„Unser Kapital war, dass wir kein Kapital hatten“

12 Okt

Leben in der DDR – ein morgendliches Innehalten und ein Blick zurück, ohne zur Salzsäule zu erstarren…

Morgenandacht vom 12. Oktober 2010
im Deutschlandfunk
von Rosemarie Wagner-Gehlhaar
aus Hamburg

„Unser Kapital war, dass wir kein Kapital hatten.“ Ein Satz aus einem Feature über das Leben in der DDR. Der ist irgendwie bei mir hängen geblieben: „Unser Kapital war, dass wir kein Kapital hatten.“ Irre daran finde ich, dass ja die DDR auf einer materialistischen Weltanschauung aufgebaut war. Aber weil es nicht soviel Materielles gab, wurde anderes wichtig. Zum Beispiel die Zeit. Davon hatten die meisten recht viel. Zeit für die Familie, Zeit zum Feiern, Zeit für Freunde, Zeit zum Lesen, zum Musikmachen. Der Cellist Jan Vogler ist in Ostberlin aufgewachsen. „Wir haben natürlich in der DDR viel gelesen. Das war wirklich toll, in den intellektuellen Zirkeln in Ostberlin“ schwärmt Jan Vogler noch heute. Seine Eltern haben ihn und die Geschwister „wirklich mit Wissen vollgestopft. Sie haben alles gelesen, was ihnen zwischen die Finger kam… und wir hatten natürlich die Ruhe. Die DDR war ja eher trist, also der Alltag war trist.“ Der Musiker bezeichnet es als einen Glücksfall, dass seine Eltern die Tristesse so kompensiert haben. „Die Musik war das Zentrum und da herum gab es Theater, Literatur, und natürlich die Bibel.“ Die stand auch imBücherregal seiner Eltern.
Über die Bibel haben sie schon als Kinder diskutiert. Jan Vogler hat seine Schulzeit im Ostberliner Musikkonservatorium verbracht. Dort waren auch die Söhne des damaligen Landesbischofs Forck: „Und wir haben natürlich viel über den Glauben diskutiert.“ Zumal die Kirche ein Auffangbehälter für die Opposition war: „Das war natürlich für uns auch ein Refugium, in dem man frei seine Meinung äußern konnte.“ Zumindest dachte man das, bis sie später erfahren haben, dass auch in der Kirche die Stasi am Werk gewesen ist. Trotzdem war die Kirche der Ort, wo ihnen die Türen geöffnet wurden und wo es noch Ideale wie Freiheit und demokratische Perspektiven gab. Die Bibel ist für Jan Vogler gerade im Zusammenhang mit der Musik nach wie vor ein „unglaublich faszinierendes Buch“. Ein Bibelvers ist das Motto seines Berufs: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ (Joh. 15, 11)
Das ist ein Zitat von Jesus und dieser Bibelvers beschreibt genau das, was der Cellist für seine Aufgabe hält: „Er passt sehr gut zu meinem Beruf, weil ich doch denke, dass wir Freude geben mit unserer Musik, und das ist auch mein Ziel, also, das ist ein ganz erklärtes Ziel von mir, dass ich das Leben schöner machen möchte für Menschen, möchte kommunizieren mit Musik, und ich glaub dieser Bibelvers sagt sehr viel darüber, dass es ständiger Anstrengung auch bedarf, um diese Freude in uns zu erhalten, und auch überhaupt Freude im Menschen zu erhalten, also, dass wir mit den Menschen kommunizieren müssen, damit die Freude bleibt, und diese Kommunikation mit Musik ist natürlich fast noch stärker als die Kommunikation mit Worten.“ Das Wort Freude bedeutet für ihn, sich einzumischen in die Gesellschaft, „und dafür zu sorgen, dass wir sensibel, ja, sensibler werden, dass wir menschlicher werden, dass wir uns mit diesen Idealen beschäftigen und wirklich etwas tun für unser Menschsein eigentlich.“ Und deshalb findet er den Vers so schön, „weil er wirklich mit ganz wenigen Worten alles darüber sagt, was man als ganze Lebensaufgabe sehen kann:
„Freude zu geben und daran zu arbeiten, dass die Freude in den Menschen bleibt.“ Das Wort „Freude“ vereint viele Dinge: „Bildung, Sensibilisierung, wirklich Wärme, Zusammenhalt, dort gibt es so viele Worte, die man dort rein projizieren kann.“ Dieser Bibelvers beflügelt seine
Phantasie, lacht Jan Vogler: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ Das kann man jeden Tag eigentlich ein bisschen anders auslegen.
Eine schöne Bestätigung von dem Satz: „Unser Kapital war, dass wir kein Kapital hatten.“

Zitate aus meinem Interview mit Jan Vogler vom 07.03.10

http://www.rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/deutschlandfunk/morgenandacht

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2 Antworten to “„Unser Kapital war, dass wir kein Kapital hatten“”

  1. Manfred Peters 12. Oktober 2010 um 17:12 #

    Da hören wir wohl morgens den gleichen Sender!
    Wer klärt aber den Widerspruch mit der Tristesse, die so einfach zu kompensieren war, auf?
    Wie können Eltern für ihre Kinder die vielen Defizite der heutigen Gesellschaft, sollten sie damit nicht zurechtkommen, kompensieren?

    • Jost Aé 12. Oktober 2010 um 20:32 #

      Das Wortspiel mit dem Kapital hat viele Facetten. Ich habe den Text eingestell, weil er den zwischen den Zeilen Lesenden verführt, nicht an der Oberfläche zu verweilen. Aber man darf durchaus auch erst einmal an der Oberfläche bleiben und die Kunde aufnehmen aus einem versunkenen Land, das man nicht kennt, weil man nie dort lebte, oder das man zu kennen vermeint, da man sein Leben dort verbrachte – denn wer kennt schon das Ganze?
      Und dann wieder die Fragen. Heute haben wir das Kapital. Der Mangel (sprich Armut) den die Fülle (sprich Kapital) schafft, ist wohl von anderer Art, trifft andere und wird nur selten durch Cello-Spielen zu kompensieren sei. Also geht das Fragen weiter – ein gesellschaftlicher Prozess im günstigsten Fall. Der Kommentar belegt genau das. Danke!

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