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“Nach dem Ende” oder die Aufgabe der Scham

27 Mar

Pornographisches am Theater Vorpommern  Die andere Kritik (7)

 

Am 28. November hatte „Waisen“ von Dennis Kelly, inszeniert von Julia Heinrichs, im Greifswalder Rubenowsaal Premiere. Wie ich damals fand, eine rundum respektable Leistung des Schauspiels unter der Ägide des neuen Intendanten Dirk Löschner.

Am 10. März nun gab es am selben Ort wieder eine Premiere: „Nach dem Ende“, ebenfalls von Dennis Kelly, diesmal eine Übernahme aus dem Theater der Altmark Stendal. Regie: Julia Heinrichs; Dramaturgie: Sascha Löschner.  

Nach spätem Einlass: ein Zuschauerpodest und eine davor aufgebaute Guckkastenbühne (Bühne und Kostüme: Julia Heinrichs). Im dämmrigen Schatten des Saallichts warten, links und rechts postiert, Louise (Frederike Duggen) und Mark (Sören Ergang) auf den erlösenden Stückbeginn. Den bringt ein Lichtwechsel. Man befindet sich in einem karg möblierten Raum, links metallenes Doppelstockbett, rechts Kiste, an der Decke Neonröhren und eine Luke mit Kette. Betongrau.

Das Zweipersonenstück beginnt mit einem reichlich chaotischen Dialog, aus dem sich erst nach und nach erschließt, was die beiden in diesen unwirtlichen Raum gebracht hat und sie dort gefangen hält. Was sie reden, bleibt ambivalent, wie ihr beider Verhalten. Louise, die einen Filmriss hatte, beginnt an Marks Ehrlichkeit zu zweifeln. Verdächtigungen. Mutmaßungen über das, was wirklich passierte, und die Absichten von Mark.

Vor unseren Augen entwickelt sich eine Beziehungskiste unter verschärften, ausweglos erscheinenden Bedingungen. Dass “Nach dem Ende”, so Sascha Löschner, “die ultimative Parabel auf den 11. September und seine Folgen”* sei, scheint weit hergeholt und bleibt für das Geschehen auf der Bühne unerheblich.
Seine Dynamik erhält das Beziehungsdrama durch vielschichtige, dennoch durchsichtige Motive, die den unterschiedlichen Charakteren und einem fragwürdigen geschlechterspezifischen Rollenverständnis der beiden geschuldet sind.

Mark und Louise werden in ihrer hoffnungslosen Verstrickung blind für die mörderischen Konsequenzen, die sie heraufbeschwören. Angst und Machtrausch, je nach erkämpftem Besitzwechsel eines längeren Küchenmessers. Die Handlung treibt unaufhaltsam in die Katastrophe. Die Rettung kommt in letzter Minute von außen.

‘Nach dem Ende’, so ist auch die Schlussszene überschrieben, besucht sie ihn im Knast. Er unterzieht sich gerade einer Therapie, sie hat die ihre abgebrochen, sie kann mit ihrer Therapeutin nichts anfangen. Sie provoziert ihn mit kleinen Grausamkeiten, die nicht mehr verfangen. Er will keinen Streit mit ihr.  Eins aber wird klar, auch sie ist nun von ihm abhängig – ein Ende dieser Geschichte ist nicht abzusehen.

Frederike Duggen, die am Abend zuvor die „Julia“ gab, spielt die „Louise“ mit großer Härte und zynischer Stringenz, völlig aufgehend und zum Untergang bereit in einer Art Geschlechterkampf gegen das „Arschloch“ Mark. „Ewig hinanziehend Weibliches“ ist in ihrer Rolle nicht angelegt. Ob sie ihrer Koketterie, mit der sie Mark zu provozieren hat, ein wenig Charme hätte beifügen können? Aber es war auch so gut. Denn wollte man Zeitbezüglichkeit herstellen, dann bot sich ja genau hier eine Gelegenheit: seelenlose Gesellschaft – psychische Verkrüppelung.  

Mark (Sören Ergang) ist in Wahrheit der Unterlegene, der geistig Schwächere, ein in Louise verliebter Loser, der den ständigen Herabsetzungen durch sie nicht gewachsen ist. Ebenso wenig kann er mit der schlecht kalkulierten, vielleicht sogar spontanen Entführung Louises umgehen. Ergang spielt mit großer Überzeugungskraft die für Mark nicht aushaltbare Erkenntnis, dass sein Liebeskonzept nicht aufgeht, dass er auch trotz Einsatzes seiner körperlichen Überlegenheit bei ihr nicht zum Zuge kommt.

So weit, so gut, wenn es denn dabei geblieben wäre!

Die Regisseurin geht mit der Zeit. Sie scheint sich einer Art “Marktprinzip” verpflichtet zu fühlen, wonach jedes neue Modell die alten toppen muss, und sei es im Äußerlichsten. So verfiel sie darauf, in ihrer Inszenierung all das zeigen zu wollen, worum sich die anderen bisher „herumgedrückt“* hatten.

Für Sören Ergang bedeutete das, die „Herausforderung“ annehmen zu müssen, „in dem Stück im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen zu lassen, schutzlos zu sein.“* Zitat: „Als Schauspieler keine Scheu zu haben, alles zuzulassen – das musste ich so radikal vorher noch nie.“* 

Worum ging es?

Zum Beispiel um folgende Regieanweisung des Autors aus dem Textbuch:

 „Sie sitzt angekettet an ihr Bett, er sitzt am Tisch, masturbiert, spricht mit sich und murmelt unverständliche Wortfetzen. Er blickt bewusst zu ihr rüber, aber so, als wäre sie gar nicht da. Das geht so eine ganze Weile. Er kommt. Wischt sich mit den Dungeons und Dragons-Blättern ab. Sitzt keuchend da, seinen Schwanz in der Hand. Er sieht sie von unten an, als nähme er sie zum ersten Mal wahr. Senkt den Blick. Beginnt zu weinen. Fängt an, an sich herumzuspielen. Bekommt eine Erektion. Masturbiert wieder, starrt sie an, immer noch weinend. Sie starrt ausdruckslos ins Nichts.“

Die Regie will das ernst nehmen. Das schwarz auf weiß Gedruckte scheint zu suggerieren, es sei wörtlich gemeint.

In einem Roman ginge diese pornographische Szene so durch. Aber auf der Bühne?

Ernstnehmen scheint hier zu bedeuten, so viel zu zeigen, wie physisch in der stressbesetzten Bühnensituation möglich ist. Und Hinrichs setzt es durch, und Ergang um: Marks entblößten Unterleib, seinen Schwanz und dessen Manipulationen sowie das geforderte Keuchen. Erektion und Ejakulation („Er kommt.“) wird der Phantasie des Betrachters überlassen.

Vorab berichtet die Presse: „Nichts für schwache Nerven“*. Nicht nur dem Schauspieler, auch „den Zuschauern werde nichts erspart.“* Allerdings, was da genau passiere, wollten „Löschner und die Regisseurin nicht verraten.“*

Die Regie ging mit den pornographischen Momenten der Textvorlage um, als produzierte sie Filmszenen. Sie vernachlässigte, dass das Verhältnis zwischen den Darstellern auf der Bühne und ihrem Publikum ein gänzlich anderes ist als beim Film – insbesondere bei entsprechenden Filmen.

Ein Schauspieler spielt in der Regel peinliche Situationen seiner Figur, ohne dass ihm das peinlich sein müsste, wenn er denn gut spielt. So wie der Zuschauer sich nicht für den Schauspieler schämen muss, da er ihn nicht mit der von ihm gespielten Figur verwechselt.

Masturbieren ist nun anerkanntermaßen sowohl eine intime als auch triviale, als solche schon im Tierreich anzutreffende Handlung zur sexuellen Lustgewinnung. Sie ist beim Menschen situationsbedingt an ein gewisses Schamgefühl gebunden. Spricht man doch auch nicht von falscher Scham, wenn einer dies in aller Öffentlichkeit zu tun vermeidet. Im Gegenteil.

Um auf die zitierte Regieanweisung zurückzukommen: Man kann und  man muss sie deuten als die Beschreibung dessen, was auf der Bühne zwischen den Protagonisten geschieht, nicht als Beschreibung von etwas, das eins zu eins vom Zuschauer gesehen werden soll. Das heißt, dem Publikum muss nicht, ja darf nicht in natura vorgeführt werden, dass und wie masturbiert wird. Nur so ist der Zuschauer kann frei ermessen, was es für Mark und Louise bedeutet, wenn er es in dieser Situation in ihrer Gegenwart tut.

Es ist also ein grobes Missverständnis, zu meinen, die platte Konfrontation mit dem obszön Trivialen wäre das vom Autor Gewollte. Denn indem man das Masturbieren indiskret am entblößten Subjekt zeigt, entzieht es sich, wie oben gezeigt, seiner eigentlichen dramaturgischen Bedeutung, fällt sozusagen aus dem Rahmen des Stücks, verselbstständigt sich und wird, quasi ins Performatorische gewendet, zum Selbstzweck.

Während sich Louise von Marks demonstrativem Sichselbstbefriedigen wenig beeindrucken lässt,  soll dem Publikum genau dies nicht erspart werden. Warum eigentlich?

Das Publikum dergestalt zum Objekt zu machen, rächt sich. Denn dramaturgische Absicht kann nicht sein, was nun passiert:

Das Publikum kann den Schauspieler und seine Rolle nicht mehr unterscheiden. Die Leute versetzen sich in seine Lage als Tabubrecher, sie fühlen sich in den Menschen ein, sie empfinden die Scham dessen, der sich nicht schämen darf. Da hilft auch nicht, dass Ergang beteuert: „Die Psychologie dieser Figur hat mit mir nichts zu tun.“* – Das Triviale hat als Selbstzweck der Regie von ihm Besitz ergriffen … Es ist nur peinlich!

Denn: Tabubruch wird nicht zu Kunst, nur weil man ihn auf der Bühne begeht. Der Mut, den die Regisseurin hier vom Künstler verlangt, hält keinem künstlerischen Kriterium stand, er ist kein Mittel, künstlerische Horizonte und Fähigkeiten zu erweitern, was gleichermaßen Künstlern und Kunst diente. Dieser Mut taugt einzig dafür, berechtigte Scham zu überwinden, gewissermaßen schamlos zu machen. Dieser Mut lässt den Künstler zum Mittel ehrgeiziger Willkür werden.

Das alles bleibt nicht folgenlos: Es beschädigt die Person des Darstellers, die Inszenierung selbst und nicht zuletzt die Idee eines humanen Theaters. Unabdingbar stellt sich deshalb die Frage nach künstlerischer Verantwortung und einem Berufsethos, das sich der Wahrung der Würde eines jeden einzelnen Menschen verpflichtet fühlt!

*Zitat aus Greifswalder OZ/Lokal vom 9./10 März 2013

 

Romeo und Julia am Theater Vorpommern

15 Mar
SHAKESPEARE ODER BRASCH ODER WAS – Die andere Kritik (6)

Am 2. März gab es am Theater Vorpommern in Greifswald eine Premiere. Auf dem Spielplan stand:

 William Shakespeare/Thomas Brasch
Romeo und Julia –
Liebe Macht Tod

Was durften die Besucher auf diese Ankündigung hin erwarten? Die älteren kennen ihren Shakespeare mehr oder weniger, die Jüngeren eher nicht. Aber wer kennt Thomas Brasch? Ließ sich das Theater durch diesen Umstand dazu verleiten, Etikettenschwindel zu betreiben? Grundlage der Inszenierung war doch immerhin nicht Shakespeare, sondern Thomas Braschs

 LIEBE  MACHT TOD
oder
Das Spiel von Romeo und Julia
nach William Shakespeare

Das ist dem Programmheft nicht zu entnehmen. So bleibt im Trüben, was das Publikum berechtigt ist zu erfahren. Auch sonst ist auf den 26 Seiten nichts Erhellendes über das Zustandekommen, über Ideen oder Absichten dieser Inszenierung zu erfahren. Leider!

Wer Brasch gelesen hat, kann feststellen: Shakespeare wird von Brasch auf hohem Niveau auf für ihn Unverzichtbares reduziert und mit neuen Elementen angereichert. Seine Adaption wurde so zu einem eigenwilligen und eigenständigen Stück. Die Regie/Dramaturgie (André Rößler/Sascha Löschner) dünnt nun wiederum Brasch erheblich aus und nimmt ihm dabei genau das, was seine Originalität ausmacht. Die Wahl fiel vermutlich auf Brasch, weil dessen Übersetzung der Regie  geeigneter erschien, sexistische und sexualisierende Sequenzen deutlicher herauszuarbeiten, da sie nicht versuche „Shakespeare zu glätten“ (Roßner/OZ) und sie “die derbe Sprache … des Elisabethanischen Zeitalters“ wiedergebe. Diese dann ins Pubertär-Ordinäre zu transponieren, bleibt anscheinend schon obligatorischem Onanier- und Kopulationsgebaren vorbehalten.

Ob diese Tendenz nun wirklich für eine Kritik an „der heutigen Zeit des Turbokapitalismus“ (OZ) taugt, die im Übrigen als Fehlanzeige verbucht werden kann, oder ob es eher auf eine Banalisierung von Theater selbst zurückweist, das einem kaputten Zeitgeist erliegt, statt ihm zu widerstehen, mag der Zuschauer selbst entscheiden.

Worum es sich nun aktuell bei Shakespeare/Brasch handelt, die eigentliche Handlung, wird durch Streichungen, Umstellungen, Zusammenfassung von Rollen und Simplifizierungen von Ort und Zeit sinnvoll nicht mehr nachvollziehbar.

Dazu trägt bei, dass die vom Regisseur bemühte „Zeichenhaftigkeit“ (OZ) des Theaters, die angeblich so „viel mehr bewirken“ kann als „eine historisierende Aufführung“, sichtlich überstrapaziert wird. Wo Sinn fehlt, kann auch ironisch Gemeintes nicht weiterhelfen. Wird bei  Brasch noch Gift genommen, erstochen und erschlagen, um ins Jenseits zu befördern, wird dies nun durch Laser-Schwertimitationen, ein zu kompakt geratenes Rasiermesser, eine schallgedämpfte Pistole oder schlicht durch einen am Herzen zu zerdrückenden Luftballon erledigt. Eine Videowand sendet hintergründige sich bewegende Bilder und designte Lichteffekte zu vordergründiger Handlung, und bei Jugendlichen beliebte Metal-Sounds untermalen Prügel- und Fechtszenen. Und…  jeweils in Grün oder Rot gehaltene Kostüme werden bemüht, die verfeindeten Familien besser kenntlich zu machen. Und…

Überhaupt, die Kostümierung (Simone Steinhorst)! Sie ist wenig geeignet, den Darstellern hilfreich zu sein bei der Erarbeitung eines ernst zu nehmenden Charakters ihrer Figuren. Liebe, die von Belang sein will, kommt ohne Charakter, ohne innere Schönheit, ohne das Wunder der gefühlten Einmaligkeit zweier sich Liebender und die daraus erwachsende Kraft, auch den Tod auf sich zu nehmen, nicht aus. Das will gespielt sein. Aber dieses Spielen gelingt nicht. Ist das Talent der jungen Schauspieler überfordert, oder ist es die Regie?

Romeos (Felix Meusel) und Julias (Frederike Duggen) Agieren bleibt zu beliebig, gerade dann, wenn sie von Liebe sprechen. Gleichmütig lässt Rößler sie oft choreographisch, wie auch die anderen Figuren, zu ihren Szenen aufmarschieren. Romeo, mit mickriger Gitarre ausstaffiert und jämmerlichem Singsang, soll er ironisch punkten? Und wenn die beiden sich nah kommen, vermitteln sie die Distanziertheit einer Stellprobenatmosphäre. Coolness muss zwar nicht enden, wo die Intimsphäre beginnt, wohl aber hat sie im Bezirk liebender Intimität nichts zu suchen. Und so bleibt das Paar blass, bis es im Tod erbleicht.

Was für das Liebespaar den sofortigen Tod bedeuten würde – holzschnittartiges Karikieren, findet desto lebhaftere Anwendung beim übrigen Personal.

Paris (Ronny Winter), bei Brasch „ein Edelmann von Adel, Mann mit Geld und Gütern“, verkommt zu einer Witzfigur, zu einem selbstverliebten Geck mit psychopathischen Zügen.

Julias Mutter Lady Capulet (Gabriele Völsch a.G.) muss die Schlampe geben, die andeutungsweise was mit Tybalt (Alexander Frank Zieglarski) hat, der stets ungestüm und im Kostüm eines jungen Rübezahl auftreten darf.

Julias Amme (Monika Gruber a. G.) hat so gar nichts Mütterliches und geriert sich als geile Maulheldin, dass man fragen muss, warum Julia an ihr hängt und ihr vertraut.

Die Eltern Romeos, die Lady wurde gleich ganz gestrichen, spielen faktisch keine Rolle.

Blass auch Vater Montague (Jan Bernhardt). Er absolviert unaufwendig seine Auftritte in einem an Waldwirtschaft erinnernden Gutsverwalterlook.

Benvolio (Sören Ergang) und Mercutio (Dennis Junge), die hier mit gestrichenem Gesinde verschmelzen, bekommen keine Chance, anders denn als zweifelhafte Freunde und Raufbolde in Erinnerung zu bleiben.

Zalando (Marco Bahr) ist der Geniestreich dieser Inszenierung! Die Rolle wurde erfunden, um für den Zusammenhalt dieser Inszenierung notwendig ausgewählte Funktionen von gestrichenem Personal   zu erfüllen (Bruder Laurence, Prinz etc.).

Bahr tut, wie immer, sein Bestes und gibt ein schillerndes Faktotum, das seine unmaßgebliche Wichtigkeit beherzt über die Rampe zu bringen sucht, die Zuschauer quirlig durchs Programm führt und sie kurzzeitig die Ungereimtheiten seiner mit platten Zeitbezüglichkeiten angereicherten Figur vergessen lässt. – Recht glücklich scheint er in dieser Rolle nicht zu werden, bleibt Zalando am Ende doch auch nur eine Karikatur – man weiß nur nicht, wovon.

Scheinbar unbeeindruckt von alledem: Markus Voigt als Capulet. Souverän und glaubwürdig umschifft er die Untiefen und Klippen dieser Inszenierung. Man nimmt ihm alles ab: seinen ehelichen Überdruss, sein Wissen um das Treiben seiner Frau und die Intrigen der Amme, seine Liebe zu Julia, die sein einzig Glück und Trost ist, sein autoritäres Auftreten und sein Pochen auf bedingungslosen Gehorsam, die Ausblendung der Verzweiflung, in die er seine Tochter stürzt und letztlich auch seinen Schmerz über ihren Tod und seine Reue.

Markus Voigt gelingt die Verkörperung eines zutiefst widersprüchlichen Charakters durch ein großes Talent und ein reichhaltiges Arsenal an schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten, das ihm zur Verfügung steht – Handwerk eben!

Es hieß, man habe eine Inszenierung vor allem für die Jugend machen wollen! Mir scheint, dieser Anspruch war zu hoch, oder besser, er war falsch. Shakespeare light, Brasch light? Brecht entgegnete einmal auf die Forderung nach Volkstümlichkeit, also gewissermaßen nach einem Brecht light, das Volk sei nicht tümlich! Kann man es netter ausdrücken?

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Was bleibt nun auf die eingangs gestellte Frage zu antworten? Statt Shakespeare oder Brasch – Shakespeareverschnitt… Nur manchmal scheint durch die Kakophonie des Banalen ein Text auf, der erahnen lässt, was weithin nicht stattfindet: Kunst!

„Wichtig erscheint mir, nicht auf eine dumme Art modern zu sein, das Stück soll in seiner Zeit belassen werden.“ Thomas Brasch

PS: Nach der Premiere besuchte ich auch die Vorstellung am 9. März, um meinen Eindruck gegebenenfalls zu revidieren.

 

trauriger kalter kaffee

13 Dez

Ich wollte eigentlich nichts über “kein Kulturerlebnis” schreiben, denn ich hatte erlebt, wie Edward Albees “Ballade vom traurigen Café” in der Greifswalder Premiere erstarb. Ich gestehe, ich kannte das Stück nicht. Und ich kenne es auch heute noch nicht; ein unmissverständliches imperatives Missbehagen sagte mir: Das kann’s nicht sein! So verdrängte ich, was ich mit Pein erlebt hatte.

Herrn L.’s Anmerkungen (siehe unten!), die ich meinen Lesern empfehle, brachten mich dazu, mich, wenn auch nur fragmentarisch, zu erinnern:

… zum Schluss war da eine, man sagte mir hinterher, siebenminütige Schlägerei; zeitgemäß brutal zelebriert bis zum endlichen Totschlag – so hoffte ich jedenfalls, denn es sollte enden! In der Arena zwei ebenbürtige Schläger: Frau und Mann – psychisch. Gleichstellungsbeauftragte hätten da nichts zu meckern gehabt … wenn es das schon im Alten Rom gegeben hätte… nicht auszudenken!

… zum Schluss – aber es war denn doch noch nicht Schluss. Erstaunlicherweise – schlechtes Theater! – hatte man überlebt. Nach einer so bestialischen Prügelei hätte man alles dürfen, nur nicht überleben!

Und so gab es noch einen Auftritt in alter, “neurenovierter” Tristesse, und alle durften noch einmal ihre ausnahmslos hoffnungslosen, verkorksten, perversen usw. Charaktere über die Bühne schleppen. Blieb nur die Frage, wer hatte sie dazu gemacht? Da das Stück sinnigerweise von der Regie in den Osten der neuen Republik kurz nach 89 verlagert worden war, drängte sich zudem die Frage auf: waren die schon immer so, oder was hat da wen wohin gewendet? Beide als solche berechtigten Fragen lassen sich ernsthaft weder einzeln noch im Komplex beantworten, da ihre Voraussetzungen unsinnig sind. Das trifft den Kern der Inszenierung.

Nicht jeder Skandal deutet auf noch nicht vom Publikum verstandene Qualität/Kunst!

Greifswald hat bekanntermaßen nicht das dümmste Publikum, und das hat schon einiges, darunter auch Skandale von Rang erlebt .

Ein Rückblick:

Adolf Dresen schrieb in “Siegfrieds Vergessen”: 1964 war ich an einem kleinen, damals aber interessanten Theater im Norden der DDR, in Greifswald…” Daran war er nicht unschuldig. Er inszenierte “Hamlet”, gedacht von der Partei als Würdigung zu Shakespear’s vierhundertstem Geburtstag. Die Aufführung war nach Auffassungsvermögen der Genossen in der Kreisleitung ein Skandal; Wolfgang Heinz erkannte Dresens Genie und holte ihn ans Deutsche Theater nach Berlin.

Ähnlich erging es Gorkis “Nachtalsyl”, inszeniert von Herbert König 1984, nur landete König nicht am DT sondern im Westen. Noch heute sehe ich das Bühnenbild, offen bis zur Brandmauer der Hinterbühne, sehe Renate Krößner mit einem einstmals weißem antiken Kinderwagen und erinnere mich an das überragende Spiel aller Schauspieler, denen König neue und erstaunliche Seiten ihres Talents abringen konnte.

Und noch ein Shakespeare erregte Ärgernis bei den Genossen und Teilen des Publikums: “Was ihr wollt” (Regie: Martin Meltke, Premiere 1988) – war aber dennoch großes Theater, das während der Rekonstruktionsphase im heutigen, unsäglich benannten “Kaisersaal” stattfand. Und es war politisch, und das hatte man bemerkt: WAS IHR WOLLT! – WAS WOLLT IHR? – WAS; IHR WOLLT? usw. provozierte auf Spruchbändern!

Und davor noch, immer nah am Skandal, Peter Konwitschny 1981 mit “Gräfin Mariza” – letzter Akt als Schauspiel inszeniert, und 1982 “Schluck und Jau” von Gerhart Hauptmann…

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Ich wünschte dem Theater Vorpommern ab und zu solche, kreativen Talenten geschuldete, Skandale! Bedarf es dazu erst einer zu künstlerisch politischen Drahtseilakten animierenden hinreichend dümmlichen Administration, die Kunst zwar reglementieren, aber nicht einsparen darf? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei – aber wie dann? 

Zum Zweiten wünschte ich unserem Theater, dass das Balladendrama bald dem Vergessen anheimfällt! Das Publikum verzeiht gern, wenn es nur erst wieder mit begeisternden Bühnenereignissen beglückt wird.

“Peterchens Mondfahrt” für die Kleinen war doch schon mal ganz hübsch! Oder?

 Und nun:

Herr L. über ein Kulturerlebnis

Ich wollte mich überzeugen, schlichtweg überzeugen, ob das, was die Leute, die man ja verallgemeinernd als das Publikum bezeichnet, sagen, wirklich zutreffend sein könnte. Ich versuchte, ohne jegliche Erwartungshaltung oder gar hohe Ansprüche in die Welt einer Inszenierung einzutauchen, die in den letzten Wochen geradezu den Status des Stadtgespräches erlangt hatte….

Hans und Lea Grundig – Greifswalder Uni blamiert sich im Geiste E. M. Arndts

5 Nov

Velten Schäfer schreibt am 4. November im “Neuen Deutschland” erhellende “Anmerkungen” anlässlich einer Ausstellung von Werken beider Künstler in Greifswald.

Die Ausgebürgerte

Greifswald tut sich schwer mit seiner prominenten Künstlerin Lea Grundig

 Ernst-Moritz Arndt mit seinen antijüdischen Tiraden ist in Ordnung, die verfolgte jüdische Künstlerin Lea Grundig wird dagegen aus dem Andenken der Universität Greifswald gestrichen. Anmerkungen zu einer Ausstellung im Greifswalder »Pommernhus«.

Dass eine Lea-Grundig-Ausstellung in Greifswald einmal ein Politikum sein könnte, hätte man lange Jahre nicht gedacht. Schließlich ist die Malerin, Grafikerin und antifaschistische Widerstandskämpferin, die lange Zeit in Greifswald gelebt und gelehrt hat, eine der international bekannteren Vertreterinnen der kleinen Stadt mit der gernegroßen Universität; ihre Bilder und Grafiken werden vielerorts gezeigt. Und doch wird die Grundig-Ausstellung, die am 9. November in der Galerie »Pommernhaus« an der Knopfstraße eröffnet wird, einen tiefen Einschnitt in der Beziehung zwischen Stadt und Künstlerin markieren.

Nachdem die Greifswalder Ernst Moritz Arndt Universität im Winter bereits die Hans und Lea Grundig-Stiftung abgestoßen hatte, sind das Werk und die Person damit »privatisiert«. Das offizielle Greifswald hat Lea Grundig sozusagen ausgebürgert.

Die Geschichte ist provinziell und armselig. Denn um das Künstlerische ist es in dem Absetzungsprozess gegenüber Grundig, der auch im Caspar-David-Friedrich-Kunstinstitut der Uni schon Jahre andauerte, nie gegangen. Es ging ausschließlich um die Biografie der Künstlerin.

Lea Grundig, die 1906 in eine orthodoxe jüdische Familie geboren wurde, sich aber schon in jungen Jahren dem Kommunismus zuwandte, war Widerstandskämpferin gegen die NS-Herrschaft. Nach dem Krieg kehrte sie aus dem palästinensisch-israelischen Exil in die DDR zurück und engagierte sich in der Kulturpolitik. Ab 1964 war sie Mitglied des Zentralkomitees der SED und bis 1970 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler. 1977 verstarb sie während einer Auslandsreise.

Begraben ist Lea Grundig in Dresden, doch mit Greifswald verband sie ab 1972 der Kunstpreis der von ihr 1972 mit immerhin 48 000 Mark der DDR gegründeten Hans und Lea Grundig-Stiftung. Dieser Preis wurde von der Uni vergeben – bis die Verleihung 1996 aufgrund Grundigs DDR-Leben ausgesetzt wurde.

Der Fall Günter Regel

Zu einer offenen Debatte kam es kaum, über Jahre verwaltete die Universität das Stiftungskapital, ohne mit der Preisverleihung den Zweck der Stiftung zu erfüllen. Im Sommer 2009 kochte die schwelende Auseinandersetzung noch einmal hoch. Damals war an der Uni von einer Dissertation die Rede, die dem Thema differenziert auf den Grund gehen sollte. Doch obwohl eine solche Untersuchung bisher nicht vorliegt, übergab die Uni die Stiftung bereits im Februar 2011 an die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern. Die will ab kommendem Jahr den Preis wieder vergeben.

Persönlich wurde Lea Grundig vorgeworfen, an einer Maßregelung des Leipziger Kunstprofessors Günter Regel beteiligt gewesen zu sein. Inwieweit das aber tatsächlich stimmt, ist mehr als unklar. Professor Günter Bernhardt und Dr. Kurt Feltkamp, die beide schon vor der Wende in Greifswald lehrten, hatten gegenüber einer Zeitung damals eher das Gegenteil bezeugt: Lea Grundig habe Regel damals sogar gelobt. Doch auch das hat Lea Grundig nicht geholfen im posthumen Prozess über ihr Leben.

Es bleibt ein wirklich übler Nachgeschmack: Im »Fall« des Ernst Moritz Arndt, dessen antijüdische Tiraden zwar historisiert werden müssen, aber sich doch unappetitlich lesen und vom »Freiheitskämpfer« Arndt nicht einfach abgespalten werden können, hat die Uni stets die Position bezogen, dass solche Widersprüche im Leben historischer Personen eben ausgehalten werden müssten. Im Fall der verfolgten Jüdin ist Zweideutigkeit dagegen nicht erlaubt.

Unbekannte Zeichnungen

Es ist also ein düsteres Ambiente, in dem das »Pommernhus« nun Grundigs Bilder aufhängt. Zu sehen sind Werke aus dem Zyklus »Im Tal des Todes«, einer der ersten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Erstmals gezeigt werden auch bislang kaum bekannte Zeichnungen von Hans Grundig.

Es wird bei einem Rundgang beschämend sein zu wissen, dass sich die Greifswalder Nachwendeuniversität das Urteil anmaßt, Lea Grundig habe aus ihrem Erleben die falschen Konsequenzen gezogen.

Sven Giegold in Greifswald – Steuergerechtigkeit in der EU (?)

2 Nov

Podiumsdiskussion mit Sven Giegold, MdEP, und Dr. Barbara Muraca, 4. November, 18 Uhr, Roter Salon Brasserie Hermann

“Die Schere zwischen Arm und Reich wird seit Jahren größer, die Vermögenssteuer wurde abgeschafft, der Spitzensteuersatz in den vergangenen Jahren immer wieder gesenkt, während den sozial schwächeren Gesellschaftsschichten keine Entlastung gewährt wurde. Immer wieder ist in den Medien von „Steueroasen“ in der Schweiz, Luxemburg oder Liechtenstein zu lesen, die es auszutrocknen gilt. Griechenland, Irland, Portugal und nun womöglich auch Italien sind in eine tiefe Staatskrise gestürzt, dessen Ursache nicht zuletzt auch darin zu suchen ist, dass auch in diesen Ländern eine steuerliche Umverteilung von unten nach oben stattfand.

Das Bündnis Solidarisches Greifswald hat angesichts der Aktualität des Themas den Grünen Politiker und Attac-Mitbegründer Sven Giegold zum Gespräch mit der Greifswalder Wissenschaftlerin Dr. Barbara Muraca eingeladen. Es soll zusammen mit dem Publikum diskutiert werden, ob und inwiefern Steuergerechtigkeit in der EU lediglich eine „hohle Phrase“ oder ein erreichbares Ziel ist.

Das Bündnis Solidarisches Greifswald ist ein Vernetzungsbündnis aus politisch und zivilgesellschaftlich aktiven Einzelpersonen und Gruppen wie den Jusos, der Grünen Jugend/Grünen Hochschulgruppe, dem SDS Greifswald und der DGB-Jugend.” 

Veranstaltungshinweis des Bündnis Solidarisches Greifswald

Ökonomie und Krieg

11 Okt

“Waffenlieferungen in den Libanon, Unterstützung der radikal-islamistischen Taliban durch die USA während des Afghanistan-Krieges in den 80iger Jahren, Krieg um Öl: Rings um Konflikte, Bürgerkriege hat sich inzwischen ein regelrechter Markt entwickelt. Wo der Markt noch nicht so frei ist, wie es sich Großunternehmen wünschen, wird er frei gemacht: Mit Waffen…” Aus: Pressemitteilung Solidarisches Greifswald

solidarische moderne am 12.oktober 2011 in greifswald

Dr. Wolfgang Wodarg im Internet

Kuder ans Ruder?

17 Sep

W E R  I S T  W I R ?  I C H  (S P D)  N  I C H T !

 

UPDATE: siehe auch Syrbe oder Kuder? – Streit vor der Stichwahl am 18. September

Dembski (SPD) unterstützt CDU (Kuder) – eine Glücksfalle für die SPD?

11 Sep

“Die SPD unterstützt Justizministerin Uta-Maria Kuder in der Landrats-Stichwahl im Kreis Vorpommern-Greifswald. Das erklärte der SPD-Kreisvorsitzende Ulf Dembski im Anschluss an eine gemeinsame Sitzung des SPD-Kreisvorstands und der neu gewählten SPD-Kreistagsmitglieder.” (aus einer PresseInfo vom 8.9.11)

Gewiss bleibt es einem gescheiterten Kandidaten unbenommen, seinen Wählern für die Stichwahl eine Wahlempfehlung zu geben. Die SPD auf Kreisebene aber insgesamt in Haftung zu nehmen ohne in den Ortsvereinen die Wahl ausgewertet zu haben und sich einer Zustimmung zu diesem politisch ja nicht belanglosen Vorhaben zu versichern, halte ich für eine Verletzung innerparteilicher demokratischer Anstandsregeln.

Politisch nachvollziehbar ist dieser Schnellschuss nicht. Im Gegenteil. Was als Begründung angegeben wird, ist wenig überzeugend, fadenscheinig, perfide.

Ohne Not hat sich die SPD der CDU als Partner angedient, oder hat sie sich dies erst mit der Verpflichtung, Kuder zu unterstützen v e r-dient? Was noch nach der letzten Kommunalwahl bei der Greifswalder SPD-Basis auf wenig Gegenliebe und Widerspruch gestoßen war – die Idee einer Kooperation mit der CDU, soll nun, an der Basis vorbei, auf der neuen Kreisebene formell ins Werk gesetzt werden.

Woher nehmen die Genossen die Gewissheit, dass der neue Landkreis nur im Verein mit Hochschild, König und Liskow “solide geführt” werden kann? Freilich ist es machtpolitisch verführerisch, mit dieser “Kooperation” über 33 Sitze zu verfügen, die allerdings im Ernstfall nur über eine  Mehrheit verfügt unter der Voraussetzung, dass der “demokratische” Rest von 30 Abgeordneten sich moralisch verpflichtet, nie mit der NPD (6 Mandate) gemeinsam zu stimmen.

Aber die NPD muss auch ganz offen für die Begründung der Kooperation herhalten. Syrbe sei per se nicht wählbar: sie intrigiere, sie könne Haushaltssanierung nicht und sei für das bedauerte Wahlergebnis verantwortlich: “Das starke NPD-Ergebnis im Kreistag ist ein Ausdruck dafür, dass dort einiges im Argen lag.” so Dembski (Martina Rathke – OZ vom 9.9.11).

Das ist denn doch etwas starker Toback. Solch simple Deutungsversuche, die augenscheinlich die Realitäten vor Ort gründlich verkennen, lassen für Hoffnung auf Besserung der Lage wenig Raum. Zumal gerade wieder diesbezüglich den Parteien einiges ins Stammbuch geschrieben wurde. Z. B.: Anklam (dpa)  “Die etablierten Parteien in Mecklenburg-Vorpommern haben es aus Sicht des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Anklam nicht geschafft, die NDP-Stammwähler auf dem Land zu erreichen.”

Ob diese eilige Positionierung den Bemühungen in Schwerin, aus dem guten Landtagswahlergebnis für die SPD eine entsprechende Regierungspraxis zu gestalten, förderlich ist? Ich gehöre zu denen, für die das vor Ort eher ein Ärgernis ist – kein Glücksfall !

Andrea Ypsilanti in Greifswald

14 Jun

Chancen für eine solidarische Moderne – Wege zu einem sozialen und ökologischen Neuanfang

Die „Solidarische Uni Greifswald“  hat Andrea Ypsilanti eingeladen.

    “Andrea Ypsilanti wird am Mittwoch, dem 15. Juni 2011, um 16 Uhr im Roten Salon der Brasserie Hermann über einen ökologischen und sozialen Neuanfang sprechen und mit dem Publikum über Politik, die an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger orientiert ist, diskutieren. Ferner wird sie das „Institut solidarische Moderne“ vorstellen.”

Neoliberale Hetzschrift gegen Margot Käßmann und den Dresdner Kirchentag

7 Jun

Wenn nicht alles trügt, hat Jost Kaiser für diese Hetzschrift keinen Raum in jenen Blättern (s. u.*) erhalten, die ansonsten seinen “Grundton” schätzen. Und das will schon etwas heißen! t-online hat sich dazu bereitgefunden. Wenn’s ihre Zeitungen nicht tun, macht’s eben die Wirtschaft zur Not selbst.

Wer noch nicht weiß, wie weit Margot Käßmann zum Hassobjekt in gewissen Wirtschafts- respektive politischen Kreisen geworden ist, lese Kaisers Artikel. Sie steht exemplarisch für ein aufmüpfiges Kirchenvolk, das sich zunehmend weigert, der traditionellen Obrigkeitshörigkeit und staatstragenden Trägheit ihrer Kirche als Institution Gefolgschaft zu leisten. Während die vermeintlich ideologiefreien Funktionäre der Institution dem Zeitgeist auf dem Leim gehen und, sich von seinen Beratern beraten lassend, allerorts nach dem Motto “auch Kirche muss sich rechnen” glauben verfahren zu müssen, spüren die engagierten Gläubigen, dass dieser Weg auch die Kirche nur in die allgemeine und letzte Sackgasse führen wird. Sie haben begriffen, denn sie erfahren es täglich, dass unpolitisch-Sein bedeutet, die herrschende Politik zu unterstützen.

Was indessen Kaiser als Sprachrohr des herrschenden Systems sich wünscht, ist eine berechenbare Kirche, und nicht eine zum Risiko werdende, die in der Lage sein könnte, einen Strich durch die schönsten Rechnungen zu machen – kurz, er wünscht sich einen “neoliberalen Protestantismus”.

Allerdings: Margot Käßmann als “Ehrenvorsitzende der EKD-PDS” zu denunzieren, ist perfide und gefährlich – vor allem, weil  das Ganze als Ausdruck hochgradiger Nervosität und wohl auch als dezenter Wink an und auf die “zuständigen Organe” zu verstehen ist…

Unterdessen steigt die Beliebtheit Margot Käßmanns stetig.

Am Sonntag, den 26. Juni, wird sie im Festgottesdienst der Greifswalder Bachwoche predigen!

 

Partei mit angeschlossenem Esoterikbetrieb

04.06.2011, 11:15 Uhr | Von Jost Kaiser

Sie werden den Kapitalismus geißeln, dem Aberglauben frönen, dass der Frieden einfach so kommt, wenn man ihn nur stark genug herbeisehnt und sich baden in der Gewissheit, dass das moderne Leben mit seinem Individualismus, seinem Konsum und seiner Liberalität die Wurzel vieler Übel ist: Der Parteitag der Linkspartei findet diese Woche in Dresden statt. Nur dass sich dort nicht die Linkspartei selbst, sondern eine Art Unterorganisation derselben namens EKD, Evangelische Kirche in Deutschland versammelt.

Wenn also dieser Tage die angesichts der vom amerikanischen Satan (der hat ja den Individualismus mit erfunden) regierten Welt übel gelaunte Christen, samt „Kirche von unten“, „Markt der Möglichkeiten“ und Margot Käßmann (acht Veranstaltungen hat die Mutti der Nation in der Sachsenhauptstadt) in Dresden einfallen, dann kann man mit den Ureinwohnern nur Mitleid haben. Denn ein normales, angenehm sinnfreies verlottertes Leben ohne erhobenen Zeigefinger und schlechtes Gewissen wird für ein paar Tage in Sachsen nicht mehr möglich sein.

Wer sich das Programm des Kirchentages ansieht (es gibt 2200 Veranstaltungen), der muss einsehen, dass die evangelische Kirche sich selbst offenbar hauptsächlich als politische Partei mit angeschlossenem esoterischem Vergnügungspark sieht: man kann „Schlauchboottouren auf der Elbe machen“ und gleichzeitig etwas erfahren über „Globalisierung und Umwelt“. In der Veranstaltung „Pflicht zum Krieg – Recht im Krieg“ darf sich der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann vom versammelten deutschen Vulgärpazifismus (u.a. dem bigotten Kriegsgegner Norman Paech) zur Sau machen lassen. Und selbstverständlich hat man auch zum Essen („Ausweitung der Massentierhaltung in Deutschland als globales Problem“) und Atom („Fukushima – das Ende der Atomenergie!?“) Redebedarf. Die Antworten werden so überraschend sein, wie die der Linkspartei zu denselben Themen.

Hat Gott zur Globalisierung eine Meinung und zum Atom und zu Libyen? Was hält Gott von Gaddafi? Was sagt Gott zur Brennelementesteuer? Will Gott Steuersenkungen oder will er zugunsten der Kommunen lieber mehr Steuern, damit die ihre Straßen reparieren können? Gott schweigt.

Der Politzirkus der EKD

Aber Margot Käßmann, die Ehrenvorsitzende der EKD- PDS wird alle diese Fragen sicherlich beantworten können. Und verrät damit alles, was eine Kirche von politischen Parteien unterscheiden sollte: metaphysische Sprache, eine Welterklärung durch nicht-weltliche Antworten, eine Theologie, die sich nicht darin aufzehrt, alles mies zu machen, was ein bisschen Spaß macht im Leben, sondern Menschen Lebenshilfe gibt und nicht zivilisationsskeptische Parteiprogramme. In der EKD wird man diesen Politzirkus sicher als Folge der Nähe der Kirche “zu den Menschen” hinstellen. In Wahrheit wird auf den hunderten politischen Veranstaltungen exakt das gesagt werden, zum Teil vom selben Personal, das schon bei Maischberger, Plasberg und Maybrit das Wort erhob.

Wenn aber die evangelische Kirche sich als politische Partei positioniert, dann sollte sie sich nicht wundern, wenn sie im Pro und Contra des politischen Betriebes als normaler Akteur behandelt wird: Das hat Margot Käßmann bis heute nicht verstanden und ist allzeit “verletzt”, wenn man ihr widerspricht. Dabei hat sie sich selbst von der Pastorin zur Politikerin gemacht. Und Politikern wird in Deutschland nun mal allzeit widersprochen.

Warum aber ist die evangelische Kirche zur grießgrämigen, antiliberalen Politpartei geworden? Der Philosoph Alexander Grau macht in einem lesenswerten Plädoyer für einen “neoliberalen Protestantismus” den Ursprung für diese bis heute bestehende Grundhaltung die Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg verantwortlich: Man hatte in bestimmten Kreisen damals dem Liberalismus Schuld am Gemetzel gegeben. Auch der Einfluss des calvinistischen Theologen Karl Barth, der alles Menschengemachte, also auch die Kirche und erst Recht die Gesellschaft und ihre modernen Tendenzen für Teufelszeug hielt, sorgte für die anti-individualistische Grundstimmung in der evangelischen Kirche, die bis in die Jetztzeit anhält. Grau: “Statt den Menschen kulturelle Geborgenheit, intellektuelle Inspiration und theologische Orientierungshilfe zu vermitteln, präsentiert sich eine hochgerüstete Politkirche, die gefühlte soziale Schieflagen oder globale Missstände anklagt, dafür aber das Individuum aus den Augen verloren hat.”

Margot Käßmann weiß sicher die Antwort

Schwer vorstellbar, dass sich die evangelische Kirche von ihrem schlechtgelaunten Misstrauen gegen die pluralistische, individualistische Gesellschaft lösen wird.

Wenn man aber seit Jahrzehnten nahezu alles ablehnt, was der liberale, pluralistische Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland im Innern und Äußeren für richtig hält, von der Steuer- über die Arbeitsmarktpolitik bis hin zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr  – warum gibt man dann nicht endlich alle Privilegien auf, die dieser Staat der Kirche gewährt?

Margot Käßmann weiß sicher die Antwort.

*Jost Kaiser war Blogger bei Vanity Fair und kommentierte dort das politische Geschehen im In- und Ausland. Kaiser ist zudem Autor für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Zeit und den Tagesspiegel.“

 


Theater Vorpommern hat einen neuen Intendanten *Update*

29 Apr

Nachspeise aus der mehrfach bemühten “Gerüchteküche” und Glückwunsch

Ende gut, alles gut? Aus nicht offiziell informierten Kreisen: Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat des Theaters Vorpommern haben sich einstimmig auf einen neuen Intendanten geeinigt. Dirk Löschner soll ab Spielzeit 2012 als alleiniger Geschäftsführer die Geschicke des Theaters lenken und leiten. Zur Zeit ist er am Theater Stendal als Intendant tätig!

Herzliche Glückwünsche an den Neuen! Er übernimmt mit dem Theater ein schwieriges Erbe in einer schwierigen Situation. Es ist aber auch eine schöne Aufgabe! Wolle ihm der durchgreifende Neuanfang gelingen, für den schon jetz die ersten Signale gesetzt werden müssen! Möge er dafür die glückliche Hand haben, die wir schon lange vermissen mussten!

Toi, Toi, Toi !

Update:

Mitteilung der Interimsgeschäftsführung an das Ensemble (14.43 Uhr)

Dirk Löschner wird neuer Intendant und Geschäftsführer
der Theater Vorpommern GmbH

Die Suche nach einem neuen Geschäftsführer für die Theater Vorpommern GmbH ist abgeschlossen. Der 44-jährige Dirk Löschner wird neuer künstlerischer und kaufmännischer Leiter für die Theater in Stralsund, Greifswald und Putbus. Der Aufsichtsrat hat am 27. April in einer Sondersitzung seiner Berufung einstimmig zugestimmt.
Dirk Löschner, der seit der Spielzeit 2009/2010 Intendant am Theater der Altmark ist, wird seine Stelle in Vorpommern zum 1. August 2012 antreten. Ab sofort wird der designierte Intendant jedoch bereits für die Richtlinien der Theaterleitung zuständig sein und regelmäßig vor Ort als Ansprechpartner zur Verfügung und in stetigem Kontakt zur Interimsgeschäftsführung stehen.
Mehrere Jahre war Dirk Löschner als Verwaltungsdirektor am Landestheater Detmold tätig. Der gebürtige Berliner ist Schauspieler und Regisseur. Sein Schauspielstudium schloss er an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin ab. Es folgten ein Studium in Paris sowie das Studium der Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin.
„Wir freuen uns, dass die Suche erfolgreich verlaufen ist und wir Ihnen Dirk Löschner nun als neuen Intendanten vorstellen können. Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat sind überzeugt von der Wahl“, so der Aufsichtsratsvorsitzende Eckehard Nitschke über die Wahl des neuen Geschäftsführers.  

Theater Vorpommern – “Suchet, so werdet ihr finden”

27 Apr

Folgt man als Greifswalder Bürger Theater-Gerüchten und sucht beharrlich, kann man folgende kleine Randnotiz auf den Lokalseiten der Stralsunder OZ vom 13. April finden:

“29-Jähriger jetzt Chef der SPD-Fraktion

Stralsund – Niklas Rickmann ist neuer Fraktionschef der SPD in der Bürgerschaft. Der 29-Jährige löst Hans-Walter Westphal ab, der zuvor die Fraktion um Entlastung von dieser Funktion gebeten hatte. Er behält aber sein Bürgerschaftsmandat, wie er betonte. Gemeinsam mit dem Greifswalder Dr. Rainer Steffens wird Westphal nunmehr bis 31. Juli weiter als Interimsgeschäftsführer der Theater Vorpommern GmbH tätig sein, da noch kein neuer Intendant gefunden wurde. Die Gespräche dazu laufen noch, hieß es.”

“Suchet, so werdet ihr finden”! (Matthäus 7,7)

Wie man weiß, tat und tut man sich mit dem Suchen schwer; schon überhaupt zu einer Ausschreibung zu kommen, bedurfte es gewaltiger Anstrengungen. Zu viele Hemmnisse! Zu viele Hemmungen? Wer langsam sucht, wird in der Regel auch nur langsam “finden”.

Wer trägt für die Verschleppung die Verantwortung? Keiner! 

Es gibt einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen dem Tempo und Eifer des Suchprozesses und der Geschwindigkeit des Findens. Und es gibt noch einen anderen Zusammenhang: den zwischen dem nicht Gefundenhaben und der weiteren Bestallung der Interimsgeschäftsführung für vorerst nochmal ein Vierteljahr. Auf’s Erste gesehen kein finanzieller Verlust für den Steuerzahler – für die beiden Anwälte des Rechts aber sicher ein schönes Zubrot.

Anzumerken bleibt, dass die jetzigen Geschäftsführer durchaus mit verschiedenen Geschwindigkeiten zu jonglieren verstehen. Beispiel 1: In einem Gewalt-Ritt und einer Nacht- und Nebelaktion wurde ein  Kooperationsvertrag mit Anklam eingefädelt. Allerdings heißt es, das zuständige Ministerium tue sich damit schwer. Beispiel 2: Die schon skandalöse Verschleppung der Prozesse gegen die beiden geschassten Geschäftsführer.  

Mit Jonglieren kann man erfolgreich im Zirkus auftreten, aber kein Theater leiten!

Und weil wir gerade beim Suchen waren – ich verstehe nicht, dass nicht zumindest die Greifswalder Bürgerschaft die unendliche Geschichte an sich zieht – zu deutsch: in die Hand nimmt – hat sie sich doch einst das schöne Motto für ihr Handeln gegeben: “Suchet der Stadt Bestes”. Und was täte mehr Not als das?

Gorkis Nachtasyl am Theater Vorpommern – oder die gestohlene Seele

13 Mar

Die andere Kritik (3)

„Das Ergebnis muss die Seele berühren!“ Kevin Haigen

Die Premiere fand in Greifswald vor ausverkauftem Haus statt. Am Ende langanhaltender, wohlverdienter Applaus für die Schauspieler.

Dennoch, ein wenig fassbares Unbehagen war da geblieben, ein Rest, der nicht aufging. Hatte das, was ich gesehen hatte, noch etwas mit jenem Stück zu tun, mit dem Maxim Gorki Triumphe gefeiert, das unter Stanislawski das Moskauer Publikum erobert und mit dem Max Reinhard über fünfhundertmal sein Haus gefüllt hatte? Gewiss nicht! Ein Blick in die Bühnenfassung, man hatte die von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens gewählt, half mir, mich den Ursachen meiner zwiespältigen Gefühlslage begrifflich zu nähern.

Die Fassung ist offensichtlich der Absicht geschuldet, Gorki für uns heute spielbar zu machen.

Sollten wir, das Publikum, denn nicht mehr in der Lage sein, Botschaften aus den Tiefen der “Nachtasyle” jener Zeit empathisch wahrzunehmen?Gibt es doch, spätestens auf den zweiten Blick, beklemmende Parallelen wie die Etablierung eines neuen sozialen Elends und neuer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Ein neues Prekariat unverschuldet  überflüssiger Menschen muss sich wieder in “Asylen” einrichten, um zu überleben!

Gosch und Wiens verhalten sich zu dieser Frage skeptisch. Sie haben für ihre Bearbeitung ästhetische Schlussfolgerungen mit gravierenden Folgen für den Gorki’schen Text gezogen: Mit dem Ausmerzen des angeblich nicht mehr zu vermittelnden „sozialromantischen“ Zeitkolorits, wurden die Dialoge zugleich auch ihrer Seele – ihrer “russischen Seele” beraubt.

Philosophische Dispute über Gott und Welt, über Wahrheit, Würde, und Werte, über Arbeit und Ausbeutung, über Hoffnungen und Träume, über Sehnsüchte und Liebe – all das, was Gorki zur Charakterisierung des handelnden Personals beibrachte, wurde gekürzt oder ganz gestrichen.

Was an Dialogen übrigblieb, lässt keinen Raum mehr für dialektische Momente lebendigen Lebens, für Ironie, Hintersinn und Andeutungen, für Vermutungen und ungeklärte Fragen. Aber genau davon zehren auch auf der Bühne Echtheit und Vielfalt menschlicher Beziehungen. Wo all dies abhandenkommt, werden auch Verhängnis und Tragik geopfert, ohne die es kein Mitgefühl geben kann, weder im Publikum noch auf der Bühne!

Worauf will die Inszenierung hinaus, wenn “den Armen noch ihr letzter Besitz: die Sprache”, geraubt wird, wie Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier anlässlich Goschs Hamburger Nachtasyl-Inszenierung feststellt?

Aber damit nicht genug. Gosch und Wiens entfernen die sie konzeptionell störenden zeitlichen und räumlichen Orientierungspunkte und überlassen ihre Protagonisten einem von strukturierender Zeit unberührten Nirgendwo .

Alexej Parylas Bühnenausstattung ist in Anbetracht der Textvorlage nur konsequent. Er beseitigt alles, was im Räumlichen ein „Asyl“ auch nur erahnen lassen könnte, und verkehrt mit Hilfe einer gitterartigen Bodenschräge, zu der empor klimmen muss, wer unten ankommen soll, den letztmöglichen sinnlichen Bezug zu einem handlungsrelevanten “Unten und Oben”. Die von Katja Paryla auf die Bühne gestellten Figuren können so nur noch deplaciert wirken — und das überall.

Die Inszenierung muss ständig mit den unlösbaren Widersprüchen ihrer Konzeption kämpfen: Sie will einen allgemeinen, mithin abstrakten und symbolisch verkürzten Begriff des Unbehausten auf die Bühne bringen, der mit menschlicher Existenz wesentlich unvereinbar ist. Und dann will sie genau dort Menschen leben und sterben und die Geschichte ihres Elends erzählen lassen. Das kann unter diesen Umständen nicht überzeugend geleistet werden. Der Inszenierung gelingt nicht, zu ersetzen, was sie Gorki geraubt hat. Die Sprache, die zu sprechen sie verordnet hat, ist falsch und kann keine glaubhaften Beziehungen stiften. Alles bleibt dergestalt von einer widerständigen emotionalen Kälte durchdrungen – bis zum erlösenden Schlussapplaus.

Fazit: Es scheint sich einmal mehr zu bestätigen, dass zeitgemäße Authentizität nicht durch derart gewollte Verstümmelung vermeintlich „veralteter“ Texte zu gewinnen ist.

Auch heutiges Elend hat seine Sprache, die uns berühren, erschüttern und zu Anteilnahme und Solidarität herausfordern kann. Diese Sprache zu finden und auf die Bühne zu bringen, war augenscheinlich nicht das Anliegen dieser Inszenierung.

Greifswald und die Grundstücksfiletierung durch Dr. Fernando

9 Feb

„Dr. Fernando ist ein für die Universitäts- und Hansestadt Greifswald wichtiger und willkommener Investor.“
aus der Pressemitteilung vom 8. März 2010

Am Wochenende vor dem Internationalen Frauentag (2010) berichtete OZ über Aktivitäten des sogenannten Petruswerks in unserer Stadt. Kaum gelesen, kam aus dem Rathaus eine Presseerklärung eines anscheinend wohlunterrichteten Oberbürgermeisters.

Wer führte ihm die schnelle Feder?  Pressemitteilung vom 8. März 2010

Nun kam in die Greifswalder Medienlandschaft eine neuerliche, ausführlichere Darstellung über den Immobilienspekulanten  Douglas Fernando, seine Greifswalder Spezis und die Auswirkungen auf die kommunale Gestaltung der Mietpreise. Lohnenswert zu lesen ist auch ein kleiner Ausflug auf den Spuren Fernandos nach Graz in Österreich!Der Fleischervorstadt recherchierte umfänglich: 

Die Greifswalder Einkaufstour des Immobilienmagnaten Douglas Fernando

Man darf gespannt sein,  ob und in welchem Tempo diese Schilderungen durch das Rathaus mit einer ebenfalls in die Öffentlichkeit dringenden Reaktion gewürdigt werden. Mein Rat an Dr. König in jeden Falle: Erst lesen und dann unterschreiben!

Theater Anklam 1990 – und zwanzig Jahre später? *Update*

28 Dez

“Theater Vorpommern will mit Anklamer Bühne fusionieren”

Eine Ente, oder ein dicker Hund? Wie auch immer – aber doch Anlass, einmal einen  Blick zurück auf die Anfangszeit  der Anklamer Theater-Erfolgsgeschichte zu werfen. Ein Blick in den “Spiegel” macht’s möglich. Zur Kenntnis nehmen, oder  Augen zu und durch? Ein beklemmender Blick …

(12. Februar 2011): Der Link führt  n i c h t  mehr zum “Spiegel”-Artikel, sondern zur aktuellen Homepage  der Vorpommerschen Landesbühne GmbH !

A. Sch. hat mich freundlicherweise auf diesen BLOG-Artikel angesprochen, was mich dazu bewogen hat, ihn noch einmal zu überdenken! Nachdem ich auch anderes von M. Matussek zur Kenntnis genommen habe, glaube ich, dass seine damaligen Recherchen (1990) zum Anklamer Theater wenig geeignet  für eine gerechte Bewertung damaliger Vorgänge sind. Auch Schlüsse auf die heutige Situation sollten nicht voreilig aus dem Artikel von Matussek gezogen werden, der zu jener Zeit als “Ritter ohne Fehl und Tadel” für Kultur kämpfend und rächend durch östliche Lande zog .

Aus Ärger über die Fusionsmeldungen und andere Gerüchte, die immer dann blühen, wenn völlig unnötig “Geheimdiplomatie” ins Werk gesetzt wird, folgte ich selbst nicht meinem hier geäußerten Rat, was ich bedauere  …

Theater Vorpommern – Multhauf störte

15 Dez

Die an ihrem Theater interessierten Greifswalder Bürgerinnen und Bürger werden mit Spannung auf die Tagesordnung der letzten Sitzung ihrer gewählten Stadtvertreter gewartet haben – war dies doch die letzte Gelegenheit, nach Beschlusslage vom 5. Juli, von der Verwaltung beschlussreife und zu diskutierende Vorschläge zur Zukunft des Theaters zu hören. Aber, weit gefehlt. Stattdessen war auf die Tagesordnung die Abwahl eines Aufsichtsratsmitglieds gesetzt worden. Der Beschlussvorlage lag ein Brief des Betriebsrats vom 1. November 2010 bei, in dem dieser mitteilt, sein Vertrauensverhältnis zu Multhauf sei zerstört. (Wenn dies als Argumentationshilfe für die Abwahl gedacht war, muss die Frage erlaubt sein: Seit wann ist die Legitimität eines Aufsichtsrats, beziehungsweise eines seiner Mitglieder, vom Vertrauen des Betriebsrats – oder umgekehrt – abhängig?)

Peter Multhauf, Bürgerschaftsmitglied und seit langem im Aufsichtsrat, ist dem Vernehmen nach Einzelkämpfer gegen die fristlose Entlassung Nekovars (gewesen). Die ganze Verfahrensweise stinkt ihn an und er macht daraus auch keinen Hehl. Im März dieses Jahres schrieb der Betriebsrat einen Brief an den Aufsichtstrat, in dem, mehr oder weniger indirekt, die Entlassung des Intendanten gefordert wird. Diesen Brief leitete Multhauf umgehend an Nekovar weiter – an dessen dienstliche E-Mail-Adresse. Dieser Brief wurde nun am Rande der öffentlichen Bürgerschaftssitzung an die Abgeordneten verteilt – zu kurzfristig, um sich ein Bild von der Tragweite und Relevanz dieses Briefes machen zu können. Der Leser dieses Blogs befindet sich in einer komfortableren Lage:

Betriebsrat an Aufsichtsrat 08.03.2010 Seite 1

Betriebsrat an Aufsichtsrat 08.03.2010 Seite 2

Die Bürgerschaft wählte Multhauf mit 22 zu 19 Stimmen ab. Unabhängig davon, wie man Multhaufs nicht abgesprochene Weiterleitung von Daten aus dem Aufsichtsrat an den ehemaligen Intendanten rechtlich und moralisch werten mag – der Vorgang der Inszenierung seiner Abwahl wirft einige Fragen auf. Siehe auch Ostseezeitung von heute! Hier soll sich auf zwei Fragen beschränkt werden:

1. Wie ist der Brief inhaltlich zu werten. Was wurde verraten?

2. Wie wurde der „Verrat“ aufgedeckt?

 

Zu 1. Eigentlich enthält der Brief inhaltlich nichts, was dem Intendanten hätte unbekannt sein können oder dürfen. Es werden im Brief Fragen gestellt, die ebenso gut hätten der Geschäftsführung gestellt werden können und müssen. Weiterhin werden Versäumnisse der Geschäftsführung benannt, die ihr ebenfalls hätten bekannt sein müssen.

Was wurde nun letztlich verraten? Zum einen die Existenz dieses Briefes und sein denunziatorischer Charakter. Und zum anderen der Hilferuf: “im Namen der Belegschaft … der Belegschaft die aktuelle Lage zu schildern und um Verständnis für die vorzunehmenden Maßnahmen zu werben.“ Diese verklausulierte Formulierung  lässt auf ein damals eher noch nicht zu vermutendes Einvernehmen zwischen Betriebsrat und Aufsichtsrat bezüglich der „vorzunehmenden Maßnahmen“ schließen.

Dies allenfalls war brisant und ist es bis heute! Nimmt man dazu den Hinweis aus dem Brief vom 1. November, stellt sich die Frage, welche Auffassung von den Aufgaben eines Betriebsrates in den entsprechenden Gremien vorherrscht. Ist es korrekt, an der Geschäftsführung vorbei, Spielplanvorschläge zu erarbeiten und „vorzunehmenden Maßnahmen“ zuzuarbeiten. Letztere lassen sich im gegebenen Kontext unschwer als Entlassung der Geschäftsführung deuten. Eine solche Forderung bedürfte, wenn vom Betriebsrat aufgemacht, doch wohl eines nachvollziehbaren Auftrags durch die Belegschaft. Ohne eine Befragung, deren Ergebnis dann auch öffentlich wäre, kann nicht im Namen der Belegschaft gesprochen werden!

Diese Überlegungen, zu denen die Bürgerschaftsmitglieder kaum Gelegenheit hatten, würden vermutlich zu einer anderen Bewertung des „Geheimnisverrats“ durch den einen oder anderen geführt haben.

Es sei daran erinnert, dass die Unfähigkeit der Gesellschafter, sich auf eine Nichtverlängerung der Geschäftsführung zu einigen, trotz deutlicher Signale aus dem Theater und dem Votum des Aufsichtsrats, zu dieser ganzen unerfreulichen Situation geführt hat.

 

Zu 2. Laut OZ wurde nun dieser Geheimnisverrat “im Mai 2010″ von dem neuen “Geschäftsführer Rainer Steffens (CDU)”  entdeckt. Da konnte es aber noch keinen neuen Geschäftsführer geben, denn Nekovar erhielt erst am 28. Mai die telefonische Mitteilung seiner fristlosen Entlassung. Man hatte „übersehen“, dass er sich in Japan auf Tournee mit seinem Ensemble befand. Wirksam wird eine solche Entlassung erst mit Zugang der schriftlichen Ausfertigung, und dies konnte realistischer Weise nicht vor dem 2. Juni passieren. Zugang zu seinem Rechner hätte man sich vor Übergabe seines Büros nur mit Hilfe eines Staatsanwaltes verschaffen können, oder eben erst  n a c h  der Übergabe. Dass ein Intendant berechtigt ist, seinen PC auch für „persönliche Post“ zu nutzen, dürfte unstrittig sein. Daher musste ihm auch Gelegenheit gegeben werden, diese vor der Übergabe zu löschen. Da Gesellschafter und Aufsichtsrat mit juristischer Kompetenz nicht unterversorgt sind, muss man schon staunen, dass solche, gelinde gesagt, Verfahrensfehler unterlaufen sind. Auch dieser unerwähnt gebliebene Aspekt hätte bei der Abwahl eine Rolle spielen können.

Der ganze Vorgang wirft kein vorteilhaftes Licht auf die Praktiken im Umgang von Gesellschaftern, Aufsichtsrat und Betriebsrat mit ihren Geschäftsführern. Dass darunter auch das Vertrauen innerhalb des Aufsichtsrats gelitten hat, ist eigentlich nicht verwunderlich – umso mehr das Geschrei der Gerechten, die, sich treu bleibend, Multhaufs Abwahl betrieben haben.


Greifswald und die Weihnachtstanne

17 Nov

Eine Betrachtung zum Advent 

Der Gedanke an den jährlichen Greifswalder Weihnachtsmarkt lässt nicht nur Herzen höher schlagen, sondern treibt so manchem (OZ-Leserbriefe) immer wieder die Schamesröte ins Gesicht. Die deutsche Kanzlerin – CDU-Vorsitzende und im Osten sozialisierte Pfarrerstochter – wird nicht müde, für ihr Land christlich-abendländische Kultur und Werte zu reklamieren. So auch jüngst wieder in Karlsruhe. Doch wie sieht es damit in den Niederungen ihrer östlicher Provinzen aus? Nicht viel anders als anderswo. Nur augenscheinlich etwas krasser. Etwas heidnischer. Vierzigjährige Demissionierung durch eine atheistisch geprägte Staatsmacht hat ganze Zuarbeit geleistet. Das haben wir hier dem Westen schon mal voraus. Als im verschwundenen „Sozialismus“ am Karfreitag im Greifswalder Theater „Polenblut“ gegeben wurde, hielt ich es für eine Perfidie des Systems.

Was einst die Ideologie der Staatspartei über ihre Bürger verhängte, vermag heute vielleicht noch effizienter das herrschende Wirtschaftssystem: die Entweihung „alles Heiligen“. Mehr noch: die ideologisierte Logik der Gier duldet keine Rücksicht auf Sentimentalitäten. Menschlichkeit, Kultur und Religion werden in Nischen des Privaten gedrängt, soweit sie sich nicht vermarkten lassen.

Was hat dies zu tun mit dem „Streit um den Weihnachtsbaum“ (OZ 19.1.2010)?

Die Pfarrer der Stadt schlagen Alarm. Und Axel Hochschild (CDU) läuft Sturm, denn die Weihnachtstanne auf dem Markt soll noch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr geschmückt werden. An diesem Sonntag wird traditionell unserer Toten gedacht. Da störe ein geschmückter Weihnachtsbaum, meinen die Protestler. Mir erscheint diese Argumentation eher hilflos. Vom Standpunkt der Kirche aus sollte der erste Advent die Grenze für den Beginn vorweihnachtlicher Aktivitäten sein. Totensonntag allein ist ein dürftiges Argument für das damit angeschnittenes kulturelles Problem.

Der Weihnachtsbaum, wie übrigens auch der Weihnachtsmann, fand verhältnismäßig spät Eingang in die christlichen Traditionen des Weihnachtsfestes. Für den christlichen Glauben sind beide nicht existenziell. Wer nüchtern um sich blickt, muss bekennen, Weihnachtsbaum und Weihnachtsmann haben sich längst von ihrem religiösen Ursprung gelöst. Bei Umweltbewussten ist der Baum fragwürdig geworden, der Sparsame holt alle Jahre wieder sein Plasteexemplar hervor und die Ängstlichen benutzen   elektrische Lichterketten. Bienenwachskerzen und duftende Koniferen sind nur mehr noch etwas für stilbewusste Bürger. Und der Weihnachtsmann wurde längst zum allgegenwärtigen süßen Schokoladengötzen, mit denen vornehmlich und in Massen die Kinder der Unterprivilegierten abgefüllt werden. Wirtschaft und Handel haben sich dieser Symbolträger als Dekor und Verkaufsschlager bemächtigt und traktieren uns damit ab Oktober, weit vor dem Advent. Fällt in diesem Zusammenhang eine geschmückte Tanne auf dem Markt totensonntags noch ins Gewicht?

Andererseits muss eine kultur- und wertebewusste Stadt nicht alles mitmachen. Mit Wehmut blicke ich zurück in die Zeit der Kindheit, die zugleich eine des Mangels war; zurück auf den ersehnten Moment, da wir jedes Jahr aufs neue beglückt wurden durch den ersten Blick auf eine im Lichterglanz der Kerzen erstrahlende Weihnachtstanne – in der Kirche oder auch im häuslichen Weihnachtszimmer, das vorher nicht betreten werden durfte.

Was bedeutet dagegen ein von einfallslosen „Pädagogen“ im Verein mit einem dubiosen Weihnachtsmarketing organisierten Event des Baumschmückens lange vor der Zeit? Werden Kinder da gedankenlos missbraucht, vermarktet, verwertet?

Das hätte „die Stadt“ doch wohl in der Hand!

Wenn überhaupt etwas von Kultur mit christlichem Erinnerungswert gerettet werden sollte, könnten ihre Vertreter darauf bestehen, dass der einzige Schmuck der Tanne eine Lichterkette sei. Bis zum Abend des vierundzwanzigsten Dezembers dann sollte sie “schwarz und schweigend“ inmitten des kommerziellen Trubels stehen und allein vom Weihnachtsmarkt beleuchten werden – soweit es denn reicht. Ihre große Stunde käme erst, wenn der Spuk vorüber ist. Dann könnte sie mit Beginn der Dämmerung des Heiligen Abends ihren Glanz über unseren schönen Marktplatz bis in den Januar hinein erstrahlen lassen.

2. Philharmonisches Konzert in Greifswald (9. November 2010)

11 Nov

Die andere Kritik (2)

Das Haus war so gut wie ausverkauft. Wer an diesem neunten November sich entschied, das Konzert zu besuchen, durfte getrost die Schicksalslastigkeit dieses Datums vergessen. Wer das nicht konnte, den erwartete eine Art Kontrastprogramm. Deutsches vom Deutschesten lockte die Besucher: Brahms, Hübler, Schumann. Entschuldigung – wer ist Hübler?

Oft beginnen Konzerte mit einem gefälligen oder unbekannten Stück, mehr oder weniger zum Einspielen. Gewählt war eine Serenade von Brahms, die zweite in A-Dur. Wohl weniger gespielt und daher weniger gekannt als die erste – mir schien, zu Recht. Ein sperriges Stück und gerade wohl nicht zum Einspielen geeignet. Es zum Klingen zu bringen, bedarf höchster Konzentration. Das hätte schon beim Einstimmen beginnen müssen. Die Bläser, von Brahms eigenwillig überrepräsentiert, ließen den als Weichzeichner gedachten Streichern, wohl auch ihrer sparsamen Besetzung wegen, im Bläsergestrüpp keine Chance. Und so  ging das, stoisch durchgezogen,  fünf zeitdehnende Sätze lang. Wenn mein Eindruck nicht täuschte, wussten viele nicht recht, wozu sie gebeten. An Serenade zumindest war nicht zu denken.

Im zweiten Teil vor der Pause gab es dann Anlass zum Aufatmen. Vier solistische Hörner demonstrierten ihr Können und zugleich die bekannte Tatsache, dass Schwung und Präzision beim Hörer Effekte erzeugen, die begeistern – und die ein Publikum wohl auch erwarten darf.

Es erklang das  Konzertstück für vier Hörner von Hübler.

Carl Heinrich Hübler war Zeitgenosse von Brahms und eigentlich Hornist. Ein vielgerühmter, der sich auch im Komponieren versuchte, und mit seinem Hornkonzert vermutlich den Zeitgeschmack vortrefflich bediente – musikalisch eher simpel, aber, wie schon angedeutet, vielleicht eben deshalb auch heute noch publikumswirksam.

Dann, nach der Pause, wie üblich das Stück für den Dirigenten. Schumanns Zweite. Der erste Eindruck: die Streicher hatten zu ihrer “Tagesform” gefunden. Auch diese Sinfonie eher selten gespielt. Und dann in einer Fassung von Gustav Mahler. Warum? Aus dem Programmheft geht es nicht hervor. Dass Mahlers „Retuschen“ daran orientiert gewesen sein sollen, „eine bessere Durchhörbarkeit zu gewährleisten“ konnte, zumindest an diesem Abend, in praxi nicht verifiziert werden. David Zinman, seit 1995 Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters, meinte, Beethoven zu dirigieren brauche man Kraft. Nicht so bei Schumann. „Es geht (da) nicht um Kraft, sondern um Besessenheit… So etwas findet man in keiner anderen Musik.“

Etwas davon hätte ich mir gewünscht!

Freizeitbad: Vom „Pfusch am Bau“ zur „Osnabrücker Gang“

7 Nov

Filz im Greifswalder Rathaus

Nun ist es raus: Bau-Pfusch am Schwimmbad. Nicht nur für Greifswald überdimensioniert geplant und gebaut, sondern auch noch gepfuscht! OZ berichtet auf Seite 11 der Greifswalder Zeitung. Nun muss nur noch die Verbindung zu Seite 12, den „Machenschaften der Osnabrücker Gang“ geklärt werden. Da klafft noch eine Lücke für unsere investigativen Journalisten.

Der aktuelle Schwimmbadskandal ist eine gute Gelegenheit, Antwort auf weitere Fragen zu suchen: Wer hatte ein Interesse, die für Greifswald überdimensionierte Planungsvariante durchzusetzen? (Nebenwirkung: Schwimmbad ist nicht ausgelastet. Preise sind überhöht, so dass das Freizeitbad seiner sozialen Funktion* nicht gerecht werden kann.

Diese Frage provoziert die nächste: Wem nützt das – wer waren die ersten Investoren (Geldgeber)?  Es wäre interessant, inwieweit Greifswalder Honoratioren da mitverdienen wollten. Wie sahen die Verträge aus? Gibt es doch immer gut zu verdienen, wenn das Verlustrisiko bei der Kommune bleibt und die Verluste dem Steuerzahler aufgebürdet werden können.

Es wäre im Rathaus angebracht, die Maske ehrenwerter Ahnungslosigkeit abzulegen und sich einzugestehen, dass die Zeit der empörten Gesten vorbei ist. Verantwortung wahrnehmen, beginnt mit der Erkenntnis, Teil einer Verwaltung zu sein, die es kräftig zu entfilzen gilt.

*webmoritz

Greifswalder Freizeitbad – Pfusch am Bau?

Freizeitbad – quo vadis?

Helmut Maletzke – Pressetext

26 Okt

Herr Maletzke hat mir seinen Pressetext als Antwort/Kommentar zu

“Maletzke -Gedanken zu einem Interview” zur Veröffentlichung auf diesem Blog zugesandt:

Pressemitteilung

Zu meinen MfS-Kontakten möchte ich Folgendes erklären:

Ich weiß, dass meine IM-Tätigkeit in jeder Hinsicht, nicht nur wegen ihrer langen Dauer, ein großer Fehler war. Unabhängig davon kann ich mich selbst erst nach Einsicht in die Akten zum Ausmaß und zur Bedeutung dieser Tätigkeit äußern.

Ich habe mich vor fünfzig Jahren leichtfertig auf Kontakte mit Vertretern des MfS eingelassen. Sie gaben vor, Missstände beseitigen zu wollen, die zu dieser Zeit aus meiner Sicht im künstlerisch-kulturellen Bereich der DDR auftraten.

Dass meine diesbezüglichen Aussagen, anders als von mir beabsichtigt, zum Schaden anderer ausgewertet und benutzt wurden, habe ich bisher nicht in Erfahrung bringen können, kann es aber auch nicht ausschließen.

Personen, die in ihren MfS-Akten Einträge von mir gefunden haben und sich und ihre Privatsphäre dadurch verletzt fühlten, habe ich, soweit sie sich an mich gewandt haben, um Verzeihung gebeten.

Mein damaliges Verhalten bedauere ich sehr, und bitte alle von mir Enttäuschten um Entschuldigung.

Helmut Maletzke

Greifswald, den 26.10.2010


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