierte, indem er als Mann der Worttat das Inhumane, den Ungeist seiner Zeit an vorderster Front schürte. Sein von Sendungsbewusstsein getriebener demagogischer Eifer half mit, dass Humaneres bei seinen Zeitgenossen nicht durchdrang.

Die mitunter plakativ als Argumente „gegen Arndt“ benutzten Zitate  waren keine verbalen Entgleisungen, sondern wohlbedacht platzierte rhetorische „Spitzenleistungen“ seiner ansonsten durch die verschiedensten Fachbereiche deklinierten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Anschauungen.

  1. Arndt und die deutsche Einheit

Arndt als Stichwortgeber oder geistigen Schirmherren für die „friedliche Revolution“ reklamieren zu wollen, wäre eine sophistische Meisterleistung. Jedenfalls das, was die Ostdeutschen im „Herbst 89“ bis zum Fall der Mauer unter sich ausmachten, hatte mit Arndt nichts zu tun. Weder das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“, die Rufe, „Gorbi, Gorbi“ oder „Keine Gewalt“ noch die Forderung „Stasi in die Produktion“ bedurften der Inspiration durch Arndt. Das Volk musste nicht agitiert werden. Es hatte sich für einen kurzen historischen Moment von jeder Agitation emanzipiert.

  1. Arndt und die Theologie

Wie einer mit „Seinem“ Gott ins Reine kommt, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wer damit aber, wie Arndt, an die Öffentlichkeit geht, setzt sich der Kritik aus.

Zum Ersten: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte …“ (1812). Wenn man dieses Lied nicht in pubertärer Bierseligkeit grölt, sondern das Gedicht bei klarem Verstand auf sich wirken lässt, wird einem bewusst, dass Arndt seinen Gott bedenkenlos instrumentalisiert. Die Nationalisierung Gottes ist ein Rückfall hinter die Botschaft von Himmelfahrt und Pfingsten, ist die primitive Negation der Botschaft des Neuen Testamentes vom Bund Gottes mit allen Menschen. Damit geschieht Arndt, was vielen Fanatikern passiert: Sie gleichen sich ihrem Gegner an. Arndt begibt sich damit auf das „politische“ Niveau alttestamentarischen Gottesverständnisses.

Zum Zweiten: „Ich weiß, woran ich glaube …“ von 1819 muss man nun genau in diesem Kontext verstehen – nicht abstrakt als Ausdruck einer ihm mit den Jahren zugewachsenen Abgeklärtheit, sondern einer pathetisch daher kommenden, sich selbst bestätigenden  religiösen Vermessenheit: „Auch kenn‘ ich wohl den Meister, der mir die Feste baut …“.

An dieser Stelle soll ausnahmsweise direkt auf ein Statement (Anhörung vom 11.12. 2009) aus dem Kreis der Namensbefürworter eingegangen werden, um die Aufmerksamkeit auf eine häufiger im Zuge des Anhörungsprozesses beobachtete unkritische Herangehensweise zu lenken, die Relativierungen begünstigt, mit denen eine ehrliche Aufarbeitung von Geschichte nicht zu leisten ist. Zwei Sätze, die exemplarisch dafür stehen seien hier zitiert.

Professor Staats (Kiel) schreibt:

Erstens: „Als 1933 Arndts Name in den Titel der Universität kam, da war wirklich auch im gebildeten Bürgertum die Vorstellung verbreitet, dass die nationale Bewegung eine „Freiheitsbewegung“ sei.“

Und zweitens: „Am Namen Arndts kam offensichtlich kein wacher Bürger vorbei – bis in den Zweiten Weltkrieg.“

Diese Sätze, offensichtlich als Verteidigung seines bei der Namensgebung 1933 federführend wirkenden Kollegen Glawe gedacht, schreien, so harmlos sie auch scheinen mögen, in ihrer intellektuellen Einfalt geradezu nach einer Hinterfragung ihres historischen Wahrheitsgehaltes:

Wäre da nicht zu fragen: was konstituierte die Bildung des „gebildeten Bürgertums“, dass sich in ihm eine Verwechslung des deutschen Faschismus mit einer „Freiheitsbewegung“ verbreiten konnte? War es nicht eher so, dass der Identifikation des verinnerlichten tradierten Arndt’schen Freiheitsbegriffes mit dem der Nazis schon nichts Wesentliches mehr entgegenstand? Wie hätte sonst ein Theologieprofessor nur wenige Monate nach dem Reichstagsbrand, nach pausenlosen medialen Hasskampagnen und der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie ausgerechnet Arndt als Namenspatron für die Universität vorschlagen können? Konnte dies alles einem gebildeten Bürger entgangen sein?

Auch konnte in der Tat weder ein „wacher deutscher Bürger“ noch eine wache deutsche Bürgerin am Namen Arndts vorbeigekommen sein. Nur, mit welchem Resultat? Der Ruf: „Deutschland erwache“ – vornehmlich zum Einschläfern der Vernunft skandiert – verschreckte gerade die wachesten Köpfe. Viel von ihnen verließen noch rechtzeitig das Land. Die große Zahl ergab sich dem Rausch neuer verheißener nationaler Größe.

Hätte sich hier für den Professor beim Lesen seiner eigenen Sätze nicht selbst die Möglichkeit einer Frage auftun können: ‚Gibt es da vielleicht eine Verbindung zwischen der Rezeptions- und der Wirkungsgeschichte Arndts, dem flächendeckenden Eintrichtern Arndt’scher Verse und Arndt’schen „Gedankenguts“ und der geistigen Verfassung des „wachen“ und „gebildeten“ Bürgertums im Frühling des Jahres 1933? Hätte sein Votum dann noch negativ, gegen eine Umbenennung ausfallen können?

Arndt in unserer Zeit, die Stadt und die Universität

„… die Befangenheit in den eigenen Vorurteilen bis hin zum Rassenwahn blieb einKontinuum der Deutschen Geschichte.“ (A. Herzig – „Die Zeit“ 4/2010 S. 78).

Häufig werden von Gegnern der Umbenennung der Universität aus Kreisen der Greifswalder Bevölkerung die engen Verbindungen zwischen Stadt und „ihrer“ Universität argumentativ ins Spiel gebracht. Die Gewichte sind allerdings ungleich verteilt, was dabei gern vergessen wird. Die Stadt lebt wesentlich durch und von der Universität, nicht umgekehrt. Das prägt das Miteinander beider. Über den guten Ruf einer Universität entscheiden offensichtlich andere Kriterien als ihr Name, solange der Namenspatron nicht zur Belastung wird. Der Streit um Ernst Moritz Arndt ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Legte die Universität ihren Namen ab, verlöre die Stadt nichts als eine mehr oder weniger unreflektiert liebgewonnene Gewohnheit. Die Stadt lebt kaum mit, noch weniger durch Arndt. Sähe sich „die Universität“ andererseits gedrängt, auf lokalpolitische Befindlichkeiten und Animositäten Rücksicht nehmen zu müssen („… jetzt wollen sie uns auch noch unseren Arndt nehmen!“) , würde die Stadt zur Belastung für die Universität. Das wäre für keinen gut.

Im Gegenteil: Der Namensstreit bietet all jenen, die den Namen Arndts positiv verinnerlicht haben eine Chance zur Neujustierung ihres Geschichtsbildes. Und – eine Umbenennung überließe Arndt nicht den Rechtsextremen, wie ein irrlichterndes Argument suggerieren will, sondern sie nähme denen eher die Möglichkeit eines peinlichen Verweises: in Greifswald trage selbst eine Universität den Namen dessen, der nach wie vor zu einem ihrer Helden taugt.

Der Universität hat sich die Chance einer Rehabilitierung ihrer Reputation gegeben, nachdem sie unsanft aus dem Dornröschenschlaf einer scheinbar unschuldigen Namensträgerschaft geweckt wurde. Denn unvergessen ist, dass sich auf Initiative und unter dem Beifall verblendeter akademischer Kader die Universität im Frühjahr 1933 freiwillig und in Ergebenheit zum „Führer“ den Namen Arndts zulegte, dessen Visionen sich dank der nationalsozialistischen Bewegung endlich zu verwirklichen schienen. Gleichzeitig, am 7. und 25. April, wurden Gesetze erlassen, mit denen begonnen wurde, Hochschulen und Universitäten von Juden und Andersdenkenden zu säubern und am 10. Mai loderten unter den Augen der Universität auch auf dem Greifswalder Marktplatz die Flammen der auf den Scheiterhaufen geworfenen Bücher.

Deutsche Universitäten erwiesen sich nicht als geistiges Bollwerk gegen die aufziehende Barbarei, sondern als ihr intellektueller Treibriemen. Hinzu kamen traditionell verhängnisvolles politisches Desinteresse, Wegsehen und Verdrängen und der Rückzug in vermeintlich reine Wissenschaft.

Heute lautet die Frage ganz klar, gibt es Gründe, die eine deutsche Universität im Jahre 2010 veranlassen könnten, sich den Namen „Ernst Moritz Arndt“ zuzulegen? Die Antwort darf nicht verweigert werden und muss in die Entscheidung eingehen. Und da die Entscheidung eine politische ist, muss auch die Begründung politisch sein und ethisch motiviert.

Wissenschaftlicher Diskurs, Stellungnahmen, Anhörungen, die unterschiedlichsten medialen Äußerungen und anderes mehr haben den Erfahrungshorizont mit Arndt erweitert und Erkenntnisse über ihn und uns zu Tage gefördert, hinter die zurückzugehen der politische Anstand verbietet.

Ein Festhalten am status quo sollte heute also nicht mehr möglich sein, käme es doch einer erneuten Bestätigung jener beschriebenen beschämenden Vorgänge gleich, und wäre als Rückzug auf angeblich „wissenschaftlich“ nicht Entscheidbares schlicht Verweigerung politischer Verantwortung.“

Bachs Hinrichtung und Auferstehung

19 Jan

zum 3. Philharmonischen Konzert am Theater Vorpommern

Die andere Kritik (9)

Greifswald. Am 17. Januar erklangen im ausverkauften Theatersaal, wie sich’s die Kanzlerin für Elphis Eröffnungskonzert gewünscht hätte – ganze Werke, und man durfte zwischendurch auch klatschen.

Für das Konzert wurde Bachs Passacaglia, ursprünglich für Orgel komponiert und voll von religiöser Symbolik, in einem Arrangement von Stokowski gewählt, weil dieses wohl geeignet schien, die geniale Musik zum populären Event und passenden Einstieg werden zu lassen. In der Tat ist Bachs Musik so stark und in ihrer oft komplizierten Struktur auch wieder so klar, dass sie sich, bei einigem Talent und Geschick der Ausführung, auf jedem Instrument und in jeder Besetzung ihres beglückenden Wesens entäußern kann.

Dazu allerdings kam es an diesem Abend nicht!

Gleich zu Beginn, als hätte es schon geahnt, was ihm nicht blüht, schlich sich das eindringliche Ostinato-Thema gleichsam wesenlos ins Ohr der Zuhörer. Selbst schon Ereignis, hätte es auf Kommendes vorbereiten können … Doch statt ziselierender Formgebung wurde durchdirigiert. Golo Berg schien allein sich auf den Gang der Musik zu verlassen, wenn denn nur jeder seinen Einsatz bekäme. Aber das eben reichte hier nicht. „Bach“ ließ so sich nicht bannen. Was Stokowski instrumentierend schaffen wollte, eine Verdeutlichung der Strukturen, eine auch für ungeübtere Ohren leichter mögliche Verfolgung des kunstvollen Weges des Ostinatos, das immer wieder seine Basis in den Bässen verlässt und durch die verschiedensten Stimmen wandert, blieb auf der Strecke – und damit zugleich jegliche Sinnhaftigkeit des Ganzen. Das Dirigentenpult wurde zum Richtblock. Wozu ermuntert hätte werden sollen, verkehrte sich in einen Kampf „Jeder gegen Jeden“. Da fügte wenig sich zusammen, und wo Stimmen, allein gelassen, sich zu behaupten versuchten, richteten sie sich gegen das Ganze. Was Geigen in Beethovens Egmont-Ouvertüre sinnvoll mit einem einzigen „Kopf-ab“-Strich schaffen, gelang hier permanent, wenn auch unfreiwillig, vor allem den hohen Streichern mit disparaten Klangschlägen – ein einziges Schlachtfest!  Da war nichts mehr zu hoffen und zu retten. Auch nicht mit hilfloser Lautstärke und äußerlich bleibenden Temposchwankungen, die ihren Höhepunkt fanden in den überdimensionierten Ritardandi vor Beginn der Fuge und am Ende, das eher als ein glückliches, den Eindruck eines orchestralen Suizidversuchs machte. Das Publikum war’s zufrieden, und das Konzert konnte weiter seinen Lauf nehmen!

Und es erklang Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funèbre“ – im besten Sinne des Wortes, es klang! Mika Seifert entlockte seiner Geige so wundervoll traurige Töne, als wäre das Stück eigens für ihn geschrieben. Souverän dominierte seine Geige das Konzert vom ersten bis zum letzten Ton. Hier wurden auch Dirigent und Orchester, nun als Streichorchester, ihrer Rolle gerecht. Sehr berührend für den, der sie kennt, auch die „liedartige Melodie“, die zu Beginn des vierten Satzes das Orchester intoniert und die dann später vom Solisten aufgegriffen wird: „Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin…“ Hätte man sich auch ein wenig mehr Enthusiasmus bei der Entwicklung des  dritten Satz gewünscht, so war dies Konzert, um es vorwegzunehmen, doch der künstlerische Höhepunkt des Abends.

Und dann geschah etwas Versöhnliches. Bach, der auf offener Szene erschlagen worden war, feierte seine Auferstehung durch Mika Seiferts nach- und eindrückliche Zugabe: er spielt Bach, wohltönend, sinnvoll und unaufgeregt schön! Das Publikum hatte es bemerkt und applaudierte dankbar…

Nach der Pause dann Brahms‘ Vierte. Wer kennt sie nicht? Oder anders: Wer kennt sie? Aber machen wir es kurz. Schon der erste Satz trat auf der Stelle. Wo blieb die Eleganz, wo die herbstliche e-Moll-Melancholie? Der zweite Satz litt an einer Behäbigkeit, die er vom ersten mit dessen halbem Tempo geerbt zu haben schien. Der dritte Satz begann zögerlich, bevor er an Fahrt aufnahm. Und der vierte? Es fehlte die gehörige Stringenz, die diesen Satz nicht hätte auseinanderfallen lassen. Dafür aber – meistens laut, zu laut! Und auch hier, täuschte man sich über „das Einfache, das schwer zu machen ist“, oder, noch einmal anders – das Schwere, das  s o  einfach nicht zu machen ist?

Aber was solls: es nahm ein Ende.

Die Wahrheit ist verhangen

10 Jun

Zur Bedrohung durch Russland

 

Anlässlich des aktuellenWeißbuch-Entwurfs der Bundesregierung:   http://www.welt.de/politik/deutschland/article155952158/Das-sind-die-groessten-Risiken-fuer-Deutschlands-Sicherheit.html

Siehe auch: „Das Oberkommando der Wehrmacht weist seit Anfang des Jahres immer wieder die Auswärtige Führung des Reiches auf die wachsende Bedrohung für die Territorien des Reichs seitens der Russischen Armee hin und betont dabei, dass der Grund für die strategische Konzentration und den Einsatz von Truppen nur aggressive Pläne Russlands sein können“. zitiert aus:

http://www.fit4russland.com/kriege/1704-deutschland-sieht-russland-wieder-als-bedrohung

(zu singen auf die Melodie: „Der Mond ist aufgegangen)

 

Die Wahrheit ist verhangen

Seit Sowjetland vergangen

Herrscht wieder kalter Krieg

Die Mächtigen der Erde

Woll’n dass sie ihre werde

Sie hoffen auf den letzten Sieg

 

Der Wahnsinn nimmt kein Ende

Sie waschen ihre Hände

In Unschuld Tag und Nacht

Die Russen sind die Bösen

Wie eh‘ – kann man das lösen

Die Wehrmacht hat es vorgemacht

 

Nahm’s auch ein schlimmes Ende

Sie greifen ganz behende

Nach Waffen jeder Art

Um endgültig zu siegen

Müssen sie wieder kriegen

Und rüsten für die Höllenfahrt

 

Ach legt euch nicht ihr Brüder

In Gottes Namen nieder

Und auch ihr Schwestern nicht

Denn was sie heute machen

Bringt Welt zum letzten Krachen

Wir selbst sind unser Jüngst‘ Gericht

 

Ein Schaf in altem Wolfspelz?

10 Nov

 Biermann im Bundestag

„Glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen, glaubst du, die Russen wollen Krieg?‘ Oh nein! Auf gar keinen Fall! Denn da mordet, so weit ich seh‘, Mann, nur Putin, der KGB-Mann! Wer spielt da den blutigen Ball denn? Nur Putin und seine Kanaillen!“

Als Biermann dies – mehr schlecht als recht gereimt – und anderes unlängst bei Deutschlandradio Kultur meinte sagen zu müssen, dacht ich traurig und böse, ach Wolf, Du „uralter Sack“, ich hörte Deinen letzten, historischen Auftritt in Köln am Rhein heimlich des Nachts am Kofferradio, nahm das Konzert auf und versteckte die Kassette so gut, dass ich sie nie wiederfand. Und war beeindruckt, wie Du die alten Politbürosäcke verhöhntest, und sprachlos staunte ich über Deinen Mut, nicht wissend, dass Du keine Rückfahrkarte hattest im Gepäck. Doch jetzt, wo ich Deine Zeilen an Jewtuschenko höre, gefriert mir das Blut in den Adern, und ich schäme mich fremd für Dich, den verbitterten Plänkelsänger!

Kurz darauf dann kam die Meldung: Biermann singt im Bundestag! … Was hat denn den Lammert geritten, einen so hemmungslosen Putin- und Linkenhasser im Hohen Hause zu hoffieren! Nach außen politisch doch ausgesprochen ungeschickt. Und nach innen? Sollte ein Parlamentspräsident nicht auch halbwegs überparteilich agieren? Nun, Lammert meinte wohl, was der Gauck kann, müsse auch er  können wollen – jetzt, wo Deutschland die Gefahr droht, auf internationalem Parkett handlungsunfähig zu werden.

Es wird einen Skandal geben – so oder so!

Und so kommt zur feierlichen Stunde Biermann mit seiner Gitarre, kommt und greift in die Saiten, präludiert zart und lyrisch, zu lang für ein Präludium, bricht dann entschlossen ab sein schönes Spiel und wendet sich nach Links … und das Verhängnis nimmt seinen Lauf … Reich-Ranickis Verdikt über einen Romanschreiber „Er hätte es bleiben lassen sollen!“ rumort verzweifelt in meinem Hirn: Aber Biermann lässt nichts bleiben und nichts aus. Und dann, als Höhepunkt seiner Abrechnung, meint er,  dieser seiner Drachenbrutrestetruppe noch einen letzten Schlag versetzen zu müssen: ‚Nein, sie seien nicht links, nicht links und auch nicht rechts! Sie seien reaktionär‘! Welch Schmähung! Und welch grandiose Verkennung der Realität – in diesem Moment ist nur einer reaktionär – und das ist er! Er selbst. Das Hohe Haus aber hat seinen Spaß und lacht und applaudiert …

Und dann singt Biermann doch noch.

Und er singt:

Du, laß dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
– sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.

Du, laß dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
daß wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, laß dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid.

Und wie Du da so singst, kann ich eine Frage nicht verdrängen: Für wen eigentlich singst Du dort im Bundestag, wenn da mehr sein soll als nicht nur ein zum Ritual verkommenes Lied, das uns erinnern mag an die besseren schlechten Zeiten? Für die, die damals im Knast saßen? Für die, die bürgerliche Freiheiten vermissten und sich selbst ermutigend Deine Zeilen auf den Lippen trugen?

Und wen willst Du noch ermutigen? Du, der Du mit Deinen einstigen Idealen längst auch Dein Publikum verloren hast und nun als ein Wiedergänger kalter Zeiten herumgereicht wirst?

DAS gönne ich Dir – NICHT; hätt‘ Dir und uns was Bess’res gewünscht …!

Der „Ring“, der nicht gelungen

18 Nov

  „Gyges und sein Ring“ am Theater Vorpommern – die andere Kritik (8)

Vieles gibt es, an dem Liebe und Leben scheitern und zugrunde gehen kann. Wo Liebe und Leben sterbend in eins fallen, finden Dichter den Stoff für ihre Tragödien. Wie aber, wenn Hybris, Eitelkeit und Tabubruch den Helden selbst zu Fall bringen?

Das Theater Vorpommern hat mit Friedrich Hebbels „Gyges und sein Ring“ eine „Tragödie“ auf die Bühne gebracht,  deren Sinn und Tragisches sich uns heute schwer erschließt. Das lässt Fragen aufkommen gleichermaßen an das Stück wie an seine Inszenierung. Ich las es im Original nach dem Besuch der Greifswalder Premiere. Das Lesen hernach hat den Vorteil, sich unbefangen den Überraschungen der Bühne aussetzen zu können. Allerdings mischt sich dann das Gesehene beim Lesen ein und begrenzt die eigene Phantasie. Dies störte nicht. Die Figuren, die ich gesehen hatte, nahmen auf, was ich las, und gaben, so bereichert, dem Gelesenen ihr Gesicht. Das Theater hatte mich nach der Vorstellung ratlos entlassen – die Lektüre gab meinen Fragen neuen Stoff, und das Nachdenken verhalf zu kritischer Orientierung.

Hebbel bedient sich eines alten, auf realen historischen Ereignissen um 680 v. Ch. beruhenden Mythos‘. Ausführliches dazu von Wolf Banatzki.

Hebbel kommt mit kleiner Personnage aus:

Kandaules, König der Lydier,

Rhodope, seine schöne Gemahlin aus einem fremden Kulturkreis

Gyges, ein Grieche, Freund Kandaules

Thoas, treuer Sklave und Vertrauter Kandaules

Lesbia und Hero, Sklavinnen und Dienerinnen Rhodopes

Karna, ein getreuer Sklave und Vertrauter Rhodopes und das Volk wurden für diese Inszenierung gestrichen. Dafür ein auf den ersten Blick interessanter Regieeinfall, den Ring als Person, als eine Tanzende auftreten zu lassen.

Die Handlung (nach Lesen des Stückes)

Kandaules hat eine Frau, deren überwältigende Schönheit er preist. Er hat ein zweifelhaftes Problem, kein anderer Mann außer ihrem Vater hat sie je gesehen. Sie tritt nur verschleiert in der Öffentlichkeit auf. Kandaules hat weniger Charakter als Individualität. Kandaules schert sich um die Mechanismen von Herrschaft wenig. Er versteht sich, um in heutigem Jargon zu reden, als Modernisierer, ohne sich von einer historischen Notwendigkeit tragen zu lassen. Das Volk murrt. Er geht darüber hinweg. Ihn bestimmen eigene Willkür und Hybris – im Politischen wie im Privaten.

Dieser Hybris leistet Gyges in naivem Freundschafts- und Gefolgschaftswahn Vorschub. Er überlässt Kandaules leichtfertig einen gefundenen Zauberring. Einen „Königs-Ring“, wie Gyges ihn nennt, dessen Tarnkappenfunktion er durch eigenes Erleben dramatisch beschreiben kann.

Kandaules erprobt den Ring sogleich inmitten des Lagers seiner Feinde.

Sein eheliches Verhältnis zu Rhodope scheint nicht unproblematisch zu sein: im Banne ihrer Schönheit muss er gelegentlich um Küsse betteln. Er scheint es nötig zu haben, vor ihr mit dem Ring prahlen zu müssen.

Rhodope ist nicht nur schön, sondern auch klug – seherisch graust ihr vor den Folgen des Ringes in seiner Hand, und überhaupt: alles zu sehen und selbst ungesehen zu bleiben, ist den Göttern vorbehalten. Ein Ring, der diese Kraft verleiht, muss auch den Besten zum bösen Zauber werden. Sie fleht ihn an, den Ring in ein tiefes Gewässer zu werfen – oder ihn ihr zu geben.

Nicht seine Liebe, seine Eitelkeit ist größer als sein Machtinstinkt. Und da sieht er nun, in völliger Verkennung ihres Wesens, eine Chance, ihre Schönheit öffentlich zu machen: er könne vom Ring lassen, wenn sie sich mit ihm auf dem Fest unverschleiert zeige.

Rhodope: „Wie kann ich! / Du holtest dir von weit entlegner Grenze / Die stille Braut, und wußtest, wie sie war. / Auch hat’s dich einst beglückt, daß vor dem deinen / Nur noch das Vaterauge auf mir ruhte, / Und daß nach dir mich keiner mehr erblickt.“

Für’s erste schrickt er zurück. Doch er ist besessen von dem Gedanken, sich wenigstens von Einem ihre Schhönheit bestätigen zu lassen. Mit Hilfe des Ringes hofft er, Rhodope überlisten zu können. Dieser Eine kann nur sein treuester Freund sein. Gyges lässt sich, widerstrebend zwar, überreden, den Ring zu tragen und folgt Kandaules in ihr Schlafgemach.

Kandaules, der Text deutet es an, verlässt Rhodope vor Gyges. Dieser verliebt sich erwartungsgemäß. Was sich dann im Schlafgemach zugetragen hat, bleibt im Dunkeln. Nur soviel lässt uns Hebbel wissen: Gyges kommt in den Besitz ihres Halsschmucks, den er später Kandaules übergeben wird – als Bekenntnis einer größeren Schuld? Gyges begehrt jedenfalls, den begangenen Frevel durch Tod von Freundeshand zu sühnen. Kandaules, als aufgeklärter Herrscher, will davon nichts wissen.

Rhodope ist durch das nächtliche Geschehen tief verstört. Sie hatte Geräusche unbekannter Herunft gehört und meinte, eine fremde Gestalt gesehen zu haben. Weitere Indizien erhärten ihre Ahnungen, und sie erwartet wie Gyges den Tod durch Kandaules. Kandaules versucht, ihren Verdacht zu zerstreuen. Doch Rhodope deckt nach und nach Trug und Lug auf.

Hebbels Sprache greift noch zum romantisch hohen Ton Schlegel’scher Shakespeareübertragungen. Aber das geliehene Pathos klingt hohl, ja falsch. Was sind am Ende die schwer verdaulichen Freundschaftsbeteuerungen wert! Sind sie versehentlich oder absichtlich Ausdruck einer von den Protagonisten uneingestandenen Fragwürdigkeit ihrer Beziehungen? „Hast du einen Freund hienieden, trau ihm nicht zu dieser Stunde, freundlich wohl mit Aug‘ und Munde, sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.“ Diese Zeilen von Eichendorff, wirkmächtig bereits 1840 von Schumann vertont, dürften Hebbels Ohr nicht verfehlt haben – Spuren des Zeitgeistes …

Ist Hebbel sich des Missverhältnisses zwischen der von ihm gewählten Sprachform und der Brüchigkeit alles von ihm reflektierten Gesellschaftlichen, das er in „Gyges“ zur Sprache bringt, bewusst? Verfremdung als Tarnung?

In der Aufführung am Theater Vorpommern sind Spuren von Skepsis dem Text gegenüber nicht zu finden. Und so  kann den Darstellern auch nicht verübelt werden, dass die äußerliche Brillanz des von ihnen Gesprochenen der Inszenierung nicht glaubwürdig Glanz verleihen kann.

Die Stückwahl war ein Missgriff – vermutlich verführt durch ein unreflektiertes Assoziieren von problematischen Details im Stück mit politischen und kulturellen Problemen unserer Zeit. Zum Beispiel:

Die Verschleierung – kulturell-religiös Identität stiftend dort, denunziert als Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit fördernd hier.

Der Zauberring – als eine andere Form der Verschleierung, auf Geheimdienste verweisend, die sich als „Auge Gottes“ gerieren, als Gefahr für jedes Private, als Gefahr für die zivile Gesellschaft.

„Gyges und sein Ring“ durch solcherlei Aktualitäten aufzubürsten, ist nicht gelungen – anderer Sinn war nicht in Sicht – und der Sinn, den das Stück einst gehabt haben mag, bleibt uns verschlossen! Wahrscheinlich würde jeder dergestalt scheitern. Aber eben: nicht jeder versuchte es.

André Rößler (Regie) scheiterte zumindest an seinem eigenen Anspruch. Für ihn „hat Theater grundsätzlich zwei Aufträge: Zum einen sind wir wichtiger Teil der Unterhaltungsindustrie (sic!) und zum anderen muss sich Theater aber kritisch mit seiner Gegenwart auseinandersetzen, denn es hat einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Haltung zur Welt, um Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu üben.“ … „Es gilt auf der Bühne die Frage nach den Profiteuren dieser Missstände zu stellen, um so einen Blick hinter die Fassade, auf die Mechanismen zu werfen.“ … und weiter: das „ist der Weg, dem sich das Theater verschreiben muss, um nicht bei der Erschließung neuzeitlicher Sinnstiftungspotentiale auch sehr alter Geschichten auf der Strecke zu bleiben.“*

Rößlers diffuse Befürchtung, „auf der Strecke zu bleiben“ wurde für „Gyges und sein Ring“ Realität. Sehenden Auges, wenn denn der in die Spielzeit einführende Text des Chefregisseurs von ihm selbst mit Leben gefüllt gedacht worden ist! Im Übrigen, auch die vielen klugen Zitate, die fünfzehn Seiten das Programmheftes zieren, sind für ein Verständnis von Stück und Inszenierung wenig hilfreich. Waren sie es dem Regisseur?

Dieses Scheitern, das Fehlen von Sinnstiftendem lässt die einzelnen Momente der Inszenierung nicht unberührt. Es will sich so recht nichts zusammenfügen.

Das Bühnenbild (Simone Steinhorst): zeltähnlich nach oben zu einer Mitte strebende, im Halbrund der Drehbühne angeordnete weiße ausklinkbare elastische Bänder, lassen ideale Räume entstehen. Sinnvoll bespielt, könnten sie dezent ihre Symbolhaftigkeit zur Geltung bringen. Doch das Spiel in und mit dem Bühnenbild, mit den Bändern kommt über formales Agieren nicht hinaus und hat sich bald erschöpft. Zu bemüht: Schaut, was wir alles mit den Bändern machen können!

Die Musik: Als solche ist sie am besten geschlossenen Auges zu würdigen. Manche Leere füllend, manchmal zu laut, bleibt sie Dekor und unangemessen vordergründig.

Die Personen: Kandaules (Marco Bahr) und Gyges (Alexander Frank Zieglarski), die beiden Hauptakteure, können in ihren Rollen wenig Profil gewinnen. Kandaules‘ Obsession mangelt es an überzeugender Intensität, und Gyges kann man schwerlich seine Befähigung zum künftigen Herrscher abnehmen. – Zynisch könnte man fragen, woher sollen die Charaktere auf der Bühne kommen, wenn die Gesellschaft ihrer so gänzlich ermangelt? Aber ernstlich: Wo sollen Charaktere in schwierigen Zeiten überleben, wenn nicht auf der Bühne?

Rhodope (Claudia Lüftenegger) ist den Männern, die ihr verfallen, charakterlich weit überlegen. Das macht es ihr leichter, Kühle und Entsagung überzeugend zu spielen. Ihre tödliche Treue zu ihrer Einbindung in die väterliche Tradition kann so über die gebotene Rache hinaus auch ein persönliches Moment enthalten. Doch auch das bleibt eindimensional, mehr im Reden als im vermissten Spiel lebendig machender Nuancen.

Die beiden Sklavinnen, Lesbia (Sausanne Kreckel), und Hero (Frederike Duggen) schaffen es ihrerseits nicht, in jener verqueren Welt ein Gegengewicht zum hehren Dunstkreis ihrer Herrin auf die Bühne zu bringen. Das Stück bietet dazu wenig Gelegenheit, und die Regie verpasst sie.

Die vielleicht leichteste Übung hat Lisa Marie Schult gut gemeistert. Sie darf spielen, was bei Hebbel nicht vorgesehen ist: den Ring. Katzenhaft unbeschwert umschmeichelt und folgt sie ihrem jeweiligen Besitzer. Ein hübscher wie absurder Einfall! Denn kein Mittel, erst recht nicht ein Zauberring, darf sich verselbständigen, zum Subjekt werden! Wenn das geschähe, wäre in der Welt der Teufel los. Obgleich, unsere Wissenschaftler arbeiten daran!

Zum Schluss, doch nicht zuletzt: Lutz Jesse. Er gibt einen Diener „von der traurigen Gestalt“: Thoas hat schon Kandaules‘ Vater gedient. Nun ist er an den Junior gekettet, der „an den Schlaf der Welt“ rühren will, und doch die Kraft dazu nicht besitzt. Wäre er ein freier Mann, er würde demissionieren. Thoas sieht „die Schrift an der Wand“ und vermag doch seine Warnungen in den Wind zu reden. Das macht depressiv. Doch könnte die Rolle Größe haben, stille Größe, wie sie Dienern zu anderen Zeiten mitunter eignete. Der Text ließe es zu. Aber auch da verkennt die Regie ihre Chance und lässt den Mimen im Stich.

Das Resumee: „Hybris, Eitelkeit und Tabubruch“ können nicht nur Helden so scheitern lassen, dass ihnen der Ehrentitel eines „Tragischen Helden“ nicht verliehen werden kann. Auch „Theater“ kann an sich selbst scheitern, so, dass keiner mehr seinem Untergang eine Träne nachweint.

A L S O ,  S O  N I C H T !  N I C H T  W E I T E R  SO !

*A. Rößler: Spielzeitheft „PROFILE Spielzeit 2013/2014 theater vorpommern“. Die Zeichensetzung folgt dem Original. (Nebenbei – man muss sich schon sehr bemühen, um, trotz Kürzung, beim Verstehen dieses Bekenntnisses nicht auf der Strecke zu bleiben!)

Siehe auch: „Ein Netz der Beliebigkeit von Florian Leiffheidt

Porno am Theater – ein Mail-Wechsel

28 Aug

zu meinem Blogbeitrag: nach-dem-ende-oder-die-aufgabe-der-scham

Am 24.08.2013 18:33, schrieb andrea.eckert

Sehr geehrter Herr Aé,            

 

eigentlich wollte ich mit meiner 15-jährigen Tochter am 20.09.2013 das Stück „Nach dem Ende“ in Stralsund anschauen. Bisher kannte ich nur die Informationen von der Webseite des Theaters sowie die Kritik der Ostseezeitung.

 

Beim googlen nach weiteren Informationen bin ich nun auf ihr Blog gestoßen und mir nicht mehr sicher, ob ich das Stück einer 15-Jährigen zumuten kann/soll.

 

Ich bin sicherlich nicht prüde und mit einem nackten Mann auf der Bühne habe ich im 21. Jahrhundert auch kein Problem. Aber was sie da andeuten, scheint mir doch höchst bedenklich. Vor allem gibt es seitens des Theaters nirgends einen Hinweis auf solch explizite Szenen oder gar eine Altersbeschränkung/-empfehlung.

 

Da Sie nun das Stück schon gesehen haben:

– ist der männliche Darsteller komplett nackt?

– onaniert er tatsächlich sichtbar für die Zuschauer oder schiebt er vielleicht nur seine Hand in die Unterhose und deutet es mit rhythmische Bewegungen an oder steht dabei mit dem Rücken zum Publikum?

– ist eine (beginnende) Erektion zu sehen?

 

Falls Sie die letzten beiden Fragen mit ja beantworten, werde ich meine Karten definitiv zurückgeben. Vor allem muss das Theater im Vorfeld auf solche explizite Szenen hinweisen!

 

Vielen Dank für eine offene und ehrliche Antwort und viele Grüße

 

Andrea Eckert

Von: „Jost Aé“ [jost-ae@gmx.de]
Gesendet: Sa. 24.08.2013 20:59

Liebe Frau Eckert – es ist leider so, wie ich es beschrieben habe. Ob er komplett nackt war, kann ich nicht mehr sagen, wahrscheinlich nicht. Er onaniert auch nicht tatsächlich. Seine entsprechenden Körperpartien sind aber nackt und zu sehen. Das Onanieren wird sehr naturalistisch dargestellt, wenn auch weder echtes noch künstliches Sperma fließt. Z. B. wischt er sich seinen Schwanz hinterher an Papierfetzen ab. Immer dem Publikum zugewandt. Eine Erektion ist nicht zu erkennen – wie auch, bei dem Stress, den die Szene für den Schauspieler bedeutet. Ich kann allerdings nur für die Greifswalder Premiere sprechen. In einer anderen Szene zwingt ihn seine „Kontrahentin“ die Hose runter zu lassen, und dann packt sie sein bestes Stück, leibhaftig zu sehen, und droht, es abzuschneiden. Wenn Sie mich fragen, auch ich bin keineswegs prüde, es ist einfach nur peinlich – es bereitete mir Pein, mich in den Schauspieler als Mensch zu versetzen – wozu man bei einiger Sensibilität gezwungen ist. Aber dazu ausführlicher im BLOG-Beitrag.
Ich würde Ihnen als Mutter nicht empfehlen wollen, Ihre Tochter dem auszusetzen – egal was für Erfahrungen sie schon gemacht hat. Es könnte sein, dass Ihre Tochter es nicht toll findet, sich das in Ihrer Gegenwart (und auf Ihre Initiative hin) ansehen zu müssen. Das Internet bietet ja dies alles ohne Hülle und in Fülle an, in echt, und man wird seine Kinder kaum davor schützen können, wenn sie sich dergestalt „bilden“ wollen – aber mit Kunst hat diese Machart meiner Meinung nach nichts zu tun und auf dem Theater nichts zu suchen.

Was hielten Sie davon, wenn ich Ihren Text mit meiner Antwort in das BLOG einstelle? – ich tue es nicht, ohne Ihre Erlaubnis (Sie könnten auch anonym bleiben)!

Herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und beste Grüße

Jost Aé

Am 25.08.2013 11:22, schrieb andrea.eckert…

Sehr geehrter Herr Aé,

 

vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort. Noch mehr muss ich Ihnen aber dafür danken, dass sie Ihre Kritik so deutlich ins Internet gestellt haben und mich so vor einem desaströsen Theaterbesuch bewahrt haben!

 

Ich sehe das genau so wie Sie: es ist eine Zumutung dem Schauspieler gegenüber, zumal man die Szene ja dramaturgisch auch hätte dezenter darstellen können (z. B. Hand in die Unterhose). Auch dass seine Schauspielkollegin seinen Penis in die Hand nimmt, muss ja absolut erniedrigend sein. Vor allem passiert das Ganze ja vor Publikum.

 

Gerne können Sie unsere Kommunikation in Ihrem Blog ergänzen, gerne auch mit meinem Namen, denn zu meiner ablehnenden Haltung stehe ich auch öffentlich.

 

Vielen Dank nochmals für Ihre Offenheit!

 

Herzliche Grüße

Andrea Eckert

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