Greifswald und die Weihnachtstanne

17 Nov

Eine Betrachtung zum Advent 

Der Gedanke an den jährlichen Greifswalder Weihnachtsmarkt lässt nicht nur Herzen höher schlagen, sondern treibt so manchem (OZ-Leserbriefe) immer wieder die Schamesröte ins Gesicht. Die deutsche Kanzlerin – CDU-Vorsitzende und im Osten sozialisierte Pfarrerstochter – wird nicht müde, für ihr Land christlich-abendländische Kultur und Werte zu reklamieren. So auch jüngst wieder in Karlsruhe. Doch wie sieht es damit in den Niederungen ihrer östlicher Provinzen aus? Nicht viel anders als anderswo. Nur augenscheinlich etwas krasser. Etwas heidnischer. Vierzigjährige Demissionierung durch eine atheistisch geprägte Staatsmacht hat ganze Zuarbeit geleistet. Das haben wir hier dem Westen schon mal voraus. Als im verschwundenen „Sozialismus“ am Karfreitag im Greifswalder Theater „Polenblut“ gegeben wurde, hielt ich es für eine Perfidie des Systems.

Was einst die Ideologie der Staatspartei über ihre Bürger verhängte, vermag heute vielleicht noch effizienter das herrschende Wirtschaftssystem: die Entweihung „alles Heiligen“. Mehr noch: die ideologisierte Logik der Gier duldet keine Rücksicht auf Sentimentalitäten. Menschlichkeit, Kultur und Religion werden in Nischen des Privaten gedrängt, soweit sie sich nicht vermarkten lassen.

Was hat dies zu tun mit dem „Streit um den Weihnachtsbaum“ (OZ 19.1.2010)?

Die Pfarrer der Stadt schlagen Alarm. Und Axel Hochschild (CDU) läuft Sturm, denn die Weihnachtstanne auf dem Markt soll noch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr geschmückt werden. An diesem Sonntag wird traditionell unserer Toten gedacht. Da störe ein geschmückter Weihnachtsbaum, meinen die Protestler. Mir erscheint diese Argumentation eher hilflos. Vom Standpunkt der Kirche aus sollte der erste Advent die Grenze für den Beginn vorweihnachtlicher Aktivitäten sein. Totensonntag allein ist ein dürftiges Argument für das damit angeschnittenes kulturelles Problem.

Der Weihnachtsbaum, wie übrigens auch der Weihnachtsmann, fand verhältnismäßig spät Eingang in die christlichen Traditionen des Weihnachtsfestes. Für den christlichen Glauben sind beide nicht existenziell. Wer nüchtern um sich blickt, muss bekennen, Weihnachtsbaum und Weihnachtsmann haben sich längst von ihrem religiösen Ursprung gelöst. Bei Umweltbewussten ist der Baum fragwürdig geworden, der Sparsame holt alle Jahre wieder sein Plasteexemplar hervor und die Ängstlichen benutzen   elektrische Lichterketten. Bienenwachskerzen und duftende Koniferen sind nur mehr noch etwas für stilbewusste Bürger. Und der Weihnachtsmann wurde längst zum allgegenwärtigen süßen Schokoladengötzen, mit denen vornehmlich und in Massen die Kinder der Unterprivilegierten abgefüllt werden. Wirtschaft und Handel haben sich dieser Symbolträger als Dekor und Verkaufsschlager bemächtigt und traktieren uns damit ab Oktober, weit vor dem Advent. Fällt in diesem Zusammenhang eine geschmückte Tanne auf dem Markt totensonntags noch ins Gewicht?

Andererseits muss eine kultur- und wertebewusste Stadt nicht alles mitmachen. Mit Wehmut blicke ich zurück in die Zeit der Kindheit, die zugleich eine des Mangels war; zurück auf den ersehnten Moment, da wir jedes Jahr aufs neue beglückt wurden durch den ersten Blick auf eine im Lichterglanz der Kerzen erstrahlende Weihnachtstanne – in der Kirche oder auch im häuslichen Weihnachtszimmer, das vorher nicht betreten werden durfte.

Was bedeutet dagegen ein von einfallslosen „Pädagogen“ im Verein mit einem dubiosen Weihnachtsmarketing organisierten Event des Baumschmückens lange vor der Zeit? Werden Kinder da gedankenlos missbraucht, vermarktet, verwertet?

Das hätte „die Stadt“ doch wohl in der Hand!

Wenn überhaupt etwas von Kultur mit christlichem Erinnerungswert gerettet werden sollte, könnten ihre Vertreter darauf bestehen, dass der einzige Schmuck der Tanne eine Lichterkette sei. Bis zum Abend des vierundzwanzigsten Dezembers dann sollte sie “schwarz und schweigend“ inmitten des kommerziellen Trubels stehen und allein vom Weihnachtsmarkt beleuchten werden – soweit es denn reicht. Ihre große Stunde käme erst, wenn der Spuk vorüber ist. Dann könnte sie mit Beginn der Dämmerung des Heiligen Abends ihren Glanz über unseren schönen Marktplatz bis in den Januar hinein erstrahlen lassen.

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6 Antworten to “Greifswald und die Weihnachtstanne”

  1. Manfred Peters 17. November 2010 um 23:13 #

    Die Weihnachtstanne hat nichts, aber auch gar nichts, mit christlichen Werten zu tun.
    http://www.exploria.ch/content/scientia/pages/s1200c.htm

    Wenn jetzt die Scheinheiligen von der CDU, begleitet von einer manipulierbaren und ich behaupte manipulierten Umfrage der OZ, aus dem schmücken der Tanne politischen, populistischen Profit schlagen wollen, sollten die „Aufgeklärten“ Greifswalds darauf nicht reinfallen.
    Wer trauern will, braucht das ja nicht gerade auf dem Markt tun. Der konstruierte kritisierte Zusammenhang ist fragwürdig und müsste ehrlicherweise schon bei den vorfestlichen Verkaufspraktiken beginnen.
    Gerade der Lautsprecher dieser Empörung, A. H., steht sonst in vorderster Front, wenn es um den ungezügelten unchristlichen Kommerz geht.

  2. bigi 18. November 2010 um 14:59 #

    Diese Zeilen habe ich heute als LeserBrief bei der OZ eingereicht:

    Streit um Weihnachtsbaum – welch Schlagzeile für ein alljährliches Scharmützel, mit dem selbst ich, als NeuGreifswalderin bereits zum zweiten Mal konfrontiert werde. Und wie im letzten Jahr frage ich mich, wovon soll wohl jetzt abgelenkt werden? Wer leidet dieses Jahr unter politischem Aufmerksamkeitsdefizit? Was sollen diese Scheinheiligkeiten?
    Wieso ich mir diese Fragen anmaße?
    Ich bin Katholikin, habe eine entsprechende religiöse (wenn auch freie) Erziehung genossen und verstehe unter Weihnachten persé etwas ganz anderes als Weihnachtsmärkte mit Riesenrad, AutoScooter, Würstchenbuden, Röstbratereien sowie entsprechender Beschallung und Geruchsbelästigung.
    Zu Weihnachten gehört für mich ebensowenig ein Fahrgeschäft wie der Verkauf von hysterisch blinkenden Weihnachtssternen ab September. In diesem Jahr seh ich mich das erste Mal dazu gezwungen, von meiner „Weihnachtsidee“, meinem Verständnis von Weihnachten, das mehr mit Besinnung, Stille, Frieden und Freude zu tun hat, abzuweichen. Will ich als Existenzgründerin und Einzelhändlerin bestehen, muss ich mich unterwerfen und dem „KonsumWeihnachten“ Tribut zollen. Ich verkaufe eine Postkarte mit weihnachtlichem Motiv und Zubehör für einen Adventskalender – und erst ab Anfang Dezember dann ein wenig Deko – so mein Kompromiss. Für Kinder plane ich eine PostkartenAktion. Die Kleinen können Postkarten bestempeln und einen kleinen Wunschzettel damit verbinden, der dann direkt nach Himmelpfort geschickt wird. Diese Planung scheitert allerdings wahrscheinlich daran, dass die unverständliche und hahnebüchene Baustellensituation in der Mühlenstraße ein solches Unterfangen so gefährlich macht, dass diese Aktion wohl ausfällt.
    Nehme ich nun dieses mein Verständnis vom Fest der Liebe mit dem zusammen, was Weihnachten wirklich ist und sein soll und stelle dem einen Weihnachtsmarkt gegenüber, der für mich eher eine Weihnachtskirmes ist (damit keine Missverstände aufkommen, ich mag den Markt – als Markt mit seinem Geschehen, aber nicht unter dem Deckmäntelchen Weihnachten), dann frage ich mich allen Ernstes nach der Sinnhaftigkeit einer Diskussion, die sich darum dreht ob und wann die Tanne auf dem Markt nun zu schmücken ist – zumal dann argumentativ gegen ein Aufbauen und Schmücken noch der TotenSonntag mit eingebracht wird.
    „An dem Tag gedenken wir den verstorbenen Menschen. Es ist ein Tag der Besinnung und des Abschiedes“
    Soweit so gut – es sei jedem unbenommen, diesen im Kalender festgeschriebenen Gedenktag auch in diesem Sinne zu nutzen – ich für meinen Teil gedenke jeden Tag verstorbenen Menschen, erinnere mich jeden Tag an die Lieben, die ich vermisse und brauche hierfür keinen festen Termin.
    Und mir ist ein strahlend leuchtender Weihnachtsbaum, mit bunten friedlich baumelnden Weihnachtskugeln und fröhlich dreinblickenden Weihnachtsengeln viel, viel lieber und wichtiger im weihnachtlichen Sinne, als Fahrgeschäft und Duft ranzigen verbrannten Fettes – oder – strahlende Weihnachtspäckchen in Form von Tonnen, die gar nicht weit vor unser aller Türen pünktlich zum Fest der Region geschenkt werden.
    Vielleicht bin ich zu naiv, zu einfach strukturiert um die wahre Problematik der Weihnachtstanne zu erfassen, aber ich glaube wirklich, dass es hier in unserer Stadt Probleme ganz anderen Gewichts gibt, die einer öffentlichen und solch lauten Auseinandersetzung bedürfen.
    In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten und Unbeteiligten einen friedlichen, besinnlichen Start in die Adventszeit.

    • Manfred Peters 18. November 2010 um 22:55 #

      Gut, dass der LB online gestellt wurde. Die gedruckte Version, wenn überhaupt veröffentlicht, kann einige Überraschungen bringen.

      Ein gebrannter OZ-LB-Schreiber

      • Jost Aé 19. November 2010 um 10:46 #

        Warum so skeptisch? Warten wir’s ab. „Man sollte mit Allem rechnen, auch mit dem Schönen“!

  3. bigi 19. November 2010 um 11:02 #

    Ich bin überrascht – online in Gänze erschienen.
    LeserBrief OZ

    • Jost Aé 19. November 2010 um 11:11 #

      Kein Grund zur Überraschung: es ist die Regel.

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