Joachim Gauck: „Bin ICH das?“

24 Jun

Rede im Deutschen Theater

http://www.joachim-gauck.de/Aktuelles/Reden/details/100622_grundsatzrede_dt.html

Ein Beitrag zur Diskussion um den Bewerber für das Präsidentenamt.

Es lohnt sich, sich einmal die Zeit zu nehmen und die umjubelte Rede des Kandidaten Gauck, die er im Deutschen Theater hielt, zu lesen. Grundsatzrede? Erst bescheiden von Gauck selbst dementiert, dann doch als solche auf seiner Homepage abgespeichert.

„Wenn ich mich Ihnen vorstelle, möchte ich meine Leitgedanken, meine politischen Schwerpunkte und Ziele nicht in Thesen fassen. Vielmehr möchte ich von Erfahrungen sprechen, die mich geprägt haben und den aus mir gemacht haben, der heute vor Ihnen steht. Es sind Erfahrungen, die die Leidenschaft für Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben.“

Gauck möchte das tun, was er kann – von sich sprechen:

„Über der ersten Begegnung mit dem Leben könnte ein Titel von Thomas Mann stehen: „Unruhe und frühes Leid“. Gauck ist Bildungsbürger und liebt das Pathos:

„Es war kein Zufall, dass ich mit zwölf Jahren dem Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel, mit dreizehn Jahren wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte und mit sechzehn am liebsten bei der Revolution in Ungarn mitgekämpft hätte.“

Wer Gauck gut zuhört, hört, dass er nicht nur sein Publikum davon überzeugen will, dass sie den Richtigen zum Kandidaten gekürt haben – er macht sich auch selbst Mut, Mut zur „Ermächtigung“ wie einst 1989, als er fragte: „Bin ICH das?“

Bedenklich werden Gaucks Schilderungen seiner biografischen Befindlichkeiten, wenn er schon bald das „Ich“ verlässt und sukzessive ein kollektives „Wir“ bemüht. Er vergisst, klar zu differenzieren zwischen seiner frühen Wir-Erfahrung:  „Immer wieder waren es Christen und Kirchenvertreter wie mein mecklenburgischer Landesbischof Heinrich Rathke, die mir Wegweisung und Mut gaben. Sie ließen mich glauben, dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz. Und indem wir sie annahmen, annehmen mussten, verloren wir zwar allerhand – aber nicht uns selbst.“ – also zwischen einem Minderheiten-WIR und einem anmaßend vereinnahmenden „Wir-sind-das-Volk“-WIR: „Damals setzten wir unsere Befreiung durch. Diese Erfahrung kann der Osten des Landes in die gemeinsame deutsche Geschichte einbringen und den Bewohnern im Westen unseres Landes schenken: Auch Deutsche können Revolution.“

Bedenklich auch, wenn Gauck sich in Volks-Psychologie versucht.  „Mehr noch als die Bewohner in Deutschlands Westen begleitet die Bewohner des Ostens deshalb eine Angst vor der Freiheit, die den schmerzlichen Prozess der Aufklärung und Säkularisierung auf dem Weg in die Moderne immer begleitet hat. Wir haben durch die Freiheit viel gewonnen, aber wir haben auch Bindungen, die äußere festgezurrte Ordnung und Sicherheit verloren. Für ihre Lebensplanung sind die Menschen nun selbst zuständig – aber zu dieser Eigenverantwortung sind einige nicht mehr, und andere noch nicht fähig. […] „Furcht vor der Freiheit“ hat Erich Fromm dieses Phänomen genannt. […] Sind wir wirklich hinreichend ausgestattet, so fragen sich die aus dem Paradies Vertriebenen. Sie sehnen sich nach der fraglosen Ordnung, die sie verließen, als sie aus freien Stücken den Apfel im Garten Eden nahmen und danach unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen landeten.“

Da geht denn doch der Pastor mit ihm durch und die Vergleiche hinken beträchtlich. Wurde das, was Gauck zynisch als „Furcht vor der Freiheit“ identifiziert, nicht erst post festum gerade durch Nicht-Aufklärung über die zu erwartende „Freiheit“ ausgelöst? Und muss der Paradiesvergleich nicht Jeden beleidigen, der Arbeit und Sorgen gehabt hatte? Und schließlich, verwechselt Gauck nicht die „Gefilde der Arbeit“, mit den nun allerdings ungewohnten Gefilden der Arbeitslosigkeit?

Die kommentierten Zitate können nur der Einstieg in eine Diskussion der Gauckschen „Grundsatzrede“ sein. Die Rede liefert dazu weiteres reichhaltiges Material.

Mein vorläufiges Angebot zu einem Resümee:

Gauck unterliegt der Selbsttäuschung, er könne als ein sich in der bürgerlichen Mitte verortender konservativer „Freiheitskämpfer“ ideologiefrei Bundespräsident aller Deutschen in Ost und West sein. Viele teilen diese Illusion. Die veröffentlichte Meinung hätschelt und die Politik nutzt sie.

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