4+1 – DIE ELEMENTE Uraufführung in Greifswald

9 Nov

Die andere Kritik (1)

Ralf Dörnen hat in Greifswald einen guten Namen. Seine Ästhetik besticht ein kleines, aber feines Publikum.

Dörnen hat ein Gespür für gute Musik, für Form und Farbe. Er hat ein Gespür für Menschen, die seine künstlerischen Ideen aufnehmen, umsetzen und beflügeln können. Das beginnt mit der glücklichen Auswahl junger Tänzerinnen und Tänzer, die er nicht nur benutzt, sondern die sich entwickeln dürfen unter seiner Leitung und der liebevoll-strengen Obhut seiner Ballettmeisterin Sabrina Sadowska.

Und so wurde auch die Uraufführung seines neuen Ballettabends wieder ein voller Erfolg!

Dörnen liebt die große Geste, schon in der Themenwahl. Diesmal soll Philosophie, soll das Nachdenken darüber, woraus die Welt besteht und was sie zusammenhält, zum theatralischen Ereignis werden – und wird es.

Es hebt an wie die Schöpfung selbst. Ein großartiges Panorama aus Licht, Farbe, Form und Musik, choreographisch sanft bewegt, tut sich faszinierend unseren Sinnen auf. Und dann das Erstaunliche – Dörnen verzichtet dabei auf das, was Ballett wesentlich ausmacht, auf das Ballett. Und dieser Verzicht ist Gewinn. Gewinn, der dem philosophischen Thema auf geniale Weise gerecht wird: der Mensch war nicht das Erste.

Klaus Hellensteins Bühnenbild, gleich einer Installation, macht dies erst kongenial möglich.

Kunst, so sie ihrem Namen Ehre macht, erlaubt uns immer wieder, überrascht zu sein, bewundern zu können, zu staunen, mitzufühlen und naiv uns zu erfreuen.

Dazu geben nun auch die dann bald zu ihrem Recht (Auftritt) kommenden Tänzerinnen und Tänzer. Kostümlich dezent sich ins Panorama einfügend, füllen sie Ralf Dörnens „choreographischen Bilderbogen“ mit bewundernswert kultivierter Körperbeherrschung. Es ist schön, zu beobachten, wie die verschiedenen Charaktere und die Persönlichkeiten der Tänzerinnen und Tänzer, je zu ihrer Zeit, den Gesamteindruck der vorwiegend kollektiven Leistung bereichern. Oder philosophisch gesprochen, Dörnen versteht die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem auf der Bühne sichtbar zu machen, ohne dass er von seinem jungen Ensemble verlangte, selbst tiefgründig zu agieren.

Ich fragte mich im Vorhinein, ob eine Ballettinszenierung dem Anspruch seines Themas einen ganzen Abend lang gerecht werden könne. Dörnen ist es gelungen, die gedankliche Schwere, die man vermuten durfte, schon durch die Wahl der Musik aufzulockern. Da gäbe es Schwereres zum Vertanzen. Und dankbar nahm das Publikum slapstickartige Einsprengsel auf, die in entsprechender Kostümierung für angenehme Heiterkeit sorgten.

„Das Dasein ist rund“ wird uns als Motto im Programmheft (Catrin Darr) angeboten. Auch als Deutung?

Vielleicht war das Dasein an diesem Abend ein bisschen zu rund – und zu lang. Manche Bilder verbrauchen sich schneller als andere. Zum Beispiel sich am Boden wälzende menschliche Körper. Und „zu lang“ ist eine Versuchung, der jeder, der sein Werk liebt, nicht ungern erliegt. Vielleicht aber auch ist die untergründige Absicht einer zu zeigenden Erkenntnis am Werk: dass das erlebte Dasein zwar rund, der Anfang aber allemal schöner als das Ende ist.

Dies allerdings tut dem Ganzen keinen Abbruch.

Ralf Dörnen und seiner künstlerischen und technischen Mannschaft ist eine Inszenierung gelungen, der noch viele fürs Ballett zu begeisternde Zuschauer zu wünschen sind!

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