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trauriger kalter kaffee

13 Dez

Ich wollte eigentlich nichts über “kein Kulturerlebnis” schreiben, denn ich hatte erlebt, wie Edward Albees “Ballade vom traurigen Café” in der Greifswalder Premiere erstarb. Ich gestehe, ich kannte das Stück nicht. Und ich kenne es auch heute noch nicht; ein unmissverständliches imperatives Missbehagen sagte mir: Das kann’s nicht sein! So verdrängte ich, was ich mit Pein erlebt hatte.

Herrn L.’s Anmerkungen (siehe unten!), die ich meinen Lesern empfehle, brachten mich dazu, mich, wenn auch nur fragmentarisch, zu erinnern:

… zum Schluss war da eine, man sagte mir hinterher, siebenminütige Schlägerei; zeitgemäß brutal zelebriert bis zum endlichen Totschlag – so hoffte ich jedenfalls, denn es sollte enden! In der Arena zwei ebenbürtige Schläger: Frau und Mann – psychisch. Gleichstellungsbeauftragte hätten da nichts zu meckern gehabt … wenn es das schon im Alten Rom gegeben hätte… nicht auszudenken!

… zum Schluss – aber es war denn doch noch nicht Schluss. Erstaunlicherweise – schlechtes Theater! – hatte man überlebt. Nach einer so bestialischen Prügelei hätte man alles dürfen, nur nicht überleben!

Und so gab es noch einen Auftritt in alter, “neurenovierter” Tristesse, und alle durften noch einmal ihre ausnahmslos hoffnungslosen, verkorksten, perversen usw. Charaktere über die Bühne schleppen. Blieb nur die Frage, wer hatte sie dazu gemacht? Da das Stück sinnigerweise von der Regie in den Osten der neuen Republik kurz nach 89 verlagert worden war, drängte sich zudem die Frage auf: waren die schon immer so, oder was hat da wen wohin gewendet? Beide als solche berechtigten Fragen lassen sich ernsthaft weder einzeln noch im Komplex beantworten, da ihre Voraussetzungen unsinnig sind. Das trifft den Kern der Inszenierung.

Nicht jeder Skandal deutet auf noch nicht vom Publikum verstandene Qualität/Kunst!

Greifswald hat bekanntermaßen nicht das dümmste Publikum, und das hat schon einiges, darunter auch Skandale von Rang erlebt .

Ein Rückblick:

Adolf Dresen schrieb in “Siegfrieds Vergessen”: 1964 war ich an einem kleinen, damals aber interessanten Theater im Norden der DDR, in Greifswald…” Daran war er nicht unschuldig. Er inszenierte “Hamlet”, gedacht von der Partei als Würdigung zu Shakespear’s vierhundertstem Geburtstag. Die Aufführung war nach Auffassungsvermögen der Genossen in der Kreisleitung ein Skandal; Wolfgang Heinz erkannte Dresens Genie und holte ihn ans Deutsche Theater nach Berlin.

Ähnlich erging es Gorkis “Nachtalsyl”, inszeniert von Herbert König 1984, nur landete König nicht am DT sondern im Westen. Noch heute sehe ich das Bühnenbild, offen bis zur Brandmauer der Hinterbühne, sehe Renate Krößner mit einem einstmals weißem antiken Kinderwagen und erinnere mich an das überragende Spiel aller Schauspieler, denen König neue und erstaunliche Seiten ihres Talents abringen konnte.

Und noch ein Shakespeare erregte Ärgernis bei den Genossen und Teilen des Publikums: “Was ihr wollt” (Regie: Martin Meltke, Premiere 1988) – war aber dennoch großes Theater, das während der Rekonstruktionsphase im heutigen, unsäglich benannten “Kaisersaal” stattfand. Und es war politisch, und das hatte man bemerkt: WAS IHR WOLLT! – WAS WOLLT IHR? – WAS; IHR WOLLT? usw. provozierte auf Spruchbändern!

Und davor noch, immer nah am Skandal, Peter Konwitschny 1981 mit “Gräfin Mariza” – letzter Akt als Schauspiel inszeniert, und 1982 “Schluck und Jau” von Gerhart Hauptmann…

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Ich wünschte dem Theater Vorpommern ab und zu solche, kreativen Talenten geschuldete, Skandale! Bedarf es dazu erst einer zu künstlerisch politischen Drahtseilakten animierenden hinreichend dümmlichen Administration, die Kunst zwar reglementieren, aber nicht einsparen darf? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei – aber wie dann? 

Zum Zweiten wünschte ich unserem Theater, dass das Balladendrama bald dem Vergessen anheimfällt! Das Publikum verzeiht gern, wenn es nur erst wieder mit begeisternden Bühnenereignissen beglückt wird.

“Peterchens Mondfahrt” für die Kleinen war doch schon mal ganz hübsch! Oder?

 Und nun:

Herr L. über ein Kulturerlebnis

Ich wollte mich überzeugen, schlichtweg überzeugen, ob das, was die Leute, die man ja verallgemeinernd als das Publikum bezeichnet, sagen, wirklich zutreffend sein könnte. Ich versuchte, ohne jegliche Erwartungshaltung oder gar hohe Ansprüche in die Welt einer Inszenierung einzutauchen, die in den letzten Wochen geradezu den Status des Stadtgespräches erlangt hatte….

Hans und Lea Grundig – Greifswalder Uni blamiert sich im Geiste E. M. Arndts

5 Nov

Velten Schäfer schreibt am 4. November im “Neuen Deutschland” erhellende “Anmerkungen” anlässlich einer Ausstellung von Werken beider Künstler in Greifswald.

Die Ausgebürgerte

Greifswald tut sich schwer mit seiner prominenten Künstlerin Lea Grundig

 Ernst-Moritz Arndt mit seinen antijüdischen Tiraden ist in Ordnung, die verfolgte jüdische Künstlerin Lea Grundig wird dagegen aus dem Andenken der Universität Greifswald gestrichen. Anmerkungen zu einer Ausstellung im Greifswalder »Pommernhus«.

Dass eine Lea-Grundig-Ausstellung in Greifswald einmal ein Politikum sein könnte, hätte man lange Jahre nicht gedacht. Schließlich ist die Malerin, Grafikerin und antifaschistische Widerstandskämpferin, die lange Zeit in Greifswald gelebt und gelehrt hat, eine der international bekannteren Vertreterinnen der kleinen Stadt mit der gernegroßen Universität; ihre Bilder und Grafiken werden vielerorts gezeigt. Und doch wird die Grundig-Ausstellung, die am 9. November in der Galerie »Pommernhaus« an der Knopfstraße eröffnet wird, einen tiefen Einschnitt in der Beziehung zwischen Stadt und Künstlerin markieren.

Nachdem die Greifswalder Ernst Moritz Arndt Universität im Winter bereits die Hans und Lea Grundig-Stiftung abgestoßen hatte, sind das Werk und die Person damit »privatisiert«. Das offizielle Greifswald hat Lea Grundig sozusagen ausgebürgert.

Die Geschichte ist provinziell und armselig. Denn um das Künstlerische ist es in dem Absetzungsprozess gegenüber Grundig, der auch im Caspar-David-Friedrich-Kunstinstitut der Uni schon Jahre andauerte, nie gegangen. Es ging ausschließlich um die Biografie der Künstlerin.

Lea Grundig, die 1906 in eine orthodoxe jüdische Familie geboren wurde, sich aber schon in jungen Jahren dem Kommunismus zuwandte, war Widerstandskämpferin gegen die NS-Herrschaft. Nach dem Krieg kehrte sie aus dem palästinensisch-israelischen Exil in die DDR zurück und engagierte sich in der Kulturpolitik. Ab 1964 war sie Mitglied des Zentralkomitees der SED und bis 1970 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler. 1977 verstarb sie während einer Auslandsreise.

Begraben ist Lea Grundig in Dresden, doch mit Greifswald verband sie ab 1972 der Kunstpreis der von ihr 1972 mit immerhin 48 000 Mark der DDR gegründeten Hans und Lea Grundig-Stiftung. Dieser Preis wurde von der Uni vergeben – bis die Verleihung 1996 aufgrund Grundigs DDR-Leben ausgesetzt wurde.

Der Fall Günter Regel

Zu einer offenen Debatte kam es kaum, über Jahre verwaltete die Universität das Stiftungskapital, ohne mit der Preisverleihung den Zweck der Stiftung zu erfüllen. Im Sommer 2009 kochte die schwelende Auseinandersetzung noch einmal hoch. Damals war an der Uni von einer Dissertation die Rede, die dem Thema differenziert auf den Grund gehen sollte. Doch obwohl eine solche Untersuchung bisher nicht vorliegt, übergab die Uni die Stiftung bereits im Februar 2011 an die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern. Die will ab kommendem Jahr den Preis wieder vergeben.

Persönlich wurde Lea Grundig vorgeworfen, an einer Maßregelung des Leipziger Kunstprofessors Günter Regel beteiligt gewesen zu sein. Inwieweit das aber tatsächlich stimmt, ist mehr als unklar. Professor Günter Bernhardt und Dr. Kurt Feltkamp, die beide schon vor der Wende in Greifswald lehrten, hatten gegenüber einer Zeitung damals eher das Gegenteil bezeugt: Lea Grundig habe Regel damals sogar gelobt. Doch auch das hat Lea Grundig nicht geholfen im posthumen Prozess über ihr Leben.

Es bleibt ein wirklich übler Nachgeschmack: Im »Fall« des Ernst Moritz Arndt, dessen antijüdische Tiraden zwar historisiert werden müssen, aber sich doch unappetitlich lesen und vom »Freiheitskämpfer« Arndt nicht einfach abgespalten werden können, hat die Uni stets die Position bezogen, dass solche Widersprüche im Leben historischer Personen eben ausgehalten werden müssten. Im Fall der verfolgten Jüdin ist Zweideutigkeit dagegen nicht erlaubt.

Unbekannte Zeichnungen

Es ist also ein düsteres Ambiente, in dem das »Pommernhus« nun Grundigs Bilder aufhängt. Zu sehen sind Werke aus dem Zyklus »Im Tal des Todes«, einer der ersten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Erstmals gezeigt werden auch bislang kaum bekannte Zeichnungen von Hans Grundig.

Es wird bei einem Rundgang beschämend sein zu wissen, dass sich die Greifswalder Nachwendeuniversität das Urteil anmaßt, Lea Grundig habe aus ihrem Erleben die falschen Konsequenzen gezogen.

Dembski (SPD) unterstützt CDU (Kuder) – eine Glücksfalle für die SPD?

11 Sep

“Die SPD unterstützt Justizministerin Uta-Maria Kuder in der Landrats-Stichwahl im Kreis Vorpommern-Greifswald. Das erklärte der SPD-Kreisvorsitzende Ulf Dembski im Anschluss an eine gemeinsame Sitzung des SPD-Kreisvorstands und der neu gewählten SPD-Kreistagsmitglieder.” (aus einer PresseInfo vom 8.9.11)

Gewiss bleibt es einem gescheiterten Kandidaten unbenommen, seinen Wählern für die Stichwahl eine Wahlempfehlung zu geben. Die SPD auf Kreisebene aber insgesamt in Haftung zu nehmen ohne in den Ortsvereinen die Wahl ausgewertet zu haben und sich einer Zustimmung zu diesem politisch ja nicht belanglosen Vorhaben zu versichern, halte ich für eine Verletzung innerparteilicher demokratischer Anstandsregeln.

Politisch nachvollziehbar ist dieser Schnellschuss nicht. Im Gegenteil. Was als Begründung angegeben wird, ist wenig überzeugend, fadenscheinig, perfide.

Ohne Not hat sich die SPD der CDU als Partner angedient, oder hat sie sich dies erst mit der Verpflichtung, Kuder zu unterstützen v e r-dient? Was noch nach der letzten Kommunalwahl bei der Greifswalder SPD-Basis auf wenig Gegenliebe und Widerspruch gestoßen war – die Idee einer Kooperation mit der CDU, soll nun, an der Basis vorbei, auf der neuen Kreisebene formell ins Werk gesetzt werden.

Woher nehmen die Genossen die Gewissheit, dass der neue Landkreis nur im Verein mit Hochschild, König und Liskow “solide geführt” werden kann? Freilich ist es machtpolitisch verführerisch, mit dieser “Kooperation” über 33 Sitze zu verfügen, die allerdings im Ernstfall nur über eine  Mehrheit verfügt unter der Voraussetzung, dass der “demokratische” Rest von 30 Abgeordneten sich moralisch verpflichtet, nie mit der NPD (6 Mandate) gemeinsam zu stimmen.

Aber die NPD muss auch ganz offen für die Begründung der Kooperation herhalten. Syrbe sei per se nicht wählbar: sie intrigiere, sie könne Haushaltssanierung nicht und sei für das bedauerte Wahlergebnis verantwortlich: “Das starke NPD-Ergebnis im Kreistag ist ein Ausdruck dafür, dass dort einiges im Argen lag.” so Dembski (Martina Rathke – OZ vom 9.9.11).

Das ist denn doch etwas starker Toback. Solch simple Deutungsversuche, die augenscheinlich die Realitäten vor Ort gründlich verkennen, lassen für Hoffnung auf Besserung der Lage wenig Raum. Zumal gerade wieder diesbezüglich den Parteien einiges ins Stammbuch geschrieben wurde. Z. B.: Anklam (dpa)  “Die etablierten Parteien in Mecklenburg-Vorpommern haben es aus Sicht des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Anklam nicht geschafft, die NDP-Stammwähler auf dem Land zu erreichen.”

Ob diese eilige Positionierung den Bemühungen in Schwerin, aus dem guten Landtagswahlergebnis für die SPD eine entsprechende Regierungspraxis zu gestalten, förderlich ist? Ich gehöre zu denen, für die das vor Ort eher ein Ärgernis ist – kein Glücksfall !

Erwin Sellering – ein Glücksfall für die SPD und für Greifswald

8 Sep

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt! Wenn man es genau nimmt, hat nicht mal die Hälfte gewählt. Ihren Wahlzettel in Empfang genommen haben zwar 51,4 Prozent, aber knapp fünf Prozent haben ihre Stimme verungültigt - für das eigentliche Wählen fielen sie damit aus.

Erwin Sellering, der von der Springer-Presse und anderen vergeblich ob seiner Haltung zum Afghanistankrieg und seiner intelligenten Einschränkung der Unrechtsstaatsdoktrin im Vorfeld der Wahl heftig bekämpft wurde, hat sich den Mecklenburgern und Vorpommern unspektakulär als der bessere Kandidat empfohlen. Seine ruhige und offene Art auf “die Menschen” zuzugehen, weit entfernt von Arroganz und von auch in seiner Partei grassierender Wirklichkeitsferne, kam im Nordosten unserer Republik gut an und hat ihm die Sympathie seiner Wähler und besonders wohl auch seiner Wählerinnen beschert -  in einem Maße, wie er es selbst kaum vermutet haben wird. Mit der Unterschätzung des für die Medien bislang “blassen Kandidaten” ist es seit der Wahlnacht vorbei. Es herrscht Einigkeit darüber: Dass die Landes-SPD ihr Ergebnis gegen den Trend um 5,4 Prozent verbessern konnte, hat sie Sellering zu verdanken.

Greifswald war bislang eine Hochburg der Schwarzen. Erstmals gab es nun für die SPD in Greifswald bei Landtagswahlen ein Traumergebnis: 27,5 Prozent (CDU 23,4)! Sellering holte in der Hansestadt sein Direktmandat mit 41,4 Prozent, das heißt, 14 Prozent der Stimmen kamen von Wählerinnen und Wählern, die ihre Zweitstimme anderen Parteien gaben.

Der Vollständigkeit halber: für die ansässigen Genossen war das Ergebnis der gleichzeitigen Kreistags- und Landratswahl weniger fulminant. Landratskandidat Ulf Dembski z. B. konnte mit 23,4 Prozent der Stimmen 18 Prozent weniger Greifswalder hinter sich versammeln als sein Parteichef und gerade mal ganze 36 Wähler mehr, als der abgestrafte Greifswalder Bürgerschaftspräsident Liskow (CDU), dem mit seinem Ergebnis der Wiedereinzug in den Landtag misslang.

Nach dem Triumph kommt nun für Sellering die erste, vielleicht gravierendste Bewährungsprobe. Heftig, von Interessen und Begehrlichkeiten geprägt, wird öffentlich und hinter verschlossenen Türen um die Lösung der Koalitionsfrage gerungen. Wenn man gewillt ist, den Trend der Wahl und damit den sogenannten und oft missbrauchten Wählerwillen zur Kenntnis und ernst zu nehmen, bleiben viele Möglichkeiten nicht. SPD, GRÜNE und LINKE haben in der Wählergunst zugelegt, CDU, FDP und NPD haben verloren: CDU relativ viel, FDP desaströs und NPD immerhin signifikant. Anerkanntermaßen sind die Schnittmengen mit den LINKEN größer als die mit der CDU.

Bei allen möglichen machtpolitischen Spielchen, Einfluss- und Rücksichtsnahmen, mit denen zu rechnen ist, bleibt zu hoffen, dass die Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie bei den Bürgern durch die notwendigen Entscheidungen nicht geschwächt wird. Die Wahlergebnisse verunmöglichen diesmal das Argument, dass nur mit der einen oder anderen Partei eine stabile Regierung möglich sei!

Wäre noch anzumerken: Das allgemeine und medial verstärkte Erschrecken und Bedauern über den Wiedereinzug der NPD in den Landtag sollte sich in ein ernsthafteres Nachdenken über die Gründe wandeln. Das Problem der sukzessiven Zerstörung einer demokratischen Gesellschaft liegt nicht in ihren Rändern, sondern in ihrer Mitte – denn genau dort ist die Ohnmacht der Politik allenthalben zu beobachten. Oder, wie ich es bei Hans-Dieter Schütt im “Neuen Deutschland” gelesen habe: “Das rettende Gegenteil von Neonazismus ist nicht Antifaschismus, sondern bleibt: eine funktionierende Demokratie.” Aber das ist dann auch schon wieder ein eigenes Thema!

Theater Vorpommern: Intendantensuche – oder der versäumte Blick nach Osnabrück

27 Feb

Ein rechtzeitiger Blick nach Osnabrück hätte die Verantwortlichen lehren können, wie man Voraussetzungen für eine erfolgreiche Intendantensuche schafft. Aber, zumindest im Greifswalder Rathaus, scheint man mehr am “Osnabrücker” Know-How für erfolgreiche Immobiliendramaturgie interessiert zu sein.

Wie viel Naivität und Arroganz muss am Werkeln sein, wenn man in den Amtsstuben meint, die beiden Interimsgeschäftsführer – sie gaben bisher gewiss schon ihr Bestes – könnten auch nur im Entferntesten das leisten, was man von ihren potentiellen Nachfolgern in den Ausschreibungen gefordert hat und was an Kompetenz für all das, was jetzt ansteht, dringenst benötigt wird!

Was steht an?

1. Die Verhandlungen “hinsichtlich der vom Land geforderten Kooperationen bzw. Fusionen”. Das beinhaltet doch zumindest ein überzeugendes, vor allem künstlerisch fundiertes Konzept, mit dem man in die Verhandlungen gehen will – hängen doch gerade davon auch die Arbeitsplätze des künstlerischen Personals ab. Und davon wiederum

2. die Gestaltung der künstlerischen etc. Personalstruktur. Was im Klartext auch bedeutet, die notwendigen Kündigungen bzw. Nichtverlängerungen termingerecht vorzunehmen.

Soll dies alles im Dunstkreis der überfälligen “Heimleitung” (im weitesten Sinne) geregelt werden?

Seit langem war nicht nur zu vermuten, sondern es musste (und wurde wohl auch) damit gerechnet werden, was Eckehard Nitschke, derzeitiger Aufsichtsratschef, als Konsequenz der verschleppten Ausschreibung erklärte: “… dass wir die beiden Herren bitten werden, die Geschäftsführung eins, zwei, drei Monate weiter auszuüben.” (OZ/HGW.LOKAL 26. Febr. 2011). – Oder auch vier, fünf, sechs Monate – wer könnte das ausschließen? Die beiden Herren werden sich nicht zweimal bitten lassen!

Der zitierte OZ-Artikel lässt dazu passend auf ein merkwürdiges Chaos bei der Auswahl der Kandidaten schließen. Da ist die Rede davon, der Landkreis Rügen hinke “mit seinen Favoriten hinterher.” Ja, wie denn? Soll sich jeder Gesellschafter eigene Favoriten küren? Ohne Beratung? Oder mit? Bekommen sie schon eine Vorauswahl geliefert oder die Unterlagen aller insgesamt 55 Bewerber? Wer, wenn, trifft die Vorauswahl? Ohne Beratung? Und wenn mit, wo und wann holen sich die Gesellschafter (und der Aufsichtsrat?) den notwendigen “Sachverstand” ein, um keinem “Schaumschläger” aufzusitzen?

Es wäre an der Zeit, der Öffentlichkeit die “Findungskommission” namentlich vorzustellen oder ihre Existenz als Erfindung besorgter Theaterfreunde zu dementieren!

Apropos: Osnabrück!

Erfolgreiche Intendantensuche in der Partnerstadt

“30.03.2010 (!)

(nmz/kiz) – Osnabrück – Der Operndirektor des Augsburger Theaters, Ralf Waldschmidt, wird mit Beginn der Spielzeit 2011/12 neuer Intendant des Osnabrücker Theaters. Der 49-jährige wurde am Dienstag einstimmig von einer 20-köpfigen Findungskommission gewählt und setzte sich damit gegen 70 Mitbewerber durch…”

“…Der ehemalige Intendant des Wiener Burgtheaters, Gerd Leo Kuck, lobte als Mitglied der Findungskommission den Mut der Osnabrücker Politiker, die dem Theater angesichts finanziell knapper Mittel eine zentrale Bedeutung in der Stadt zuwiesen…”

Theater Vorpommern – Intendantensuche: unprofessionell oder mit Methode?

23 Feb

Seit nunmehr gut einem Dreivierteljahr behandeln die kommunalen Gesellschafter die Zukunft des Theaters offensichtlich als geheime Verschlusssache, als befinde es sich in privater Hand. Wo notorisch Transparenz vermieden, wo verschleppt und ausgesessen, wo getrickst und gekungelt wird, da wächst Raum für Spekulationen.

Was bisher an Informationen über die Medien in die Öffentlichkeit drang, war lapidar und widersprüchlich. Natürlich ist die Kommunikation und die Abstimmung zwischen den drei Gesellschaftern ein Problem. Das kann aber nicht als Ausrede für mangelhaft wahrgenommene Verantwortung dienen; und wenn sich das zum Schaden des Theaters und seiner Belegschaft auswächst, dann ist da was faul.

Spätestens seit der fristlosen Entlassung des Intendanten war die Suche nach einem neuen künstlerischen Gesamtleiter dringend geboten. Vielfach angemahnt, wurde sie so lange wie möglich verschleppt. Ausrede: man wisse nicht, bzw. man könne sich nicht darüber einigen, was man wolle. Was wollte man denn überhaupt? Was waren die Präferenzen Greifswalds, Stralsunds oder Rügens? Offensichtlich Unterschiedliches. Schon das hätte in die Öffentlichkeit gehört. Obwohl man in den „Rathäusern“ wusste, wann die Zeit der kommissarischen Leitung abgelaufen sein würde, gab es im Oktober noch immer keine Ausschreibung! Es gab eine Verlängerung für die amtierende Geschäftsführung bis zum äußersten Limit, dem 31. März 2011.

Kurz vor Jahresultimo dann ein hinter verschlossenen Türen ausgehandelter Kooperationsvertrag mit der Anklamer Bühne. Vorbei an doch eigentlich zuständigen, hoffentlich überraschten Gremien. Stattdessen wurden selbstherrlich Fakten geschaffen, die die Zukunft des Theaters nicht unerheblich tangieren. Natürlich unter Zeitdruck!

Eine Woche später dann endlich die Ausschreibungen. Hier der Text für die Stelle Intendantin/Intendant und ein fast gleichlautender – für kaufmännischen Leiter/Leiterin. Den potentiellen Bewerbern wurden fünf Wochen(!) Zeit gegeben, sich zu bewerben. Dienstantritt „nächstmöglich“. Die Stellen sind ab 1. April vakant. Das stand aber nicht drin. Was versprach man sich bei der Ausschreibung von diesem Zeitfenster? Warum wurde ein solcher Zeitdruck aufgebaut? Welcher nicht gerade arbeitslose Bewerber könnte denn realistischerweise am 1. April antreten?Man erinnere sich, von OZ nach ihrer Zukunft befragt, würde einer der Interimsgeschäftsführer, Herr Westphal, gern die „begonnene Arbeit auch zu Ende führen“. Hat er sich beworben? Zumindest könnte er ja garantieren, dass das Theater nicht plötzlich geschäftsführerlos dastünde! Und da man sowieso nur noch einen Geschäftsführer haben will (OZ  11.12.10), wäre dann doch dies Problem mit ihm schon mal gelöst.

Inzwischen haben nun auch die beiden Amtierenden ihr Auftragswerk vorgestellt. Wieder hinter verschlossenen Türen, wie OZ Lokal HGW 19./20.02.11 berichtete. Warum eigentlich? Was nach außen dringen durfte, teilte Stralsunds Oberbürgermeister der Presse mit. Das Erstaunlichste ist, dass dabei von Einem nicht die Rede war: von dem neuen Intendanten und dessen angedachter Rolle!

Und es lässt erstaunen – das Selbstverständnis der Gesellschafter. Die hatten z. B. „den Geschäftsführern bereits signalisiert, dass dieses Modell [„das Gespenst einer Spartenschließung“] nicht weiter zu verfolgen ist.” Gewiss, keiner will Spartenschließungen. Aber Punkt 2a des abzuarbeitenden Prüfauftrags der Bürgerschaft lautet: „Spartenverkleinerung, notfalls Spartenschließung“. Ist kein „Notfall“ mehr gegeben? Dann muss aber auch nicht flächendeckend stückweise abgebaut werden. Und wenn, wer entscheidet sinnvoll darüber?

 

Und, wer soll die „personellen Einschnitte realisieren“, wenn nicht rechtzeitig ein Intendant gefunden wird, der die Notfall wendende Drecksarbeit zu erledigen gewillt ist? Von dem werden ja immerhin „eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, sehr gute Führungsqualitäten sowie Innovationsstärke erwartet.“ Und „im Hinblick auf die bevorstehenden betriebswirtschaftlichen notwendigen Neu- und Umstrukturierungen des Theater Vorpommerns sind Einfallsreichtum und Verhandlungsgeschick mit entsprechendem Durchsetzungs- und Organisationsvermögen Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung.“

 

Wie soll der neue Intendant seine ganzen tollen Talente ausleben? Oder anders gefragt, würde einer, der diesen Forderungen entspricht, überhaupt kommen, so für ihn diesbezüglich schon alle Messen gesungen sind? Will man überhaupt einen?

 

Und da erhebt sich schon eine weitere Frage: Wer eigentlich sucht „die Favoriten“ aus den 45 Bewerbern aus, die bis Mitte März sich vorgestellt haben sollen? Andernorts gibt es Findungskommissionen, nach Möglichkeit hochkarätig und mit einigem Theaterverstand gesegnet – wie in Bremen. (Siehe auch: Pressemitteilung des Senators für Kultur!) Alles offen und öffentlich! Warum nicht so in Vorpommern?

 

Also Findungskommission – vorerst Fehlanzeige. Unter der Hand wird vermutet, dass Rüdiger Bloch, Intendant vor Nekovar, wieder berät. Was auch läge aus Sicht der Verwaltung näher, als auf die Schnelle Bloch einzubeziehen, hatte der doch im Verein mit Hans-Jörg Schüler, dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, schon bei der letzten Intendantensuche  vorauswählend mitgemischt!

 

Was steht bei alledem zu hoffen? Und – wie will man sich gegenüber den Plänen der Landesregierung erfolgreich positionieren, wenn man dergestalt handelt? Das Schlimmst ist aber, wenn die Bürger des Ganzen schließlich müde werden. Die Bürgerinnen und Bürger – das Publikum unseres Theaters!

 

Trotzdem, wie heißt es so schön: Man sollte mit allem rechnen, auch mit dem Schönen!

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